Dietrich Grönemeyer: „Bewusstes Kochen ist die beste Hausapotheke“

  • Nahrung ist Medizin – da sind sich der Mediziner Dietrich Grönemeyer und der Spitzenkoch Volker Mehl sicher.
  • Die beiden Experten haben in ihrem neuen Buch „Heilsam kochen mit Ayurveda“ für die häufigsten Beschwerden die passende „Medizin“ parat. .
  • Im Interview sprechen sie darüber, wie „herrlich handfest“ die ayurvedische Küche ist.
Katrin Schreiter
|
Anzeige
Anzeige

Hannover. Prof. Dietrich Grönemeyer engagiert sich seit Jahren leidenschaftlich für die ganzheitliche Medizin. In seinem neuen Buch „Heilsam kochen mit Ayurveda“ schlägt er die Brücke von der traditionellen indischen Heilkunst zur westlichen Wissenschaft. Zusammen mit dem renommierten Koch und Ernährungsexperten Volker Mehl zeigt er anschaulich, wie die jahrtausendealte Heilkunst funktioniert und wie sie helfen kann. Dem RedaktionsNetzwerk Deutschland erklären die beiden Autoren in einem Interview, wie „herrlich handfest“ die ayurvedische Küche ist.

Kochbücher gibt es unzählige, aber nur wenige von Ärzten. Warum rührt ein Mediziner mit im Kochtopf?

Dietrich Grönemeyer: Nahrung ist Medizin! Im Rahmen meiner Beschäftigung mit der Weltmedizin habe ich geschaut: Wie kann man Nahrung den Menschen als Hilfe zur Selbsthilfe nahebringen? Nicht bei jedem Bauchgrummeln, Durchfall, Schlafproblem, Leistungsabfall oder Rückenschmerz muss man gleich zum Arzt. Oft ist es schon mit der Umstellung der Ernährung, mit einem Tee oder einem Wickel getan. Kurz: den alten Hausmitteln. Pflanzen sind Arzneimittel und Kochen ist deren therapeutische Anwendung. Das bewusste Kochen einer wohlschmeckenden, gesunden Speise ist die beste Hausapotheke der Welt.

Anzeige

Wie bei Ayurveda?

Grönemeyer: Ja. Ayurveda bedeutet übersetzt „Das Wissen vom Leben“. Die traditionelle indische Medizin basiert auf einer systematischen Körper-Geist-Lehre (Body-Mind) und ist auf ein langes, gesundes und erfülltes Leben ausgerichtet. Eine gesunde und bewusste Ernährung, Kochen und Behandlungen mit Heilpflanzen, Massage- und Fastentechniken sowie Prinzipien zur individuellen und sozialen Lebensführung, Meditation, Yoga, Sport und Achtsamkeit sich selbst sowie der Um- und Mitwelt gegenüber sind wesentliche Bestandteile.

Der Mediziner Dietrich Grönemeyer und der Koch Volker Mehl erklären in ihrem Buch anschaulich, wie die jahrtausendealte Heilkunst funktioniert. © Quelle: Cover

Lässt sich frühere Medizin einfach so auf die Gegenwart übertragen?

Anzeige

Grönemeyer: Die traditionellen Heilkunden aus allen Regionen der Welt haben viele gute Ansätze. Wir müssen sie nur verstehen und überprüfen: Was gilt fort, was müssen wir beiseitelegen? Wenn wir das tun, hat die Medizin der Vergangenheit uns Wesentliches zu geben und hält noch vieles für die Zukunft bereit.

Und das schließt die Ernährung mit ein.

Anzeige

Grönemeyer: Ja, natürlich! Gesunde und gesund machende Ernährung ist ein riesiger Schatz und ein wahres Vermächtnis des Ayurveda. Der elementare Ansatz ist dabei, dass alles, was den Menschen nährt, ihn auch heilen kann: Das Zusammenspiel von Nahrungsmitteln und bewusster Ernährung auf allen Ebenen ist deutlich komplexer als in der westlichen Medizin bisher angenommen. Die Nahrung, die wir zu uns nehmen, liefert nicht nur die Energie, die wir täglich benötigen, um fit und vital zu bleiben. Sie ist essenziell wichtig, um das Mikrobiom Darm langfristig gesund zu halten. Aus diesem Grund ist die Ernährung ein äußerst wichtiger Bestandteil jeder ayurvedischen Therapie und wesentliche Vorsorge vor Erkrankungen.

Das klingt nach vegetarisch bis vegan.

Volker Mehl: Ayurveda als Medizinmethode ist nicht rein vegetarisch oder vegan. In Ausnahmefällen bei extremen Mangelerscheinungen oder Schwäche kann eine Hühnerbrühe sinnvoll sein, ich sage dann immer: Fleisch gehört in die Apotheke. Bei unserer üblichen Ernährung heißt es eher: wegen Fleisch in die Apotheke. Es geht nicht darum, die ideologische Keule zu schwingen, sondern respektvoll und demütig mit der Schöpfung, deren Teil wir alle sind, umzugehen. Da aber die meisten Zivilisationskrankheiten nicht durch Auszehrung und Mangel hervorgerufen werden, empfehle ich immer eine zu großen Teilen pflanzliche Ernährung – basierend zum Beispiel auf den Prinzipien des Ayurveda.

Aber was genau ist dann Ayurveda-Ernährung?

Mehl: Es geht in erste Linie darum, grundlegende Funktionen des Körpers zu berücksichtigen und vor allem seine Verdauung nicht zu belasten. Gerade aktuelle Ernährungstrends wie Intervallfasten oder Porridge zum Frühstück sind ja nicht wirklich neu, sondern vor allem wiederentdecktes altes Wissen. Intervallfasten und bewusstes, maßvolles Leben prägen zum Beispiel seit 1500 Jahren das Leben in jedem Benediktinerkloster …

Grönemeyer: … und viele tausend Jahre lang die ayurvedische Medizin: Fasten Tag für Tag, von abends 7 bis morgens 7, ist ein wunderbares Lebensprinzip.

Anzeige

Ayurveda spricht von Doshas. Was hat es damit auf sich?

Grönemeyer: Die ayurvedische Lehre unterscheidet die Doshas als drei Funktionsprinzipien, die helfen, um sich in dem eigenen Körper grob zu orientieren. Die Doshas sind sozusagen Bioprinzipien: Bewegung (Vata), Aufbau (Pitta) und Struktur (Kapha) nach denen die Erscheinung des Menschen eingeteilt wird. Zum Beispiel wäre ein adipöser Mann sozusagen ein „Kapha-Bärchen“, weil er eine kräftige Struktur besitzt und dazu häufig mental träge, aber beständig im Denken ist. Nicht nur körperliche und mentale Zustände werden nach diesen Prinzipien kategorisiert, sondern auch bestimmte Nahrungsmittel sowie Ernährungs-, Entspannungs- und Behandlungsprinzipien.

Wie kann ich die selbst bestimmen?

Grönemeyer: Es geht nicht darum, einen Typ schematisch zu bestimmen. Es sind grobe Anhaltspunkte für unsere Konstitution und sich täglich ändernde Kondition. In jedem von uns finden sich Anteile vom sogenannten Vata, Pitta und Kapha, wenn auch in jeweils unterschiedlicher Verteilung. Und weil nichts für immer, sondern alles im Fluss ist, ändern sich das Zusammenspiel in uns ständig. Manchmal entsteht dabei ein Ungleichgewicht im Körper oder sogar eine Krankheit. Ayurvedische Ernährung kann helfen, Körper und Psyche in einen ausgewogenen Zustand zu halten oder wiederzubringen. Es ist für mich ein intelligenter Ansatz für eine individuelle Vorsorge vor Krankheiten oder Wiedererkrankungen.

Anzeige

Das klingt kompliziert. Wie ist das einfach in der Küche umzusetzen?

Mehl: Auch Omas Kartoffelsuppe ist Ayurveda. Es geht nicht darum, möglichst unaussprechliche Gewürze zusammen mit exotischen Lebensmitteln zu kombinieren. Es geht vielmehr darum, all das, was uns die Natur gerade liefert, bewusst so zuzubereiten, dass es den Stoffwechsel entlastet – und das ist kein Privileg irgendwelcher abgehobener Spinner. Meine Mutter mit ihren 77 lebt voll nach der Idee des Ayurveda und ist bei bester Gesundheit!

Grönemeyer: Mein Tipp: Morgens und zwischendurch immer wieder warmes bis heißes Wasser trinken, leichte weitgehend vegetarische Kost, vor 19 Uhr essen und zwölf Stunden Essenspause, ein uraltes Ayurveda-Prinzip. Einfach einmal ausprobieren. Noch nie war heilendes Kochen so einfach.

Und wenn in der Familie der eine ein Pitta-Typ ist, der andere ein Vata?

Mehl: Das ist gar kein Problem, das Prinzip der Doshas wird bei uns dramatisch überbewertet in der Alltagsernährung. In den unzähligen Schriften des Ayurveda gibt es nur eine Handvoll Hinweise auf die Idee der Doshas. Es gibt noch viele weitere Aspekte, die entscheidend sind für die Gesundheit – wie Verdauungsleistung, psychische Verfassung oder mentale Stärke. Ayurveda nur auf die Doshas zu reduzieren wäre so, als ob man Deutschland nur auf Neuschwanstein beschränkt.

Gibt es allgemeine Tipps, die unabhängig von den Bioprinzipien gelten?

Mehl: Wenn möglich, sollte man überwiegend warm essen beziehungsweise Lebensmittel, die schon mal Feuer gesehen haben. Das heißt: Das Ofengemüse, selbst wenn ich es nicht warm essen kann, ist immer noch Stoffwechsel-entlastender als Rohkost.

Ayurveda im Haus erspart den Gang zum Arzt?

Grönemeyer: Das sicher nicht. Wer ernsthafte Beschwerden hat, sollte immer einen guten Arzt konsultieren. Aber Ayurveda hilft, sich von Tag zu Tag gesund zu halten. Deshalb bemühe ich mich darum, Ayurveda als ein Präventionsprinzip bekannter zu machen: Keine andere Medizintheorie der Welt schließt so viel ganzheitliches Wissen über ein erfülltes und langes gesundes Leben ein. Ayurveda ist eine Erfahrungsheilkunde, die sich durch Milliarden Anwendungen seit 5000 Jahren bewährt hat. Eine gute Grundlage für alle, die ihre eigene Gesundheitsvorsorge im Blick haben!

Prof. Dr. Dietrich Grönemeyer ist Radiologe, Medizinunternehmer, Autor und gemeinnütziger Stifter. Er gilt als einer der führenden Gesundheitsexperten in Deutschland und hat zahlreiche Bestseller verfasst. Er führt eigene Stiftungen zum Thema ganzheitliches Heilen und ist hoch geschätzter Gast in TV- und Radiosendungen. www.dietrich-groenemeyer.com

Volker Mehl ist als Ernährungsberater und Yogalehrer in seinem Ayurveda-Gesundheitszentrum und seiner Ayurveda-Kochschule in Heppenheim an der hessischen Bergstraße tätig. Er gilt als Deutschlands angesagtester Ayurveda-Koch, beschäftigt sich seit über zwanzig Jahren mit ganzheitlichen Heilmethoden, hat aktuell zwölf Bücher geschrieben und ist zweifacher Gewinner des Gourmand World Cookbook Award. www.volkermehl.com

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen