„Man fühlt sich vergessen“ – wie es Studierenden in der Corona-Krise geht

  • Schülerinnen und Schüler lernen seit Wochen online von zu Hause. Studierende erleben das bereits seit einem Jahr.
  • Das zweite Corona-Semester neigt sich dem Ende zu: Bei vielen schwindet die Motivation, und einige leiden auch psychisch stark darunter.
  • Wie ist das, monatelang nur durch das Starren auf einen Bildschirm zu lernen?
Melina Runde
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Seit etwa zwei Monaten sitzen Schüler zu Hause im Homeschooling und schon jetzt gibt es Berichte darüber, wie stark das die Psyche belastet und wie die Leistungen darunter leiden. Für die meisten Studierenden in Deutschland hat sich die Situation in den vergangen Wochen kaum geändert. Sie studieren bereits seit zwei Semestern, also einem ganzen Jahr, quasi durchgehend am Schreibtisch. Wie geht es ihnen mit der Situation? Betroffene berichten.

Die Pandemie und wir Der neue Alltag mit Corona: In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise – jeden Donnerstag.

Celina Baumann, 21: „Manchmal sehe ich ein oder zwei Tage niemanden – das ist sehr belastend auf Dauer“

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„Am Anfang fand ich es noch ziemlich cool. Da war das etwas Neues, von zu Hause aus zu arbeiten. Aber ich habe sehr schnell gemerkt, dass es sehr anstrengend ist. Gerade in den letzten zwei Monaten hat mich das ziemlich herausgefordert, dass mein Arbeitsplatz auch immer mein Wohnraum ist. Ich bin ja nie fertig. Ich kann immer noch mehr für die Uni machen und mir fiel es irgendwann sehr schwer abzuschalten. Es hat mir sehr viel Druck gemacht und gleichzeitig ist mir die Motivation flöten gegangen.

Wenn man in die Uni geht, dann ist man da auch produktiv. Jetzt muss man sich die ganze Zeit selbst motivieren und da ist auch niemand anderes, mit dem man das zusammen machen kann, weil man seine Kontakte beschränken muss. Gerade weil ich, anders als Schüler und Schülerinnen, alleine wohne, hat das einen starken Isolationscharakter. Wenn ich viel für die Uni zu tun habe, sehe ich auch mal einen oder zwei Tage niemanden – das ist sehr belastend auf Dauer.

Ich wäre die letzten zwei Semester auf jeden Fall lieber in die Uni gegangen. Die Lehre ist einfach nicht die Gleiche. Unsere Hochschule ist mit der Organisation, meiner Meinung nach, auch nicht gut hinterhergekommen. Die Regierung sagt nichts über uns und selbst die Uni meldet sich kaum und sagt mal, was Lage ist. Man fühlt sich ein bisschen vergessen.“

Celina Baumann, Studentin in Hannover. © Quelle: Celina Baumann, mr
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Nils Fischer, 21: „Die Motivation verschwindet immer mehr“

„Im Sommersemester, als das alles losging, fand ich das gar nicht so schlimm. Es war cool, dass man sich die Vorlesung im Bett angucken oder sich das so aufteilen konnte, wie man wollte. Auch die Prüfungen waren noch in Präsenz möglich. Das war alles gut machbar. Aber jetzt im Wintersemester merkt man deutlich, dass die Motivation immer mehr verschwindet.

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Ich habe die meisten Kommilitonen, wenn man nicht eng befreundet ist, schon seit fast einem Jahr nicht mehr gesehen und die Prüfungsphase ist jetzt auch online. Das macht es noch deutlich schwieriger.

Meine Mutter ist Lehrerin und muss jetzt auch online unterrichten. Ihr fiel dann auf: ‚Ihr macht das jetzt schon seit einem Jahr so – das ist ja echt anstrengend und man kommt nicht wirklich voran.‘ Aber darüber wird nie diskutiert.“

Lina Donnermeyer, 21: „Ich habe meine eigene Zeit und mein eigenes Tempo“

„Das Studieren zu Hause ist, glaube ich, auch eine Persönlichkeitsfrage, aber ich mag das eigentlich gerne. Ich studiere ja Innenarchitektur und gerade bei den kreativen Aspekten habe ich meine eigene Zeit und mein eigenes Tempo. Kreatives kann auch nicht gut erzwungen werden.

Aber das ist ein zweischneidiges Schwert: Die praktischen Sachen zu Hause zu machen ist echt blöd. Es ist teuer, weil man Materialien bestellen und den Platz dafür haben muss. Das ist anstrengend. Jeder hat da auch andere Mittel zu Hause. In der Hochschule haben wir eine Tischlerei, zu der man gehen kann, wenn Material gebraucht wird.

Aber zu Hause muss ich mich selbst um alles kümmern und da hat jeder andere Grundvoraussetzungen. Manche in meinem Studiengang kommen aus einer Tischlerfamilie und andere haben gerade mal eine Zange und einen Schraubenzieher. Das ist wirklich der größte Nachteil.“

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Paul Vogt, 24: „Für meine Psyche ist das ziemlicher Mist“

„Ich finde es absolut schrecklich und sehe da auch keine Besserung auf dem Weg. Einerseits fehlt die Routine und Regelmäßigkeit, die ich sonst habe, wenn ich zur Hochschule fahre. Da ist einfach etwas weggebrochen, was sich nicht durch Spazierengehen, um an die frische Luft zu kommen, auffangen lässt. Für meine Psyche ist das ziemlicher Mist und das merke ich aktuell auch ziemlich stark. Und dabei habe ich es eigentlich noch relativ gut: 14 Quadratmeter, eine entspannte WG und genug Geld durch Lohnarbeit, um mir ab und zu etwas bestellen zu können. Da gibt es bestimmt andere, die deutlich ärgere Probleme damit haben.

Andererseits war ja sowieso alles abgespeckt: Es hat ewig gedauert, bis die Kurse regelmäßig stattgefunden haben, und der Anreiz, online an ihnen teilzunehmen, war auch sehr gering. An unseren Professoren und Professorinnen und den Dozenten und Dozentinnen würde ich nur geringe Kritik üben, für die war das sicherlich auch eine neue Situation und sie haben, glaube ich, auch versucht, viel für uns rauszuhauen. Von der Hochschule hingegen fühle ich mich absolut nicht aufgefangen, ein Konzept konnte ich auch nie erkennen. Ich meine: Ja, es geht ein enorm aggressives Virus um, das man einschränken muss. Aber es gibt doch sinnvolle Konzepte für alle Beteiligten, sodass manche Menschen online studieren können und andere wiederum zur Uni gehen. Aber nein, alles online, und zur Klausurenphase sollen dann wieder 40 Studierende in die überfüllten Räume, oder wie?

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Grundsätzlich würde ich mir neben einem überlegten Präsenzkonzept, eine Förderung der Hilfsangebote, auch psychotherapeutische Angebote, wünschen. Wenn wir schon weiterhin den vollen Semesterbeitrag zahlen sollen, dafür aber eigentlich keine Dienstleistungen erhalten, sollte man das fördern. Ich glaube nicht, dass mich die Corona-Einschränkungen als Student am schlimmsten treffen, aber andere vielleicht schon. Da müssen einfach Hilfen und Angebote her.“

Hans-Peter Fischer, 51, Dozent für Journalistik an der Hochschule Hannover: „Viele Studierende berichten von psychischen Problemen, Zukunftsängsten und Vereinsamung“

„Unsere Studierenden bereiten mir aktuell große Sorgen: Viele berichten von psychischen Problemen, Zukunftsängsten und Vereinsamung aufgrund der Corona-Situation. Gleichzeitig beeindrucken mich die jungen Menschen: Sie ertragen die teilweise massiven Einschränkungen ihrer Freiheiten und ihrer Leben recht klaglos und verhalten sich hochdiszipliniert. Sie nehmen hin, dass Lehre vor allem per Videokonferenz stattfindet, dass die Bibliotheken weitgehend geschlossen sind, dass sie kaum Praktika finden, dass etliche ihre Nebenjobs verloren haben – kurz: Dass ihr Alltag aktuell alles andere ist als das stereotype Studierendenleben. In einer Lebensphase des Entdeckens, der Entwicklung, des Erneuerns mussten meine Studierenden brutal auf die Bremse steigen. Sie treten weiterhin kürzer, um andere zu schützen.

Deswegen beobachte ich mit Unverständnis, dass Studierende in der Pandemie oft übersehen werden. Das niedersächsische Wissenschaftsministerium brauchte beispielsweise fast ein Dreivierteljahr, um eine Art Corona-Freisemester auf den Weg zu bringen. Wir Hochschulen setzen stillschweigend voraus, dass unsere Studierenden technisch vollständig ausgestattet sind und der digitalen Lehre folgen können – lassen sie aber für Klausuren mit Dutzenden von Prüflingen quer durch die Republik anreisen. Mit ihren Ängsten werden Studierende oft alleingelassen. Ich wünsche mir, dass Hochschulen, Öffentlichkeit und Politik die Situation der Studierenden klarer zur Kenntnis nehmen – und zumindest ihre Leistung und Stärke würdigen, wenn wir ihnen pandemiebedingt denn schon keine Erleichterungen gewähren können.“

Ann-Katrin Bader, 23: „Ich hatte nicht das Gefühl, tatsächlich zu studieren“

„Ich hatte in den letzten beiden Semestern nicht das Gefühl, tatsächlich zu studieren. Zu Hause konnte ich mich schlecht konzentrieren, egal ob alleine oder in Zoom-Konferenzen. Ich hätte mir sehr gewünscht, dass Hochschulen genauso wie Schulen priorisiert werden, aber stattdessen stehen Studierende ganz hinten an. Ich habe sogar ein paar Kurse verschoben in der Hoffnung, in einem Jahr noch mal zur Hochschule gehen zu können. Mittlerweile schwindet die Hoffnung immer mehr. Nächstes Semester schreibe ich dann meine Bachelorarbeit komplett von zu Hause – das wird ziemlich hart. Ich bekomme kaum noch etwas auf die Reihe, weil mich die Situation psychisch stark belastet.“

Lena Bergfeld, 20: „Viele technische Sachen wurden einfach vorausgesetzt“

„Ich fühl mich nicht von der Politik vergessen. Es ist jedem bewusst, dass Uni größtenteils Selbststudium ist. Unsere Uni hat sowieso schon viel auf diese Selbstständigkeit gebaut. Klar, es hängt auch am Professor. Wir hatten teilweise Vorlesungen bei denen zehn Abbildungen hintereinander standen – ohne Erklärung. Die Professoren haben sich sonst größtenteils echt engagiert: Haben Screencasts aufgenommen, Notizen hochgeladen, Fragestunden gemacht und gesagt, dass wir sie immer fragen können. Gelernt habe ich nichtsdestotrotz weniger. Das liegt auch daran, dass ich mich nicht stressen wollte, in dem Wissen, dass ich eine Onlineklausur schreibe und alles nachgucken kann.

Ich hab auch das Gefühl, dass sich die Leute durch den Onlineunterricht besonders in Gruppenarbeiten weniger verantwortlich fühlen. Man sieht sie nicht, man hört sie nicht. Es ist auch davon abhängig, ob man sowieso schon Schwierigkeiten hat zu lernen oder nicht. Das ist alles Selbstdisziplin und Selbstverantwortung, aber das wäre im Präsenzunterricht auch so gewesen. Was ich aber weniger gut fand, war, dass viele technische Sachen einfach vorausgesetzt wurden, die nicht jeder hat. Zum Beispiel hat mein Laptop eine ganz schlechte Kamera. Da wir die aber für manche Prüfungen anstellen mussten, habe ich mir extra eine neue kaufen müssen. Insgesamt wird sich aber gut um uns gekümmert.“

Marlene Schulte-Körne studiert Journalistik in Hannover. © Quelle: Marlene Schulte-Körne

Marlene Schulte-Körne, 22: „Ich fühle mich gar nicht als richtige Studentin“

„Homeschooling während des Studiums ist gerade in einem so praktisch orientierten wie meinem Journalistikstudiengang am falschen Platz. Inhalte werden nicht richtig vermittelt und meistens wird noch nicht einmal versucht, die grundlegenden Dinge über Videocalls zu unterrichten. Ich fühl mich oft alleingelassen und gar nicht als richtige Studentin. Viele der Dozenten halten es nicht einmal für nötig, eine wöchentliche Zoom-Sitzung als Lernmethode und auch sozialen Kontakt für Studierende zu bieten, sondern laden einfach stumpf MP4-Videos hoch.“

Hannah Schildwächter, 21: „Präsenzvorlesungen sind mir auf jeden Fall wieder lieber“

„In der Uni ist man in einem Alter, wo man auch selbstständig arbeiten kann. Das ist in der Grundschule anders. Da ist das schwieriger, wenn kein Präsenzunterricht stattfindet. Am Anfang kam ich auch gut mit dem Onlineunterricht klar, aber die Motivation ist immer weiter abgefallen, weil man den ganzen Tag nur vor dem Bildschirm hängt. Ich persönlich habe da nicht viel Lernstoff aufgenommen und man verbringt auch viel Zeit am Handy.

Auch der Austausch mit den Kommilitonen fehlt total. Mit einigen hält man über Whatsapp und Co. den Kontakt, aber die ganze Gruppe habe ich super lange nicht mehr gesehen. Positiv war aber, dass viele Vorlesungen aufgezeichnet wurden und man sich diese später nochmal angucken konnte. Dennoch wären Präsenzvorlesungen mir auf jeden Fall wieder lieber. Für ein, zwei Semester ist es online in Ordnung, aber länger sollte das nicht mehr gehen.“

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