Kein Sport, keine Bewegung, keine Kontakte: Die Corona-Leiden junger Vereinssportler

  • Die Corona-Pandemie brachte den Vereinssport monatelang weitgehend zum Erliegen.
  • Betroffen war der gesamte Amateurbereich.
  • Vor allem Kinder und Jugendliche hatten und haben unter den Folgen zu leiden – auch wenn jetzt nach und nach und coronakonform der Sportbetrieb wieder aufgenommen werden kann.
Sebastian Hoff
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Endlich können sich die Kinder und Jugendlichen des DHfK Leipzig wieder die Bälle zuspielen. Monatelang fand kein Faustballtraining statt. Jetzt sind coronakonforme Übungseinheiten erlaubt. „Die Kids freuen sich wahnsinnig, ihre Freundinnen und Freunde wieder zu treffen“, sagt Abteilungsleiter Julian Scharf.

Das ist keine Selbstverständlichkeit. Denn die Sportvereine hatten und haben noch immer mit den Folgen der Pandemie zu kämpfen: „Jeder zweite Sportverein erwartet in den kommenden zwölf Monaten eine existenzbedrohliche Lage“, berichtet Christoph Breuer von der Sporthochschule Köln. Er beruft sich auf eine Umfrage aus dem vergangenen Jahr. Nach Angaben des organisierten Sports haben die 90.000 Sportvereine in Deutschland rund eine Million ihrer insgesamt 27 Millionen Mitgliedschaften verloren. Weitere Austritte in diesem Jahr seien wahrscheinlich, sagt Breuer.

„Große Sportvereine sind stärker betroffen als kleine“, ergänzt Boris Rump, Referent für Bildung und Engagement beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). Das liege vor allem daran, dass mitgliedsstarke Vereine eher als Dienstleister angesehen werden und sie keine so hohe soziale Bindungskraft besitzen wie zum Beispiel Vereine auf dem Dorf. Der Mitgliederschwund wirkt sich zudem vermutlich mehr auf Mannschafts- und Kontaktsportarten aus, weil das Angebot dafür besonders stark eingeschränkt war. Tennis oder Golf konnte hingegen weiter gespielt werden.

Kaum Neueintritte während der Corona-Pandemie

Dass Mitglieder Vereine verlassen, ist normal. Allerdings wurde ihr Weggang in der Vergangenheit durch Neueintritte kompensiert. Doch die blieben während der Corona-Pandemie fast vollständig aus. „Vor allem Kinder bis 14 Jahre sind von dieser Entwicklung betroffen“, sagt Rump. Die Hoffnung der Vereine ist, dass Eltern die Anmeldung ihrer Kinder nur aufgeschoben und nicht aufgehoben haben.

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Bislang war die Anziehungskraft von Sportvereinen groß: Fast jedes zweite Kind und jeder zweite Jugendliche besitzt aktuell eine Mitgliedschaft. Doch schon ein leichter Rückgang könnte große Auswirkungen auf den Mannschaftssport haben, erklärt Breuer. Das gelte insbesondere für Vereine und Spielgemeinschaften, für die es ohnehin schwer ist, Teams zusammenzustellen. Der Professor für Sportmanagement spricht in diesem Zusammenhang vom Sprunggrößeneffekt: „Wenn nur wenige Mitglieder inaktiv werden, muss manchmal die ganze Mannschaft aufgelöst und vom Spielbetrieb abgemeldet werden.“

Die Folgen wären fatal: Denn neben der wichtigen Rolle für Bewegungsförderung und Sport besäßen Vereine eine besondere Bedeutung für gesellschaftliche Teilhabe, Bildung und Persönlichkeitsentwicklung, schreibt die Deutsche Sportjugend (dsj). „Das soziale Miteinander und die gemeinsamen Emotionen sind besondere Alleinstellungsmerkmale des Sports“, betont Rump. Auch Mediziner sind in Sorge: „Zusätzlich verlernen die Kinder und Jugendlichen zunehmend die gegenseitige Rücksichtnahme“, sagt Tanja Brunnert, Sprecherin des niedersächsischen Berufsverbandes der Kinder und Jugendärzte (bvkj).

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Vereinsamung, Erschöpfung und Rückzugstendenzen

In den vergangenen 14 Monaten seien zudem Vereinsamung, Erschöpfung, Rückzugstendenzen sowie eine Zunahme an psychosomatischen Beschwerden wie Kopf- und Bauchschmerzen zu beobachten. Durch Bewegungsmangel und falsche Ernährung werden immer mehr Kinder übergewichtig.

Der fehlende Vereinssport verstärke Tendenzen, die es bereits vor Ausbruch der Corona-Pandemie gegeben habe, sagt Breuer. Etwa 80 Prozent aller Kinder und Jugendlichen bewegten sich weniger, als die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfehle. Motorische Fähigkeiten werden deshalb teilweise nicht entwickelt. Besonders betroffen sind Kinder und Jugendliche, die in prekären, bildungsfernen Verhältnissen aufwachsen, einen Migrationshintergrund besitzen oder deren Eltern wenig Sport treiben. „Die soziale Ungleichheit wird verstärkt. Und bei der Integration von Flüchtlingskindern können die Vereine teilweise wieder von vorn beginnen“, so Breuer.

Viele Vereine versuchten in den vergangenen Monaten, ihre Mitglieder mit Onlineangeboten bei der Stange zu halten – teilweise mit Erfolg, sagt Breuer: „Kreative Vereine kamen insgesamt besser durch die Krise.“ Die Resonanz sei allerdings oft bescheiden gewesen und habe zunehmend nachgelassen, berichtet Rump. Vor allem Kinder seien abgesprungen. „Der persönliche Kontakt zur Trainerin oder zum Trainer ist nicht zu ersetzen“, ist er überzeugt.

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„Es gab keine Erfolgserlebnisse und keinen Teamgeist“

Durch die fehlende Nähe konnte auch kein soziales Vertrauen aufgebaut werden. „Nahezu alle Kinder und Jugendliche vermissten die Gemeinschaft in Präsenz“, sagt Brunnert. Außerdem fehlten Wettkämpfe als wichtige Motivation. „Es gab keine Erfolgserlebnisse und keinen Teamgeist. Kids brauchen das aber“, bedauert Scharf.

Das ganze Ausmaß der psychischen, motorischen und sozialen Defizite werde erst in zwei, drei Jahren sichtbar, befürchtet Rump: „Da ist viel Aufholarbeit nötig.“ Die Vereine sollten versuchen, die Kinder und Jugendlichen wieder für den Sport zu begeistern, sagt Breuer. Erste Kampagnen wurden bereits gestartet und zum Beispiel neue Mitglieder mit Rabattaktionen gelockt. „Entscheidend wird das kommende halbe Jahr“, glaubt Scharf. „Bei uns sind zumindest alle Mannschaften am Start. Hoffentlich beginnt bald auch der Spielbetrieb.“

Ehrenamtliche halten ihren Vereinen die Treue

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Ob Trainerin, Übungsleiter, Kampfrichterin oder Schiedsrichter: Sportvereine leben vom ehrenamtlichen Engagement. Insgesamt rund 1,7 Millionen Ehrenamtliche sind aktiv. Die große Mehrheit blieb während der Corona-Pandemie ihren Sportvereinen treu. Einige hielten über digitale Angebote Kontakt zu den Sportlerinnen und Sportlern. Allerdings berichten viele, dass sie ihr zeitliches Engagement reduziert haben. Die Vereine befürchten zudem, dass sie künftig Probleme haben, neue ehrenamtlich Aktive zu finden.

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