Die neue Heißzeit: der Tee als Trendgetränk aus Europa

  • Abwarten und Tee trinken – das ist für viele so etwas wie das Motto der Pandemie geworden.
  • Vielleicht erlebt das traditionsreiche Heißgetränk deswegen gerade so etwas wie eine Renaissance.
  • Inzwischen wird Tee sogar in Europa angebaut.
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Tee zu trinken bedeutet Entspannung – ihn herzustellen aber mindestens ebenso. Sattgrün drängen sich die Teepflanzen auf der Plantage der Firma Chá Porto Formoso im Norden der Azoreninsel São Miguel einen Hang hinab, unweit des Atlantiks. Die Büsche verlangen neben der milden Wärme und der oft feuchten Wetterlage der Azoren vor allem eines: Ruhe. Und die gibt es hier genug.

In den historischen Gebäuden der 1878 eröffneten Plantage sind noch immer die alten Maschinen aus britischer Produktion in Betrieb. Mit ihnen stellt Chá Porto Formoso nur eine Handvoll Teesorten her, basierend auf chinesischen Traditionen – milder als viele Tees aus Asien, aber dafür direkt vom Rande Europas.

Tee selber züchten: Der Trend kommt nach Europa

Und diese Idee haben inzwischen auch andere: Tee in heimischen Gefilden herzustellen kommt in Mode. Susie Walker-Munro baut ihre Pflanzen direkt in einem der bekanntesten Teemärkte der Welt an: in Großbritannien. Im schottischen Kinnettles, nördlich von Dundee, betreibt sie eine Teefarm. 2007 begann die Unternehmerin in kleinem Stil, 2015 professionalisierte sie ihr Geschäft gemeinsam mit der Teeberaterin Beverly-Claire Wainwright und anderen.

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Die Vorlaufzeit, um Tee anzubauen, sei lang, sagt Walker-Munro, sieben bis acht Jahre. Denn in Schottland kommt erschwerend die Witterung hinzu. Statt fertige Pflanzen habe sie Samen genutzt. „Wir importierten insgesamt 40.000 aus Nepal und Georgien“, blickt sie zurück. Diese Samen bilden lange Wurzeln, die die Pflanze tief im Boden verankere. Daraus sind die Tea Gardens of Scotland entstanden, ein Unternehmen von insgesamt neun Initiatorinnen.

„Wir haben mit vielen Tees experimentiert und uns nun hauptsächlich auf schwarzen Tee konzentriert“, sagt Walker-Munro. Der komme geschmacklich den hochgelegenen Tees aus Darjeeling, Sri Lanka oder Nepal am nächsten. „Das Klima in Schottland ahmt die Höhenbedingungen nach, in denen diese Tees angebaut werden“, beschreibt sie es.

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Die Deutschen trinken am liebsten Kräuter- und Früchtetees

Auch in anderen Regionen werden Teepflanzen angebaut: Das Landgut Tregothnan in Cornwall erntete 2005 den vermutlich ersten Tee auf britischem Boden. Selbst in Freiburg begann ein Team 2014 mit dem Ziehen von Teepflanzen aus China. Die Nachfrage ist groß: Auch in Deutschland erreichte der Pro-Kopf-Verbrauch von Schwarz-, Grün-, Kräuter- und Früchtetee im Jahr 2019 ein neues Hoch – 68 Liter. Dabei lagen Kräuter- und Früchtetees mit knapp 40 Litern vorn, Schwarz- und Grüntees folgten mit 28 Litern. Insgesamt tranken die Deutschen 47 Milliarden Tassen Tee.

Bei Kräutersorten lag der Teebeutel in der Gunst der Deutschen mit 90 Prozent weit vorn, bei Schwarz- und Grüntee eher lose Sorten (60 Prozent). Schwarztee sei bei den Sorten der klassischen Teepflanze Camellia sinensis der absolute Lieblingstee der Deutschen, sagt Kyra Schaper, PR-Referentin des Deutschen Tee und Kräutertee Verbands. „Neben den klassischen Evergreens unter den Teemischungen, wie English Breakfast oder Earl Grey, und dem Topseller schlechthin, die Ostfriesische Teemischung, ist auch die Neugier auf ungewöhnliche Provenienzen gewachsen.“ Dazu zähle Tee aus Neuseeland, Thailand, Malaysia oder Korea.

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Ostfriesland ist Weltmeister im Teetrinken

Der Weltmeister im Teetrinken ist – England? China? Weit gefehlt. Der Topseller der Teesorten lässt es erahnen: Es sind mit jährlich 300 Liter Grün- und Schwarztee pro Kopf die Ostfriesen. Dabei wird dort traditionell eine Assammischung getrunken, die einen dunklen, geschmacklich kräftigen Tee ergibt. Eine vorgewärmte Kanne mit dem losen Tee wird dafür zunächst zur Hälfte mit Wasser aufgegossen und erst nach drei bis vier Minuten komplett gefüllt. In die leeren Tassen kommt jeweils ein Kluntje, ein Stück Kandiszucker. Der Tee wird anschließend durch ein Sieb eingegossen, wobei der Kandis knackt. Ein Tropfen Sahne wird traditionell mit einem Sahnelöffel hinzugefügt – sie schwimmt dann wie eine Wolke auf der Oberfläche. Und: Traditionell rührt man den Tee in Ostfriesland nicht um, um zunächst die Sahne, dann den bitteren Tee und schließlich die Süße des Kandis zu schmecken.

In Deutschland wird in der Corona-Pandemie generell mehr Tee getrunken

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Auch Kräutertees spielen in der Gunst der Deutschen eine immer größere Rolle: „Ungebrochen ist seit Jahren alles mit Ingwer“, hat Daniel Mack beobachtet, Leiter der Teeabteilung bei Tee Gschwendner. Teetrinker in Deutschland erwarteten höchste Produktqualität und seien auch bereit, diese entsprechend zu honorieren.

Der Trend hält an. „Tee bleibt weiter stark im Trend hin zu einem gestiegenen Ernährungs- und Gesundheitsbewusstsein“, so Frank Schübel, Vorsitzender des Deutschen Tee und Kräutertee Verbands. Während der Pandemie habe die Nachfrage im Lebensmitteleinzelhandel und den Drogeriemärkten spürbar angezogen.

Dass Tee im Trend liegt, ist kein deutsches Phänomen. Allerdings unterscheiden sich die Wege, das wohltuende Heißgetränk in den Alltag zu integrieren – ebenso wie die Zubereitungsweisen.

Zuerst Tee oder zuerst Milch? England ringt um die Reihenfolge

Tee wird in England mit Milch getrunken, so viel ist klar. Doch die Nation entzweit sich an einer simplen Frage: die der Reihenfolge – „mif“ oder „tif“, milk in first oder tea in first, Milch oder Tee zuerst in die Tasse? Ganze Abhandlungen sind zu diesem Thema erschienen. So viele Gedanken machen sich die Briten im weiteren Verlauf einer Teestunde allerdings nicht mehr. Ein Teebeutel ist das, was meist in den Kannen zu Hause landet. Und in der Regel kommt er aus dem Supermarkt, wo die klassische Breakfast-Mischung trotz zahlreicher Teefachgeschäfte noch immer der Verkaufsschlager ist. Zum Afternoon Tea, zu dem neben Tee auch Sandwiches, Scones und Gebäck gehören, wird in der Regel Earl Grey gereicht.

Vom pulverisierten Grüntee bis zu aufgegossenen Blättern: China zelebriert jede Tasse

Vor allem Jasmin- und grüner Tee sind in China weitverbreitet – für eine Zeremonie verwenden viele jedoch gern Oolong, der vor allem aus Taiwan stammt. Dabei werden zunächst Kanne und Trinkschale mit heißem Wasser gereinigt und vorgewärmt. Anschließend übergießt man die Teeblätter in der Kanne mit heißem Wasser. Dieser erste Aufguss wird nicht getrunken, sondern weggeschüttet – er soll lediglich die Bitterkeit mildern. Beim zweiten Aufguss zieht der Tee bis zu 30 Sekunden, bevor er in die Schälchen gegossen und getrunken wird. Je nach Qualität des Tees sind mehrere Aufgüsse derselben Blätter möglich, sie müssen dann nur immer länger ziehen. Es gibt zahlreiche regionale Unterschiede der Zubereitung – unter anderem pulverisierten Grüntee (Tibet) oder die Beigabe von Früchten (Südchina).

Auch in Japan gilt eine Teezeremonie als Lebenseinstellung

Traditionell ist eine Teezeremonie in Japan weitaus mehr als eine bloße Tasse zwischendurch – sie ist eine Lebenseinstellung. Im Zentrum steht Matcha, ein grüner, zu Pulver gemahlener Tee. Er wird in einem penibel festgelegten Ritual zu einer schaumigen Flüssigkeit aufgeschlagen und in förmlicher Atmosphäre genossen. Das beginnt schon mit der Vorbereitung: Zu einer echten (mehrstündigen) Teezeremonie (cha-ji) in einem Teehaus wird man persönlich eingeladen. Gäste erscheinen im Kimono, neben dem Tee gibt es ganze Mahlzeiten. Matcha wird auch außerhalb dieser traditionellen Zeremonien oft mit Wagashi, einer japanischen Süßigkeit, serviert – die man vor dem ersten Schluck aufisst.

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