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Der schwere Weg vom Mädchen zum Mann: Transgender-Model Ben Melzer im Gespräch

  • Benjamin Melzer ist erfolgreich als Buchautor und Transgendermodel.
  • Obwohl er als Yvonne geboren wurde, fühlte er sich nie als Mädchen.
  • Im RND-Interview erzählt er von seinem beschwerlichen Weg der Geschlechtsumwandlung.
Michèle Förster
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Benjamin Melzer ist ein Bild von einem Mann: sportlich, groß, mit blauen Augen und Fünftagebart. Aber das war nicht immer so. Denn geboren ist er als Yvonne Melzer. Im Gespräch mit dem RND hat er Ende März erzählt: von seiner Geschlechtsumwandlung, Selbstzweifeln und dem Gefühl, endlich bei sich angekommen zu sein. Eine Leseempfehlung zum internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie.

Sie hatten bereits als Kind das Gefühl, im falschen Körper geboren worden zu sein. Wie hat sich das geäußert?

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Schon sehr früh habe ich angefangen, mir Jungsnamen zu geben. Ich wollte auf Bäume klettern, fand Mädchen toll und wollte mit Autos spielen. Ich musste mich da nicht verstellen. Als kleines Kind macht man sich darüber auch keine Gedanken. Aber irgendwann fängt die Pubertät an und der Körper entwickelt sich – bei mir in eine völlig falsche Richtung. Ich dachte mir: Irgendwas passt hier nicht.

Konnten Sie sich dieses Gefühl erklären?

Absolut nicht. Mit 15, 16 Jahren habe ich mir die Frage gestellt, ob ich lesbisch bin – weil ich eben auf Mädchen stand. Für mich war aber klar, dass ich es nicht bin. Ich wollte von den Mädels eher als Junge gesehen werden. Für mich war klar: Ich bin ein Junge – und mit diesem Gefühl komplett allein auf der Welt. Das Thema war damals noch nicht in den Medien präsent, deshalb hatte ich keinen Begriff für dieses Gefühl.

Mit 18 Jahren hatten Sie schließlich Ihr Coming-out. Hatten Sie große Angst vor den Reaktionen?

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Ja, vor allem vor der Reaktion meines Vaters. Meine Mutter ist der herzlichste Mensch auf dieser Welt. Bei ihr war mir eigentlich klar, dass sie mich unterstützen wird. Aber vor der Reaktion meines Vaters hatte ich schon Schiss.

Wie haben Ihre Eltern auf den Wunsch nach einer Geschlechtsumwandlung reagiert?

Mein Vater war geschockt. Aber meine Mutter war relativ gefasst, so als ob sie schon länger damit gerechnet hätte. Wir haben uns dann hingesetzt und einfach mal gegoogelt. Dabei haben wir OP-Bilder gefunden, die uns sehr erschrocken haben. Diese Bilder und die Angst, was andere Leute über mich denken würden, haben mich so abgeschreckt, dass ich das ganze Thema erst einmal wieder verworfen habe. Ich habe gedacht: Warum will ich mir das eigentlich antun?

Transgender genießen in Deutschland viele Rechte, häufig begegnet ihnen jedoch noch Unverständnis. Haben Sie auch Erfahrungen mit Diskriminierung gemacht?

Überhaupt nicht. Ich war ein sehr lautes und aktives Kind. Vielleicht bewusst laut, um von mir selbst abzulenken. Und ich war eigentlich immer sehr beliebt, auch damals als Yvonne. Als ich mich geoutet habe, haben die meisten meiner Freunde gesagt, dass ich für sie sowieso immer der Junge war, der Yvonne hieß.

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Mittlerweile haben Sie die Geschlechtsumwandlung hinter sich. 17 aufwendige Operationen, eine Hormontherapie und psychologische Gutachten waren dafür nötig. Gab es einen Eingriff, vor dem Sie besonders Angst hattest?

Ja, vor dem Penisaufbau. Ich nenne sie immer die große OP, weil dafür neun Stunden angesetzt waren. Ich hatte schon Angst, dass ich nicht mehr aufwache. Aber ich habe es in Kauf genommen und würde es immer wieder tun.

Haben Sie sich niemals gefragt, ob es das alles wert ist?

Ich habe mich nur gefragt, warum mir das passiert und nicht einfach alles normal sein kann. Aber bereut habe ich es nie. Ich würde es heute – trotz aller Schmerzen – wieder so machen. Weil ich heute einfach bei mir selbst angekommen bin.

Und dafür haben Sie viel auf sich genommen. Hat die Transformation etwas an Ihrem Selbstverständnis verändert?

Die letzten anderthalb Jahre haben bei mir viel bewegt. Ich bin mittlerweile einfach nur froh, gesund zu sein. Vorher war ich zu sehr auf diesen Körperkult fixiert.

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Gehört ein gewisser Körperkult für Sie auch zur Männlichkeit?

Das ist einfach die Art, wie ich gern aussehen möchte. Aber es hat nichts mit Männlichkeit zu tun, ob man Muskeln oder ein Sixpack hat. Das ist nur meine persönliche Vorstellung von mir. Männlichkeit ist Stärke – und die kommt von innen.

In der Regel haben Männer ein größeres Selbstbewusstsein. Merken Sie davon auch etwas?

Ich glaube, ich habe generell ein recht großes Selbstbewusstsein. Damit wurde ich schon in meiner Kindheit ausgestattet. Es ist nicht so, dass ich arrogant wäre – ich weiß nur, was ich möchte. Ich bin heute einfach komplett bei mir angekommen.

Nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich sind Sie heute ein neuer Mensch. Was würden Sie der jugendlichen Version Ihrer selbst raten?

Ich würde mir raten, etwas geduldiger mit meinem Umfeld zu sein. Wenn man sich entscheidet, dass man ab sofort Ben heißt, kann man nicht erwarten, dass Leute, die einen 23 Jahre lang Yvonne genannt haben, von jetzt auf gleich Ben sagen. Ich war teilweise so wütend, wenn sich jemand versprochen hat – und so verständnislos. Und habe dabei völlig außer Acht gelassen, dass es für sie ja auch eine neue Situation ist.

Mit Ihrem Lebensweg sind Sie auch ein Vorbild für andere. Sehen Sie sich deshalb selbst als Transgender-Aktivist?

Es ist witzig, dass ich immer als Trangender-Aktivist bezeichnet werde, weil ich mich selbst gar nicht so sehe. Ich mache einfach nur mein Ding – und anscheinend helfe ich damit anderen Leuten und kämpfe für etwas. Wenn ich als Aktivist betitelt werde, dann bin ich wohl einer. Mir brennt allerdings auf der Seele, dass ich immer in die Kategorie LGBTQ gesteckt und als Transmann bezeichnet werde – denn ich fühle mich als Mann. Ich sehe mich selbst nicht in diesem T in LGBTQ. Ich bin zwar diesen Weg gegangen, aber jetzt habe ich es hinter mir. Ich bin zwar als Yvonne geboren, aber jetzt bin ich ein Mann, kein Transmann.

Zur Person: Benjamin Melzer wurde 1987 als Yvonne geboren. Aufgewachsen in Recklinghausen, lebt der 33-Jährige heute mit seiner Freundin in München. Seine Geschichte erzählt er im Buch “Endlich Ben. Transgender – mein Weg vom Mädchen zum Mann” (Eden Books, 17,95 Euro). © Quelle: Eden Books

War das auch der Grund für die Entstehung Ihres Buchs?

Der Grund, aus dem ich das Buch geschrieben habe, ist, dass ich so ein Buch damals dringend gebraucht hätte. Diese Antworten, die das Buch liefert, habe ich damals verzweifelt gesucht. Leider konnte sie mir keiner geben. Wenn man sich Veränderung wünscht, muss man auch offen über das Thema sprechen. Mit dem Buch möchte ich anderen Mut machen und ihnen ihre Ängste nehmen. Ich möchte aber auch aufklären. Nicht nur Betroffene, sondern alle Menschen, die sich für das Thema interessieren.

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