Das mächtige Gefühl der Scham: Wofür schämen wir uns am meisten?

  • Mancher schämt sich, weil es ihm in Corona-Zeiten schlecht geht – obwohl er körperlich gesund ist.
  • Woher rührt dieses Gefühl der Peinlichkeit, bei dem man am liebsten im Boden versinken möchte?
  • Und warum ist es so mächtig?
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Von den vielen Wochen im Homeoffice und sozialer Zurückgezogenheit, von den Sorgen, wie es weitergehen wird, ist die Haut bei vielen dünner geworden. Da brechen sich manchmal Emotionen unerwartet heftig Bahn – Angst und Aggression etwa, Unsicherheit und Überdruss. Eine Freundin bricht auf die Frage, wie es ihr denn gehe, in Tränen aus. Sie vermisse ihre Chorproben und vor allem ihre Tochter und ihre Enkelinnen, sagt sie, sie fühle sich einfach furchtbar. Sogar der Nachbar, eigentlich die Gelassenheit in Person, sagt besorgt, dass es ihm langsam reiche und er nicht so genau wisse, wie er als Selbstständiger die kommenden Monate überstehen solle.

Corona-Krise lässt Gefühle hochkochen

Doch oft erlebt man im Anschluss an solche Gefühlsausbrüche oder Schilderungen noch etwas: eine Entschuldigung, überhaupt so viel Wirbel um sich und seine Befindlichkeit zu machen. Anderen Menschen, zumal in anderen Ländern, gehe es ja weitaus schlimmer. Und die Freundin meinte noch: Sie wisse auch, dass viele sie um ihren großen Garten beneiden. Der sei wirklich toll – aber trotzdem …

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Fast wirkt es, als schämten sich Freundin und Nachbar ihrer Sorgen und Ängste. Und von Corona-Scham sprechen auch Psychologen derzeit des Öfteren. Das gilt für Menschen, die Scham empfinden, weil sie unter der Pandemie leiden – obwohl sie körperlich gesund sind. Und auch für manche, die an Covid-19 erkrankt sind oder waren. Ähnlich ergeht es vielen Krebspatienten, schreibt Bettina Hitzer in ihrem Buch “Krebs fühlen”, für das die Historikerin im März den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse erhalten hat.

Scham ist oft durch gesellschaftliche Konventionen geprägt

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Da ist viel Scham in einer Gesellschaft, über die es in den vergangenen Jahren oft hieß, sie werde immer schamloser. Schließlich inszenieren sich Millionen Menschen auf freizügigen Fotos in den sozialen Medien, sprechen Paare in Trash-Shows ungehemmt über sexuelle Vorlieben, und manch einer präsentiert ungeniert seinen Reichtum oder in Doku-Soaps auch seine Armut. Intimes und Privates schamhaft zu bedecken oder zumindest nicht auszustellen scheint bei vielen aus der Mode gekommen zu sein.

Wofür man sich schämt oder angeblich zu schämen hat, unterliegt kulturellen und gesellschaftlichen Konventionen. Viele ältere Frauen und Männer erinnern sich mit Unbehagen, wenn nicht gar mit Schaudern an Zurechtweisungen von Eltern: Wer zu laut, zu maßlos, zu neugierig war, bekam neben einer Ermahnung nicht selten den Satz “Dafür solltest du dich schämen!” zu hören. Wer sich zu interessiert an Sexuellem zeigte, erst recht Mädchen und Frauen, galt als “schamlos”.

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Unter dieser restriktiven Erziehung der Nachkriegsjahre haben viele gelitten und es als Befreiung empfunden, als nach 1968 und durch die neue Frauenbewegung althergebrachte Schamgrenzen eingerissen wurden. “Die Scham ist vorbei” hieß ein 1976 veröffentlichtes autobiografisches Buch der niederländischen Feministin Anja Meulenbelt, das zu einem internationalen Bestseller der Frauenliteratur wurde.

Heute schämen wir uns für unsere Körper

Vorbei? Nein, sie existiert nach wie vor – nur schämen wir uns heute für anderes als noch vor wenigen Jahrzehnten. Das zeigt sich nicht nur an den Kontroversen über Flugscham in der Vor-Corona-Zeit, sondern auch an den Diskussionen über Bodyshaming. Zur Scham gehören ja auch das Beschämen und das Beschämtwerden – gerade im Internet. “Grundsätzlich kann es jeden treffen, der nicht den gängigen Schönheitsvorstellungen entspricht: dicke, dünne, kleinwüchsige, schielende oder behinderte Menschen. Auch Promis und sogar Models erwischt es: Das Netz ist voller gehässiger Bodyshamingattacken”, heißt es in einer Mitteilung der Techniker Krankenkasse. Wer sich über vermeintliche Unzulänglichkeiten oder Schwächen anderer lustig macht oder es genießt, Menschen bloßzustellen, empfindet in den meisten Fällen wohl ein Gefühl von Macht. Einige der Beschämten wehren sich; Body Positivity nennt man den selbstbewussten Umgang mit seinem Äußeren und dessen Makeln.

Wofür schämen sich die Deutschen am ehesten? Die Grafik zeigt es. © Quelle: RND

Wer sich schämt, möchte im Boden versinken und eine Situation aus tiefstem Herzen ungeschehen machen, denn man hat sich, so das Empfinden, eine Blöße gegeben, hat versagt, sich schwach und verletzlich gezeigt. Man ist zum hilflosen Objekt geworden, ist den anderen und ihren Blicken ausgeliefert – das ist ein Angriff auf das Selbstwertgefühl, eine Entwertung der gesamten Person. Und somit weit einschneidender, als eine Peinlichkeit erlebt zu haben, die sich nur auf einen Moment bezieht. Oft kann man über eine lächerliche Situation kurz darauf selbst lachen oder sie als Anekdote erzählen.

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Anerkennung ist in unserer Gesellschaft wichtig

In unserer individualistischen Gesellschaft ist eine misslungene Selbstdarstellung beschämend – sei es in den sozialen Medien oder im Berufsleben. Wer sich für etwas schämt, denkt die mögliche Meinung des anderen immer gleich mit. Ich kann mich meines Übergewichts nur schämen, wenn ich befürchte, in den Augen der anderen als zu dick zu gelten, wenn ich also die Perspektive von außen einnehme. Ich sehe mich mit den Augen der anderen, deren Anerkennung mir wichtig ist.

Und dann gibt es noch die tiefe Scham, die gedemütigte Menschen empfinden: Gerade Frauen, die vergewaltigt wurden, und Kinder, die Missbrauch erlebt haben, berichten – wenn sie denn über das Erlebte sprechen – von der oft jahrelangen, wenn nicht lebenslangen Scham, die sie nach Übergriffen empfunden haben. Nur selten schämen sich die Täter, die Opfer dafür umso mehr.

Leistungsgesellschaft erzeugt soziale Scham

In mehreren ihrer Bücher schreibt die französische Autorin Annie Ernaux eindringlich über die Scham, die sie empfand, nachdem sie als 17-Jährige vergewaltigt worden war. “Scham ist sicher eines der mächtigsten Gefühle, die man empfinden kann”, sagte die 79-Jährige Jahrzehnte später in einem Interview. “Man wird voll und ganz davon beherrscht, und es zwingt einen natürlich zur Geheimhaltung.”

In ihren autobiografischen Büchern spürt Ernaux zudem dem Gefühl nach, wie sie, das Mädchen aus sogenannten kleinen Verhältnissen, glaubte, selbst nach ihrem Studium nicht wirklich zu den gebildeten, wohlhabenden Großstädtern aufschließen zu können – und das möglicherweise auch nicht verdient zu haben. Im August kommt ein bereits 1997 im Original erschienener Ernaux-Roman in Deutschland auf den Markt, der das Thema schon im Titel trägt: Er heißt schlicht “Die Scham”.

Wenn die Französin ihre soziale Scham beschreibt, geht es darum, dass sie in einer angeseheneren Schicht keinen Platz gefunden hat. Heute empfinden solch ein Gefühl vor allem die Menschen, die sozial nicht mithalten können – etwa weil sie arm oder arbeitslos sind. Oder weil sie im beruflichen Gewinner- und Verliererspiel als vermeintliche “Niedrigperformer” oder “Minderleister” auf der falschen Seite gelandet sind.

Verletzlichkeit zu zeigen beweist Mut

Das Thema wühlt auf. Denn wer schämt sich schon gern oder gibt zu, Scham zu empfinden? Auch der große Erfolg, den die US-amerikanische Sozialforscherin und Autorin Brené Brown mit Vorträgen und Büchern zum Thema erzielt, ist ein Indiz dafür, wie sehr Menschen nach Hilfe suchen. Auch die 54-Jährige spricht, ähnlich wie Annie Ernaux, über die Geheimhaltung des Gefühls – und dessen Folgen. “Wenn man Scham in eine Petrischale gibt, braucht sie drei Dinge, um exponentiell zu wachsen: Heimlichkeit, Schweigen und Bewertung”, sagt sie. Brown, die an der Universität von Houston lehrt, ermutigt ihre Zuhörer und Leser, sich verletzlich zu zeigen. Das müsse uns nicht beschämen, sondern sei vielmehr ein Zeichen von Mut und vor allem die Grundbedingung dafür, aufrichtige Beziehungen eingehen zu können.

Ebenso wenig, erklärte die New Yorker Psychologin Ramani Durvasola kürzlich in einem Radiointerview, müsse es jemanden beschämen, wenn er nicht so stark wie andere von der Corona-Pandemie betroffen sei und es ihm trotzdem schlecht gehe. “Menschen schämen sich für ihre Gefühle, weil sie im Vergleich zu anderen so unwichtig erscheinen”, sagte sie und rät dringend davon ab, die eigenen Gefühle zu entwerten. “Dein Verlust ist dein Verlust, den du auch psychologisch gesehen erfährst.” Die Corona-Zeiten sind angespannt genug – wozu auch noch schämen?

RND

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