Bilderbuchkörper: Wenn die Haut zur Leinwand wird

  • Tattoos sind heutzutage nichts Ungewöhnliches mehr.
  • Doch bei manchen Menschen bleibt es nicht bei ein, zwei kleinen Motiven – sie machen ihren ganzen Körper zu einer Leinwand.
  • Jeder achte Deutsche ließ sich 2018 mindestens ein Tattoo stechen – und in Cosmin Sturzas Augsburger Tattoostudio zieht es alle möglichen Leute.
Isabella Hafner
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Christina Haugs Unterarm ist – noch – makellos. Mögen die einen sagen. Tattoofans sagen: Reine Haut, haut nicht rein! Und die werden immer mehr. Manche schälen ihren Körper aus den Klamotten, als enthüllten sie ein Gemälde. Die 29-jährige Christina schielt auf ihren Arm. Etwa fünf Stunden lang wird sie in Cosmin Sturzas Augsburger Tattoostudio sitzen. Und es werden weitere Termine folgen, “in denen es mal mehr oder weniger zwickt”, wie sie sagt.

Die Vorlage glatt streichen, abziehen - und dann wird gestochen

Der Tätowierer legt ein Pauspapier mit dem vorgezeichneten, fotorealistischen Adler auf die Stelle an ihrem eingecremten Arm, wo der Vogel bald lebenslänglich verharren soll. Auf ihren Armen gibt es bereits Indianerin, Wolf, Kompass, Segelschiff, Traumfänger und ein Auge, in dessen Iris die Zeiger auf 12.20 Uhr stehen geblieben sind – Christinas Geburtszeit.

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Die Vorlage bloß nicht verruckeln. Glatt streichen, abziehen, zack! Der Tätowierer greift zu einem Gerät, an dessen Spitze Nadeln von einem Schaft umgeben sind. Je mehr Nadeln, desto breiter wird der Strich, wie beim Pinsel. Er taucht sie in ein Töpfchen schwarzer Farbe und setzt an. Surren. Christina Haug lässt sich kein Zucken anmerken, Farbe dringt in die ersten beiden Hautschichten. Tiefer nicht, die Farbe würde sonst verlaufen. Achseln, Gesicht und Intimbereich tun angeblich am meisten weh, und Stellen nah bei den Knochen.

Die Tür geht auf und eine blonde Frau, ebenfalls Mitte zwanzig, tritt mit ihrem langhaarigen Freund herein. Der Chef persönlich ist gefragt. Beratung! Cosmin Sturza präsentiert ihr seinen Entwurf aus verschiedenen Blumen, den er aus Internetbildern komponiert hat. Die Kundin schaut kritisch, ein Blick zum Freund. Ja, schon gut – aber: “Ich hätte gerne ein Edelweiß mit dabei.” Sturza schaut nachdenklich. Bestürzt? Kitsch? Okay, er integriert das Edelweiß ins Blumenbouquet.

Tattoos sind nicht nur etwas für Randgruppen

Die Rubrik “Gefühlte Wahrheit” der Süddeutschen Zeitung offenbarte: Menschen mit den furchterregendsten Tätowierungen spielen zu 5 Prozent in Punkbands, etwa acht treffen sich bei Tattooconventions, zehn sind Mitglied einer Motorradgang – 40 Prozent sitzen am Rand der Kinderschwimmbecken. Tätowierte wurden lange Randgruppen wie Alkoholikern, Knastis und Junkies zugeordnet. Dann kam Bettina Wulff, Ex-Bundespräsidenten-First-Lady, mit ihrem Oberarm-Tribal. Und Angelina Jolie ließ sich 2003 in Thailand von buddhistischen Mönchen ein magisches “ha taew” aufs Schulterblatt stechen, während Johnny Depp verkündete: “My body is my journal and my tattoos are my story.” Vielleicht befreite auch schon der US-Amerikaner Ed Hardy das Tattoo vom Tabu: Bereits in den 70ern lernte er vom japanischen Tätowiermeister Hori Hide und stach sodann mit Rosen umrankte Totenköpfe. Vor 5000 Jahren schon war der Ötzi, der in einer Gletscherschicht der Südtiroler Alpen entdeckt wurde, voll tätowiert. 61 Motive kamen zum Vorschein, als man ihn auftaute. Und auch der Adel des 19. Jahrhunderts liebte Tattoos. Kaiserin Sissi trug einen Anker im Nacken. Da war sie in guter Gesellschaft; 75 Prozent der weiblichen amerikanischen Oberschicht trugen um diese Zeit herum Tattoos.

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Studiochef Cosmin Sturza erzählt: “Zu mir kommen alle möglichen Leute, auch Ärzte.” Oder die 82-Jährige, die sich eine Blume stechen ließ. “Sie hat sich so gefreut und wollte von ihrer Familie nur Geld zum Geburtstag. Um ihren Sohn hat sie sich aber Sorgen gemacht, er ist 60.” Ob er das gut finden würde?

Vor zehn Jahren begann der jetzt anhaltende Tattootrend

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Laut des Bundesinstituts für Risikobewertung hat sich 2018 jeder achte Deutsche bereits mindestens ein Tattoo stechen lassen. Vor etwa zehn Jahren ging der Hype los und ist größer als je zuvor. Selbst die Bankangestellte trägt unter ihrer Bluse zum Beispiel eine Taube im Aquarellstil. Auf Festivals wird nebenbei zugestochen: War doch nett, warum nicht das Veranstaltungslogo mitnehmen? Oder es gibt da dieses Tattoo von einem Mann, der eine Wette verlor und seither die McDonalds-Rechnung auf dem Arm trägt.

Im Dekolleté, im Gesicht, am Hals, am Bauch und am Hintern würde Christina sich nichts machen lassen. Das könnte nicht gut aussehen, zum Beispiel, nach einer Schwangerschaft. Sie erschrickt auch, wenn sie hört, dass sich eine junge Frau “vegan” auf die Stirn hat stechen lassen. Dagegen spitzeln durch die Löcher in Christinas Jeans die Wörter “Mitgefühl” und “für Tiere”. Auf den Schenkel gestochen. “Ich bin Vegetarierin.” Im Internet kursiert ein Foto von einer Frau, aus deren Po eine Krake kriecht. Christina schmunzelt. So weit kommt es bei ihr nicht – sollte der Platz auch noch so knapp werden! Aber drei Affen, die sich jeweils Augen, Ohren und Mund zuhalten, dürfen demnächst noch auf ihren Schenkel. Sie bedeuten: Ich sehe nichts, ich höre nichts, ich sage nichts. Verhör zwecklos. Sie entstammen nämlich dem üppigen Motivschatz der Gefängnisse. Oft wurden sie sogar nur noch durch drei schwarze Punkte auf dem Hautlappen zwischen Daumen und Zeigefinger symbolisiert.

Auch Tattoos sind Wunden, die verheilen

Überhaupt waren die Tattoomotive im Knast lange Zeit wie Geheimzeichen: Ein Dolch durch den Hals hieß, man hat jemanden im Knast umgebracht, bereit für Auftragsmorde. Die Anzahl der Blutstropfen entspricht der Anzahl an Umgebrachten. Ein Totenkopf und Knochen auf den Schultern standen für lebenslange Haft. Ein Mädchen, das sein Kleid mit einer Angelschnur fängt, entlarvt einen Vergewaltiger. Eine am Kreuz verbrennende Frau stand für den Mord an einer Frau. In Hochsicherheitsgefängnissen waren bis zu 98 Prozent tätowiert, die Anführer verriet nur ein Stern am Schlüsselbein. Wer wegen politischen Delikten saß, bekam kein Tattoo. Der Wiener Fotograf Klaus Pichler portraitierte tätowierte Häftlinge. Einer sagte: “Der Schmerz beim Tätowieren, der reißt einen aus der Monotonie und dem Trott. Man spürt sich selbst wieder und empfindet etwas Intensives. Auch hinterher, das ist ja eine Wunde, die verheilt.”

Weil Tattoos verboten waren, mixten die Häftlinge Ruß, Schuhcreme und Zigarettenasche zu schwarzer Paste, kratzten Ziegelstaub von den Wänden für rote Paste. Die rührten sie mit Wasser, Shampoo oder Urin an und ritzten sie mit Büroklammern, Draht oder angespitzten Gitarrenseiten in die Haut. Oder befestigten eine Nadel am Elektrorasierer. Einige Gefangene erkrankten an Syphilis, AIDS oder Tetanus. Noch heute sind im Knast viele tätowiert. Tätowierungen waren für Gefangene auch “ehrenhafte Selbststigmatisierungen”. Denn danach, draußen, verzichteten sie so auf eine bürgerliche Existenz und gingen das Risiko ein, keinen Job zu finden. Heute geht man auch in Japan trotz der Jahrhundertelangen Tradition auf Abstand zu Tätowierten. Denn die Angehörigen der japanischen Mafia – die Yakuza – sind tätowiert. So ausgiebig, dass es aussieht, als trügen sie einen Kimono. Verbrecheranzug sagt man. Sie sollen aus der Öffentlichkeit und dürfen nicht in Fitnessstudios und Bäder.

Tattoos kann heutzutage jeder stechen - auch zu Hause

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Cosmin Sturza findet es überraschend, dass vor nicht allzu langer Zeit Tätowierer mit selbst gebastelten Geräten in ihren Studios arbeiteten. Heute gäbe es ein anderes Problem: “Jeder kann tätowieren, weil es im Internet Geräte schon für 30 Euro gibt, auch günstige Nadeln und Farbe, von der manch eine in Deutschland wohl nicht einmal erlaubt ist.” Ein anerkannter Ausbildungsberuf ist das Handwerk noch nicht. In Japan dagegen liegt viel Ernst hinter der Jahrhundertelangen Tradition. Der Tätowierer geht so lange bei seinem Meister in die Lehre, bis der stirbt. Danach ist es selbstverständlich, dass er sich um dessen Angehörige kümmert.

Immer wieder kommen Kunden mit verpfuschten Motiven in Sturzas Studio. Oder weil sie nicht mehr mit dem Mann zusammen sind, dessen Name ihren Arm ziert. Dann überlegt er, wie man das Ganze trickreich umtätowieren und in ein neues Bild integrieren kann. “Upcovern.” Christina würde sich nie die Kritzelei ihres potenziellen Kindes tätowieren lassen, wie es gerade Trend ist. Genauso wenig Geburtstag, Gewicht und Größe ihres Kindes. Angelina Jolies Oberarm zieren die Längen- und Breitengrade der Geburtsorte ihrer Kinder. “Baby on board”, wie manch andere, hat sich die Schauspielerin aber nicht auf ihren Schwangerschaftsbauch tätowieren lassen. Die Verbundenheit zu einem Menschen durch eine Tätowierung auszudrücken findet Christina aber schon schön. “Wenn vier Freundinnen zum Beispiel ein Kleeblatt haben und bei jeder ist ein anderes Blatt ausgemalt.”

Inzwischen sind auch vor allem minimalistische Motive angesagt

In Deutschland entwickelt sich die Szene in alle Richtungen. Angesagt sind Hände in allen möglichen Gesten und Blumen in minimalistischer Ausführung, zum Beispiel nur in Linien gezeichnet. Oft verwandeln sich aber auch die Blumen dann halb in Schmetterlinge. Auch Schlangen und buddhistische Motive sind begehrt. Oder Schriftzüge und Zitate. Aber Achtung vor Schreibfehlern. David Beckham trägt für immer seine Frau “Vihctoria” mit sich herum. Im Prinzip geht heute alles – nur keine chinesischen Zeichen oder Sternzeichen mehr. Es geht sogar die KZ-Nummer des Großvaters auf dem Arm, wie es einzelne, junge Israelis zum Gedenken machen. Und es geht, dass eine 81 Jahre alte Engländerin “Do not resuscitate” auf ihre Brust tätowieren lässt. Nur für den Fall, dass sie jemand wiederbeleben will.

Den Körper zur Leinwand verwandeln, die Nacktheit mit Bildern zuwachsen zu lassen, ist in der Masse angekommen. Nicht mehr die Silhouette des Körpers wird geformt mit Schulterpolstern oder ausladenden Unterröcken. Der Körper selbst wird gestaltet. Bleibt die Frage: Kann man sich als wandelndes Gemälde überhaupt noch nackt fühlen?

Das bedeuten andere Tattoomotive

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Matrosen: Während sie Monate draußen auf See waren, verwandelten sie ihre Körper zu Tagebüchern. Bereits im Mittelalter. Ein Herz erinnerte an die Liebste, die ihm Heimathafen wartete, der Anker stand für die wohlbehaltene Wiederkehr, das große Segelschiff für die persönliche Lebensfahrt. Das kleine Schiff wurde tätowiert, nachdem ein Matrose Kap Horn umschifft hatte, die Schlange erzählte von prickelnder Sünde und Versuchung. Ein Drache zeigte, dass der Träger nach China gelangt war; ein goldener, dass er die Datumsgrenze überquert hatte und eine Schildkröte, dass es der Äquator war. Eines der beliebtesten Motive des 19. Jahrhunderts: das Pin-Up-Girl.

Ureinwohner: Bevor die Europäer nach Neuseeland kamen, trugen die indigenen Maori “Moko”. Die Männer auf Schenkeln, Rücken, Hintern oder im Gesicht; Frauen auf Lippen oder Kinn. So waren nicht nur Rang und Herkunft klar, sondern auch, dass sie erwachsen waren, also sexy! Mit Punkten und Strichen wurden Moko in die Haut gekratzt und vernarbten. Die Pigmente gaben die Maori in Schmuckkästchen an ihre Kinder weiter. In den Musketen-Kriegen mussten tätowierte Schädel ihrer Krieger als Zahlungsmittel für Schusswaffen herhalten.

Asien: In Kambodscha, Laos und Thailand sollen heute noch die heiligen “sak yant” mit ihren komplexen Mustern, Schriftzeichen oder Tempelspitzen Stärke, Glück und Schutz verleihen. Auch vor Gewehrkugeln. Die buddhistischen Mönche, die manchmal noch per Bambusstab und Mantras rezitierend stechen, mixen in ihre Farbe gerne mal Gallenflüssigkeit des Feindes, zermahlene Haut eines Mönchs oder andere magische Substanzen. Europäische Touristen stehen drauf. Das thailändische Kulturministerium kritisiert nun, diese Modeaccessoires untergrüben den Respekt vor der Religion. Und ob die Touristen wirklich alle fünf Sittlichkeitsregeln einhalten? Nicht töten, nicht stehlen, kein sexuelles Fehlverhalten, nicht lügen, keine Drogen? Und jeden März das Tattoo beim “Lehrer-ehren-Fest” aufladen, wo sie alle in Ekstase geraten und sich wie Raubtiere gebärden?

“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
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