Cowfunding: Wie ein Bauer ganze Kühe übers Internet vermarktet

  • Vielen Kleinbäuerinnen und Kleinbauern fehlen Zeit, Lust und Erfahrung, sich um Direktvermarktung zu kümmern. Deshalb hat der 38-jährige Landwirt und Gründer Moriz Vohrer die Internetplattform Cowfunding ins Leben gerufen.
  • 14 Höfe und etwa 900 Fleischesser und -esserinnen machen schon mit.
  • Bio ist aber keine Voraussetzung. „Eine Zertifizierung kostet Geld und Zeit. Kleinbauern wollen sich das oft nicht antun“, sagt Vohrer.
Isabella Hafner
|
Anzeige
Anzeige

Lisa grast hier, Lisa grast dort, Lisa turtelt mit dem Bullen, Lisa drängt eine andere Kuh weg, Lisa entdeckt Landwirt Knobel – Vorsicht, Hang! – und läuft zu ihm. Die Wiese liegt etliche Serpentinen über Freiburg: den Hausberg Schauinsland hoch, Blick nach Frankreich, runter ins Münstertal, dann den Berg Belchen rauf auf 1414 Meter. Dort bürstet an diesem Tag der Wind Lisas braunbeiges Fell, Glocken bimmeln an Hälsen, sonst: Ruhe.

60 Mutterkühe heißen in dieser Herde Lisa. Die 35 Töchter auch. „Einfach ein schöner Name“, sagt Landwirt Manfred Knobel. Massenhafte Anonymität? Gleichberechtigung? Knobel ist einer, der im Winter um 2 Uhr zu seinem 600 Meter entfernten Stall fährt. Eine Kuh könnte Geburtshilfe brauchen. „Da entwickelt sich eine Beziehung. Es tut weh, wenn ich sie zum Schlachten bringe.“ Bis zu 20, meist aber 13 Jahre haben Mutterkühe bei ihm. Woanders fünf. Bei den Kälbern ist das anders.

Cowfunding zeigt Fotos vom Hof und der Herde

Anzeige

Lisa und manche ihrer Geschwister landen in der digitalen Verkaufstheke von Moriz Vohrer. Auf der Internetplattform des 38-Jährigen, die Cowfunding heißt. Lisa ist zwanzig Monate alt. Sie steht da, frisst abwechselnd Gras und lässt sich von Manfred Knobel die sensiblen Hörner streicheln.

Am Anfang, als Moriz Vohrer die Plattform gegründet hat, 2017 war das, da wurden von dem jeweiligen Tier, das geschlachtet werden sollte, Fotos für die Homepage gemacht. Cowfunding-Kundinnen und -Kunden konnten ihrem Essen vorher in die Augen schauen, aussuchen, welches Tier sie auf dem Teller haben wollten. Doch unter anderem weil die Erfahrung zeigte, dass viele das bei aller Tierliebe gar nicht wollen, gibt es nun mehrere Fotos vom Hof und der ganzen Herde. So sieht man, wie das Tier aufgewachsen ist. Vier Bauern verkaufen gerade Rinder, Ochsen, Schweine, Jungbullen und Schafe. Bald soll es auch Hühner geben.

Moriz Vohrer hat Forst- und Umweltwissenschaften studiert und arbeitet hauptberuflich für eine Freiburger Nichtregierungs­organisation. Er hat aber auch den Hof seiner Eltern übernommen: ein paar Schafe, dreieinhalb Hektar Wiese und zehn Hektar Wald. Wie sein Vater führt er ihn im Nebenerwerb, lebt dort mit Frau und Kindern. Davon zu leben wäre unmöglich, sagt er. Wollte er auch nicht. Sein Unternehmerherz schlägt zu laut, und so sehr er die Natur genießt, so sehr juckt es ihn, in den Zug zu steigen, um sich mit Gründerinnen und Gründern in ganz Deutschland zu treffen.

Anzeige

Für viele Kleinbauern und Kleinbauerinnen ist die Landwirtschaft nur ein Nebenerwerb

Er selbst aber ist exemplarisch für viele Landwirtinnen und Landwirte der Bundesrepublik. Insbesondere im Schwarzwald. Vohrer: „Vermehrt werden die kleinen Höfe im Nebenerwerb betrieben, mit einem Stundenlohn von 3 bis 4 Euro. Im Südschwarzwald erschweren Steilhänge und Bergstraßen die Arbeit.“ Gleichzeitig erhalten diese Betriebe den Schwarzwald so, wie er heute aussieht. Gemeinden verpachten Flächen für einen Symboleuro. Vohrer: „Kühe und Ziegen sind günstigere Rasenmäher als Maschinen.“

Solche Landwirte und Landwirtinnen will der Gründer mit Freiburgerinnen und Freiburgern zusammenbringen. 14 Höfe und etwa 900 Fleischesser und -esserin machen schon mit, 3,3 Tonnen Fleisch hat Cowfunding bereits vermarktet. Vielen Kleinbauern und Kleinbäuerinnen fehlten Zeit, Lust und Erfahrung, sich um Direktvermarktung zu kümmern, vor allem via Internet.

Gewünscht wird Transparenz

Im Grunde ist das Konzept aber alter Wein in neuen Schläuchen. Früher war’s normal: Ein Landwirt schlachtete und die Leute im Dorf holten das Fleisch. „Stimmt, allerdings gab’s früher kein Internet und in den letzten 60 Jahren haben die Supermärkte ihren Siegeszug angetreten. Konsument und Erzeuger wurden voneinander getrennt. In manchen Wertschöpfungsketten sind so viele Händler zwischengeschaltet, dass selbst Hersteller nicht mehr wissen, woher die Bestandteile ihrer Produkte kommen.“ Der Verbraucher und die Verbraucherin wollen Transparenz.

Demnächst wird also jemand am Computer sitzen und, klick, ein Fleischpaket von Lisa bestellen: in klein oder groß – 2,7 bis 5,1 Kilo für 69 bis 125 Euro. Erst wenn sie komplett verkauft ist, kommt sie zur Schlachtung. Dann muss Lisa zwei Wochen abhängen und sie kann portionsweise in einer Metzgerei in Freiburg abgeholt werden. 50 Prozent der Bestellungen werden aber auch verschickt, überwiegend im Schwarzwald. Dabei achtet Cowfunding auf eine klimabewusste Verpackung. Die ist kompostierbar und die Isolierung aus Hanf.

Keine Edelpakete

Immer sind es Mischungen: Steak, Filet, Rouladen, Hack. Vohrer: „Bei uns gibt’s keine Edelpakete. Es soll weniger weggeschmissen werden und der Verbraucher sehen, was am Tier dran ist.“ Dem 2014 unter anderem von Heinrich-Böll-Stiftung und Bund für Umwelt und Naturschutz erstellten Fleischatlas zufolge isst der Durchschnittsdeutsche im Laufe seines Lebens vier Rinder, 46 Schweine und 945 Hühner.

Die weltweit fünftgrößte Schlachterei steht unweit des nordrhein-westfälischen Gütersloh: Bei Tönnies werden rund 18 Millionen Tiere im Jahr geschlachtet. In deutschen Ställen müssten aber genau genommen Rinder, Schweine und Hühner ohne Bauch, Augen, Zunge, Herz und Hirn stehen. All das wird oft verschmäht. Filet ist billig und wir haben gelernt, dass mageres Fleisch gesünder ist. Was wir nicht essen, wird etwa in afrikanische Länder geschippert. Mit Folgen für den dortigen Markt. Anders bei Cowfunding. Erst wenn die Nachfrage groß genug ist, wird geschlachtet.

Anzeige

„Das Konzept ist eine tolle Chance für die Bauern“

Die Plattform könnte Manfred Knobel eigentlich Wurst sein. Rund 20 Rinder und fünf Altkühe hat er dieses Jahr im nahe gelegenen Schlachthaus schlachten und vom Metzger in seiner eigenen Wurstküche verwursten lassen. Die Kunden und Kundinnen kaufen direkt im Laden des 350 Jahre alten Hofs mit dem typisch überbordenden Schwarzwaldhausdach. Knobel ist einer der größten Bauern der Gegend mit 150 Hektar, mehr als 50 Hinterwäldern – eine alte regionale Rasse –, und 60 Charolais-Rindern sowie zweier Limousin-, einem Charolais- und einem Alte-Deutsche-Rasse-Braunvieh-Bullen: Sie heißen Max I., Max II., Max III. und Max IV. Knobel war einer der ersten Bauern, die Cowfunding ausprobiert haben. Und ist noch immer gern dabei. „Das Konzept ist eine tolle Chance für die Bauern.“

Andere Plattformen haben ähnliches Konzept

Es gibt weitere Plattformen, auf denen man online Landwirten Fleisch abkaufen kann. Crowdbutching heißt das Phänomen. Abgeguckt? Vohrer: „Natürlich vergleicht man, ‚Meine kleine Farm‘ finde ich richtig gut, ‚Kauf ne Kuh‘ verschickt deutschlandweit. Wir wollen aber Regionalität.“ Ist auch angesagt. „Lebensmittel, die im Umkreis produziert werden können, über die Weltmeere zu transportieren ist ökologischer und sozialer Unsinn.“ Langfristig sollen auch in anderen Regionen Cowfunding-Kreisläufe entstehen. Momentan bekommen Vohrer und seine zwei Teilzeitmitarbeiter 25 Prozent Provision pro Kilogramm Fleisch.

Einen Haken müssen die bewussten Fleischesserinnen und Fleischesser aber hinnehmen: Bio ist keine Voraussetzung, um bei Cowfunding mitzumachen. Da ist der Jungunternehmer pragmatisch: „Eine Zertifizierung kostet Geld und Zeit. Kleinbauern wollen sich das oft nicht antun. Früher arbeitete ich selbst als Zertifizierer und kann sagen, dass sie alle biokonform arbeiten.“

Knobel aber bewirtschaftet seinen Hof sowieso nach Naturland-Richtlinien. Er verzichtet auf Gentechnik, die Kälber dürfen während der neunmonatigen Stillzeit bei der Mutter bleiben und während des Winters laufen die Tiere im Stall herum, wo sie überwiegend mit eigener Silage und Heu gefüttert werden. Von Mai bis November verbringt jeder Bulle mit seiner Großfamilie in der Sommerfrische. „Er soll dann eine nach der anderen decken.“

Max III. hat seinen Job gut gemacht, Knobel ist hochzufrieden. So viele hübsche Lisas hier. So viel leckeres Fleisch.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen