Den Urlaub nach Hause holen

  • Wegen der Corona-Pandemie verzichten viele auf ihren Urlaub.
  • Doch man kann sich ein bisschen Reisefeeling auch nach Hause holen.
  • Dekoartikel mit fernen Akzenten haben Hochkonjunktur.
Kerstin Hergt
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Hannover. Möchte man wirklich Fernweh haben? Oder leidet man, wenn man es denn hat, nicht vielmehr darunter, dass in diesem Sommer das städtische Freibad oder die Schrebergartenlaube das am weitesten entfernte Ziel ist, um auszuspannen? Klar, das Gute liegt oftmals näher, als man denkt. Doch das Reisen an fremde Orte hat nun mal seinen ganz eigenen Reiz.

Länder, Menschen, Abenteuer – das ist es, was in die Ferne lockt. In diesem Sommer verzichtet man richtigerweise auf exotische Trips und bleibt, wenn vielleicht auch nicht in der Heimat, dann doch wenigstens auf einigermaßen vertrautem Terrain in Pauschaltouristenhochburgen oder beliebten Ferienhausgegenden.

Digital Detoxing und Dopaminfasten

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Eine große Mehrheit der Deutschen verreist jedoch weder in den Schulferien noch danach. Und das ist, anders als in den Jahren zuvor, sogar ein Stück weit hip. Wie vieles, was mit Verzicht zu tun hat: Digital Detoxing und Dopaminfasten, Sober Curious, also die Philosophie vom besseren Leben ohne einen Tropfen Alkohol, und das Tiny House als Inbegriff von Glück durch Minimalismus stehen für ein Leben ohne mediale Reizüberflutung und für die Beschränkung von Konsum und Genuss. “Weniger ist mehr”, lautet die Devise.

Neu ist das indes nicht. Schon unter den Stoikern der Antike galten Maßhalten, Verzicht, Gelassenheit und Selbstbeherrschung als Tugenden. Heute spricht man von diesen hehren Zielen eher im Zusammenhang mit Lifestyle. Nun ist selbst das Reisen offenbar nicht mehr so identitätsstiftend wie noch vor ein paar Jahren.

Wer dieser Tage eine Kreuzfahrt oder eine Fernreise bucht, und sei es nur fürs nächste Jahr, wird kaum beneidet, sondern eher bemitleidet. Und was früher etwas abschätzig als “Urlaub auf Balkonien” bezeichnet wurde, heißt jetzt “Staycation”. Man bleibt zu Hause und steht dazu – ohne Verlegenheitslachen oder Ausreden, die den Anschein erwecken sollen, dass man ja “mit wichtigeren Dingen beschäftigt” sei.

Man bleibt zu Hause und steht dazu

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Daheim ist es am schönsten. Diesen Satz, der wie aus einem Fünfzigerjahre-Heimatfilm klingt, hört man neuerdings immer öfter. Und damit es noch schöner wird, hilft die Einrichtungsbranche nach und überschwemmt den Markt mit Dekoartikeln, die vielleicht dennoch aufkommendes Fernweh im Keim ersticken sollen, einfach dadurch, dass man sich vermeintlich Fremdländisches in die eigenen vier Wände holt.

Die Welt zu Gast im Wohnzimmer – das ist eine schöne Idee, die aber zuweilen recht sonderbare Blüten treibt. So versprechen Dekoläden mit Kleinmöbeln aus Bambus “Ethnofeeling fürs Zuhause”. Es gibt orientalisch anmutende Mobiles, japanisch aussehende Sonnenschirme, Wandteller und Fliesenaufkleber mit mediterranen Ornamenten oder auch geflochtene Fächer aus Algenfasern für einen Hauch von Südsee. Auch Kissenbezüge mit Weltkarte oder Retroblechschilder mit Postkartenmotiven aus allen erdenklichen Städten sind zu haben.

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Dieser Koffer voller Buntem stillt kein Fernweh, es schürt es nur. Wer will schon in einer Wohnung leben, die aussieht wie ein Souvenirladen? Apropos Souvenir: Vielleicht kramt man jetzt mal die Olivenschälchen aus dem jüngsten Griechenland-Urlaub hervor oder hängt endlich das Lieblingsfoto vom lange zurückliegenden Kanada-Trip auf – das weckt schöne Erinnerungen, und man kauft nichts, was man am Ende des Sommers lieber wieder so schnell wie möglich loswerden will.

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