Unpassend? Das Imageproblem der Jogginghose, das eigentlich keines mehr ist

  • Jogginghose gleich Gammellook, hat die Rektorin eines privaten Gymnasiums in Hannover kürzlich befunden und das beliebte Kleidungsstück mit einem Verbot aus ihrer Schule verbannt.
  • Doch so einfach ist das nicht: Denn die weiten, sportlichen Hosen sind mittlerweile längst im Straßenbild und der Haute Couture angekommen.
  • Dennoch haben sie nach wie vor ein Imageproblem, das es aufzuheben gilt, fordern Modeexperten.
Helene Kilb
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Hannover. Schluss mit Jogginghosen: Bereits im März hat eine Realschule im baden-württembergischen Rottenburg die bequemen Hosen aus dem Schulalltag verbannt, nun erregte das Verbot in der hannoverschen Kämmer International Bilingual School Aufsehen. Nach wie vor haftet das Image des schmuddeligen und etwas prolligen Kleidungsstücks an der Büx – genährt haben es auch Kunstfiguren wie die etwas schlicht daherkommende Cindy aus Mahrzahn, die jahrelang im pinkfarbenen Joggingdress auftrat.

„Jogginghose“ ist veralteter Begriff

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Völlig zu Unrecht, findet Gerd Müller-Thomkins, Geschäftsführer des Deutschen Mode-Instituts. Zusammen mit seinem Team recherchiert und analysiert er Trends in der Modebranche. „Die Hose sucht wortwörtlich das Weite“, sagt er. Weitere Hosenformen seien so angesagt wie nie zuvor, gerade die Jogginghose habe „diverse modische Metamorphosen durchlebt bis zum eleganten Kleidungsstück“. Der Begriff „Jogginghose“ sei zudem veraltet und eine unzulässige Verallgemeinerung, denn: „Jogger joggen nicht mehr in Jogginghosen.“

Das weite Beinkleid mit den eng anliegenden Bündchen hat ein Problem: Die Bezeichnung als „Jogginghose“ und das allgemein damit assoziierte Bild stammen aus einer Zeit, zu der der Modeschöpfer und Urheber des vielleicht bekanntesten Jogginghosen-Zitats Karl Lagerfeld („Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren“) noch nicht mal volljährig war – nämlich aus den 30er- und 40er-Jahren.

Ihren Ursprung hat die Jogginghose in Frankreich

Als ihr Erfinder gilt der Bekleidungshändler Émile Camuset, der unter der Marke Le Coq Sportif Sportbekleidung für die französische Fußballnationalmannschaft, die Athleten der Tour de France und Spieler diverser großer Fußballvereine in Europa herstellte und später auch lange Hosen aus Jerseystoff anbot – Jogginghosen.

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In den 70er- und 80er-Jahren schaffte es die Trainingshose vom Leichtathletikplatz ins Fitnessstudio. Mittlerweile hat sie jedoch in Form des Athleisure-Looks Eingang in den Alltag gefunden: „Die Sportivität der Gesellschaft hat einen Grad erreicht, der alle Altersklassen umspannt“, sagt Müller-Thomkins, „es gilt als positiv, so zu zeigen, dass man auf dem Weg zum Sport ist.“ Entsprechende Kleidung sei eine Form der sportiven Selbstdarstellung, mit starkem Hang zur Eleganz, umgesetzt in feineren Materialien wie Seide, Jersey oder Wolle.

Zahlreiche Modedesigner haben den Trend bereits in ihren Kollektionen umgesetzt, darunter auch die berühmte Modebloggerin Chiara Ferragni, die ihre knapp 18 Millionen Follower immer wieder mit neuen stylishen Outfits entzückt.

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Auch ihr Kollege, der Modedesigner Kilian Kerner, zeigt sich ganz selbstbewusst im sportiven Schlabberlook.

Models und Influencer wie Karlie Kloss, Kylie Jenner, Alexa Chung, Kosta Williams oder Marcel Floruss zeigen sich immer öfter im Athleisure-Outfit.

Erst vor wenigen Tagen veröffentlichte das Model Kim Kardashian West auf Instagram die Weihnachtskarte für 2019, auf der sich die gesamte Familie in weiten, bequemen Hosen präsentiert.

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Trotz Jogginghosen-Trend: Schule befürchtet Diskriminierung

Doch was bedeutet das für Schüler? „Mit der im Schulvertrag vereinbarten Regelung zur Schulkleidung stärken wir nicht nur den Zusammenhalt, sondern wirken auch Diskriminierung und Ausgrenzung entgegen“, heißt es in einer offiziellen Stellungnahme der Kämmer International Bilingual School in Hannover. Das Tragen von Jogging- und Sporthosen außerhalb des Sportunterrichts entspreche nicht der Schulkleidungsordnung.

„Lässigkeit kann durchaus zu Nachlässigkeit führen“, sagt auch Gerd Müller-Thomkins, „aber die Liberalisierung von Bekleidung ist eines der demokratischen Elemente der Gesellschaft.“ Er schlägt vor, Fächer wie Textil und Ästhetik wieder einzuführen – „denn wie kann man Schülern, denen man das alles nicht mehr beibringt, vorschreiben, was sie anziehen dürfen und was nicht?“ Bildung in Sachen Mode habe mit dem Elternhaus zu tun, aber auch viel mit dem Lehrauftrag an Schulen.

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