Die Maske als Kultobjekt: Das steht uns gut zu Gesicht

  • In erster Linie sollen uns Masken davor schützen, krank zu werden und Mitmenschen anzustecken.
  • Doch je länger wir die Mund-Nasen-Bedeckung tragen, desto wichtiger wird uns auch ihr Aussehen.
  • Die Modebranche macht jetzt aus dem Mundschutz ein attraktives Accessoire.
Kerstin Hergt
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Ob bei den Massai, den Inuit, den Aborigines oder den Navajos – in vielen Kulturen war und ist das Herstellen von Masken eine mit magischen Formeln und geheimnisvollen Riten aufgeladene Zeremonie. Nicht jeder ist eingeweiht, darf die Maske berühren oder gar aufsetzen. Denn die Bedeckung selbst gilt als verehrungswürdiges Kultobjekt, das vor allem Bösen bewahren soll. So auch vor Krankheit und Tod.

Natürlich ist ein Mund-Nasen-Schutz aus Vlies oder Baumwolle, wie wir ihn derzeit im öffentlichen Leben tragen, nicht zu vergleichen mit den häufig das ganze Gesicht verbergenden Kunstobjekten afrikanischer Stämme oder von Naturvölkern. Doch es gibt durchaus Parallelen: Auch uns soll die Maske in erster Linie davor schützen, krank zu werden. Und je länger wir sie nutzen, umso mehr Wert legen wir auch auf ihr Aussehen.

Designer haben Masken schon vor Corona als Accessoire eingesetzt

Haben wir uns zu Beginn der Maskenpflicht allein mit dem begnügt, was im Baumarkt, in der Drogerie oder aus dem Fundus alter Stoffreste greifbar war, achten mittlerweile eine Menge Menschen sehr genau darauf, mit was sie ihre untere Gesichtshälfte verhüllen. Die Maske dient nicht mehr nur allein dem Vermeiden von Tröpfcheninfektion, sondern ist zum modischen Statement avanciert. Manch eine hat gar das Zeug zum Kultobjekt.

Bereits vor der Corona-Pandemie haben Designer Mundschutzmasken als Accessoire eingesetzt. Insbesondere mit Blick auf die kaufkräftige Kundschaft aus Asien führen viele europäische Luxuslabels schon seit Langem modische Mund-Nasen-Abdeckungen im Sortiment. Denn in japanischen und chinesischen Metropolen ist das Tragen von Masken aufgrund von Smog, aber auch der seit Ausbruch der Spanischen Grippe im Jahr 1919 herrschenden Angst vor Epidemien seit Jahrzehnten selbstverständlich.

Auch in Berlin werden Masken als Accessoire entworfen: Die Designerin Hadas Foguel zeigt Mundschutzmasken ihres Labels Foguelina. © Quelle: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/

Die Maske soll zum Outfit passen

So sehr, dass die Maske ein Teil der Kleidung ist und idealerweise auch zum Outfit passen soll. Dabei ist das Ziel, dass sie sich harmonisch ins gesamte Aussehen einfügt und idealerweise ein Muster oder eine Farbe der Oberbekleidung widerspiegelt. Die Maske soll auf diese Weise optisch nicht grell hervorstechen, sondern eher wie ein hübscher Schal getragen werden, der einerseits praktisch, aber auf seine Art auch kleidsam ist.

Gleichwohl haben Modemacher die Maske in der Vergangenheit auch immer wieder als provokanten Hingucker eingesetzt. Bei der Französin Marine Serre, die Runwayshows gern als Weltuntergangsszenarien präsentiert, sind Atemschutzmasken fester Bestandteil ihrer Kollektion – und gefragter denn je. Die Filtermasken aus Polyester sind derzeit jedenfalls ausverkauft.

Auf der Beliebtheitsskala ganz oben stehen außerdem die Modelle von Off-White. Wer eine Maske des angesagten Streetwearlabels von Virgil Abloh ergattert hat, trägt meist nicht ohne Stolz das Logo zur Schau – auch an Orten, wo keine Maskenpflicht herrscht.

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Neue Ausstellung im Nationalmuseum Prag: Die künstlerische Vielfalt der Mund-Nasen-Masken
1:40 min
Seit in vielen Teilen der Welt Maskenpflicht herrscht, ist klar: Auch bei der Gestaltung des Mund-Nase-Schutzes sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt.  © Reuters
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Maskenproduktion in Deutschland: Rund 22 Millionen pro Woche

Mittlerweile hat fast jede Modemarke eigene Masken im Angebot. Zu Beginn der Pandemie, als es an Schutzmaterialien fehlte und die Menschen andere Sorgen hatten, als sich neue Klamotten für Frühjahr und Sommer zu kaufen, rüsteten die Marken des Luxuskonzerns Kering, der unter anderem Gucci und Balenciaga unter seinem Dach vereint, kurzerhand ihre Maschinen um und stiegen im großen Stil in die Fertigung von Masken für Krankenhäuser ein. Nun brummt auch das Geschäft für Stoffmasken für den privaten Gebrauch.

In Deutschland produziert dem Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie zufolge jedes zweite Textil- und Modeunternehmen Schutzmasken. Pro Woche sind es rund 22 Millionen Stück. Einen Großteil machten Mund-Nasen-Bedeckungen für Verbraucher aus. Die praktischen Accessoires dienen nicht zuletzt auch Marketingzwecken. Jetzt prangt so manches Logo nicht mehr nur auf T-Shirts, sondern noch zentraler mitten im Gesicht.

Nachhaltige Masken: Spenden gehen an Ärzte ohne Grenzen

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Auch das Modelabel Armedangels aus Köln fertigt Masken. Bei dem auf nachhaltige Kleidung aus Biobaumwolle und recyceltem Polyester spezialisierten Unternehmen steht jedoch weniger das Firmenlogo im Vordergrund als eine Botschaft: “I Warmly Smile Under This Mask” – die Modelle mit diesem Schriftzug sind ein Bestseller. Und das nicht nur, weil sie den Träger besonders sympathisch wirken lassen und nicht selten wohl auch sein Gegenüber zum Lächeln bringen, sondern auch, weil ein Teil des Verkaufs der Organisation Ärzte ohne Grenzen und ihrem Kampf gegen das Coronavirus in mehr als 70 Ländern zugutekommt.

Seit März sind rund 600.000 Euro an Spenden zusammengekommen. Erklärtes Ziel von Martin Höfeler, Gründer und Geschäftsführer von Armedangels, sind eine Million Euro für die Hilfsorganisation. Also wird fleißig weiterproduziert – auch, um selbst zu überleben. Denn wie alle Modefirmen hat auch die Kölner Marke mit Umsatzeinbrüchen zu kämpfen.

Manch kleinem Label hat sogar erst die Produktion von Masken Aufmerksamkeit eingebracht. So etwa der New Yorker Marke Collina Strada von Hillary Taymour. Während des Lockdowns nähte Taymour in ihrem Atelier aus Stoffresten früherer Kollektionen Masken, die so originell wie schön sind, dass sie schon bald in allen großen Modemagazinen Erwähnung fanden. Das Besondere ist die Halterung aus eleganten Stoffschleifen. Das passt vielleicht nicht zu jedem Outfit, aber zumindest um jeden Kopf. Denn was nützt schon ein schillerndes Logo oder edles Material, wenn die Maske zu locker oder zu fest sitzt?

Mund-Nasen-Masken des Labels Maisonnoee werden im Atelier des Modelabels in unterschiedlichen Mustern genäht und im Onlineshop angeboten. In der Corona-Krise wurde der Mund-Nase-Schutz rasch zum modischen Accessoire. © Quelle: Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa

“Eine Maske erzählt uns mehr als ein Gesicht”, glaubte der Ästhet Oscar Wilde. Nehmen wir ihn doch wörtlich und schmücken wir uns noch ein bisschen mit diesem Accessoire, das für so viel Gesprächsstoff sorgt, so häufig Blickfang ist, unsere Fantasie beflügelt – und uns und andere schützt.

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