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Immer mehr Brauereien stellen es her

Bierboom: Warum Helles nicht mehr nur in Bayern beliebt ist

Ob ein alkoholfreies Bier Zucker enthält oder nicht, liegt an der Herstellung und steht in der Nährwertangabe auf dem Flaschenetikett.

Jemand gießt Bier in ein Glas.

Für viele Biertrinkerinnen und Biertrinker war die Welt früher ziemlich leicht einzuteilen: In Deutschland trank man – von regionalen Besonderheiten mal abgesehen – Pils. In England kam Ale aus dem Zapfhahn, in Irland Stout. Und in den USA verzichtete man besser ganz darauf, ein Bier zu bestellen – für hiesige Kennerinnen und Kenner hatte es damals oftmals zu wenig Alkohol und zu wenig Geschmack. Doch es ist, wie es ist mit den Vorurteilen: Früher oder später wird mit ihnen aufgeräumt. Und zwar gründlich.

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In den vergangenen Jahren erlebte so ziemlich jede klassische Biersorte ihr Comeback – und das lag vor allem an der Craftbeer-Welle, die ausgerechnet aus den USA über den Atlantik schwappte. Das Indian Pale Ale (IPA) trat seinen Siegeszug an, im Schlepptau hatte es das Pale Ale. Das NEIPA, das New England IPA, kam, und Brown Ale wurde plötzlich auch außerhalb von Newcastle hoffähig, einer Stadt, mit der es seit Jahrzehnten eng verbunden war.

Sie alle jedoch hatten eines gemein: Für überzeugte Pilstrinkerinnen und Pilstrinker waren sie keine wirkliche Alternative – denn sie wirkten auf sie mal zu hopfig, mal zu fruchtig, mal zu trüb, mal zu dunkel. Pilstrinkerinnen und Pilstrinker tranken einfach weiter das, was sie immer tranken: Pils.

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Helles Bier schwappt durch Deutschland

Inzwischen aber bekommt auch diese Biersorte Konkurrenz, und dies von einer, die es hierzulande eigentlich schon seit mehr als 100 Jahren gibt: das Helle. Dieses hellgelbe, untergärige, schwach gehopfte Bier gehört seit vielen Jahrzehnten in den Biergärten und Brauhäusern Münchens und Umgebung zum Standardsortiment. In Orten wie Münster, Munster oder Mönchengladbach aber musste man es lange suchen. Bis heute.

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Ähnlich wie vor Jahren beim Craftbeer, scheint derzeit eine helle Welle das Land zu überschwemmen. In vielen Kneipen ist es inzwischen am Zapfhahn gelandet, Getränkemärkte haben mitunter ganze Regale freigeräumt für das milde Bier aus Bayern. Nun ist es in Deutschland schwer, an der Marktmacht des Pilsbieres vorbeizuziehen – mit 15,25 Millionen Hektolitern war der Anteil dieser Sorte im Lebensmittelhandel 2019 höher als bei allen anderen Bierstilen zusammen. Doch haben es Export, Lager und Helles in der Gunst der Verbraucherinnen und Verbraucher laut einer Statista-Umfrage von 2020 immerhin geschafft, mit dem Weizenbier gleichzuziehen. Und dies galt aus wirtschaftlicher Sicht lange als einzig ernstzunehmende Alternative.

Unterschied zwischen Pils und Hellem

Rein äußerlich unterscheiden sich Pils und Helles kaum. Auch das Helle wird mit Pilsner Malz gebraut. Geschmacklich aber ist der Unterschied deutlich erkennbar: Ein Helles wirkt süffig, alles andere als bitter. Der Alkoholgehalt liegt meist zwischen 4,5 und 5,5 Prozent. Es ist weniger stark gehopft als ein Pils und wird traditionell vor dem Abfüllen gefiltert. Daher kommt seine hell-goldgelbe, klare Farbe.

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„Helles ist das Wachstumssegment der deutschen Biere“, sagt Patrick Buse vom Getränkekonzern AB Inbev. „Wir sehen anhand von Industriedaten ein großes Wachstum in den letzten Jahren.“ Zu AB Inbev gehört unter anderem die Münchner Spaten-Brauerei, die als Erfinderin des Hellen gilt. Sie braute es im März 1894 als erste Brauerei – in einer Zeit, in der in Bayern und dem Norden ausschließlich dunkles, malziges Bier getrunken wurde.

In Bayern gibt es Helles in fast jeder Brauerei

Doch Spaten ist bei Weitem nicht mehr der einzige Anbieter. In Bayern gehört das Helle längst zum Standardrepertoire fast jeder Brauerei. Und auch in anderen Ecken der Republik entstehen ständig neue Anbieter – vor allem in den Großstädten: Die Craftbeer-Brauerei Brlo aus Berlin hat eine solche Sorte inzwischen im Programm, ebenso Ratsherrn aus Hamburg sowie Herrenhäuser und Mashsee aus Hannover. Veltins kam 2020 mit der Retromarke Helles Pülleken, und auch der eine oder andere Weißbierproduzent aus Bayern liebäugelt offenbar derzeit mit einem Hellen, wie es in Branchenmedien heißt. Und die Liste lässt sich fast ewig fortsetzen.

„Tatsächlich entwickelt sich unser Hamburg Hell noch besser als erwartet“, sagt Mariann von Redecker, Pressesprecherin und Diplom-Biersommelière bei Ratsherrn. Nach nur sieben Monaten am Markt sehe das Marktforschungsunternehmen Nielsen das Bier im Regierungsbezirk Hamburg auf Platz zwei der Kategorie Hell. Ratsherrn geht dabei einen etwas anderen Weg als seine Mitbewerber: Hamburg Hell ist im Gegensatz zu anderen Hellen naturtrüb.

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Helles ist auch in Berlin angesagt

Auch in Berlin ist der Klassiker wieder angesagt. „Bei uns macht das Helle bereits mehr als 20 Prozent aus“, sagt Marcus Thieme, Chief Operating Officer bei Brlo, einer Craftbeer-Brauerei aus Kreuzberg. Und er sieht noch sehr viel Potenzial – der Hype habe noch nicht überall so eingesetzt wie beispielsweise in Berlin. Thieme erkennt eine Entwicklung: „Die Tendenz geht in Richtung Vielfalt.“ Das Volumen verlagere sich inzwischen auf sechs unterschiedliche Bierstile, vom Alkoholfreien bis zum IPA.

Dieser Trend zeigt sich auch im Süden des Landes: Die Bayreuther Brauerei Maisel kündigte im Sommer den Bau eines neuen Brauhauses an, um unter anderem der gestiegenen Nachfrage nach ihrem Bayreuther Hell nachkommen zu können.

Jüngere Menschen mögen Helles

Das Helle werde vor allem von jüngeren Menschen geschätzt, hat Nina Göllinger, Pressesprecherin des Deutschen Brauer-Bundes, beobachtet. „Auch wenn die Sorte Pils weiterhin unangefochten mit einem Marktanteil von rund 50 Prozent auf Platz eins in der Beliebtheit der Verbraucher steht, ist der Absatz bei Hell-Bieren in den vergangenen Jahren stetig gestiegen.“ Diese Sorten träfen offenbar den Geschmack vieler Verbraucherinnen und Verbrauchern, denen das Bittere mancher Biere weniger zusage.

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Ein Trend, der sich auch bei anderen Sorten zeigt: „Mit der Rückbesinnung auf traditionelle Sorten, zu denen auch das Helle gehört, ist auch ein deutliches Wachstum der Keller-, Land- und Zwickelbiere zu beobachten“, erläutert Nina Göllinger. „Dabei handelt es sich allesamt um Biere, die im Vergleich zu Pils eher mild und malzaromatisch sind.“

Diese Entwicklung begann bereits vor Jahren, wie Michael Buse­mann erklärt, Sprecher des Verbandes der Diplom-Sommeliers. „Seit Jahrzehnten senken viele große Pilsanbieter stetig die Bittereinheiten und versuchen so, dem Massengeschmack zu entsprechen“, hat er beobachtet. Auch die Wiederentdeckung regionaler Spezialitäten wie die fränkischen Zwickel- oder Kellerbiere habe den Boom des Hellen ausgelöst.

Zugzwang durch Craft-Biere

Mit dem Einzug der Craft-Biere hätten sich viele klassische Brauereien unter Zugzwang gesehen, erläutert Busemann. Sie mussten sich nach alternativen Sorten umschauen. Im Gegenzug hätten Anbieter aus Bayern ihr Vertriebsgebiet nach Norden ausgedehnt. „Das Angebot und die Nachfrage nach milden Bieren passen perfekt zusammen“, sagt der Bierexperte.

Auf diesen Zug sprängen jetzt sogar die ersten klassischen Weißbierbrauer und -brauerinnen auf, erklärt Busemann. „Immer mehr Varianten der Sorte werden auch von nationalen Brauereien angeboten – sogar in Köln gibt es mit dem Wiess einen obergärigen Ableger.“

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