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Alt? Von wegen! Warum wir uns heute jünger fühlen denn je

Alt? Von wegen! Heutige Senioren fühlen sich meist jünger, als sie tatsächlich sind.

Alt? Von wegen! Heutige Senioren und Seniorinnen fühlen sich meist jünger, als sie tatsächlich sind.

Hannover. Joe Biden war bei seiner Amtseinführung als US-Präsident im vergangenen Jahr 78 Jahre. Der gleichaltrige Alexander Van der Bellen will in diesem Herbst erneut bei der Bundespräsidentenwahl in Österreich kandidieren. Biden und Van der Bellen gehören zu einer neuen demografischen Macht. Die Rede ist von den „Silver Agern“. Nie zuvor haben so viele Menschen ein so hohes Alter erreicht und waren dabei gesundheitlich so fit. Die Chance, 65 oder älter zu werden, hat sich in Deutschland in den vergangenen 30 Jahren verdreifacht.

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Streben nach ewiger Jugend

Das Streben nach ewiger Jugend ist fast allen Kulturen gemein. Bereits die älteste bekannte Dichtung der Menschheit, das Gilgamesch-Epos, beschreibt die vergebliche Suche eines Königs nach der ewigen Jugend. Je älter die Gesellschaft wird, desto länger will die Mehrheit sich jung fühlen. Zukunftsforschende nennen den neuen Trend „Downaging“. Ältere Menschen sind heute geistig und körperlich jünger als Ältere vor ein oder zwei Generationen. Wir fühlen uns immer jünger, bleiben nicht nur körperlich länger gesund, sondern zusätzlich geistig länger vital. Die Folge: Das gefühlte Alter unterscheidet sich um bis zu 15 Jahre vom biologischen. Umfragen zufolge nehmen sich 16- bis 29-Jährige im Schnitt um drei Jahre jünger wahr, 60- bis 74-Jährige um acht Jahre und über 75-Jährige um zehn.

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Die „Forever Youngster“, die jungen Alten, sind die neuen Trendsetter. Zu dieser Gruppe zählt man mehr als drei Millionen 60- bis 79-Jährige in Deutschland. Zwei Drittel von ihnen sind Frauen, 80 Prozent haben Kinder, und immer mehr sind berufstätig. Ältere Menschen engagieren sich im sozialen Bereich häufiger als jüngere. Für die Generation 75-plus stellt der Sozialsektor dabei den größten Bereich für ihr Engagement dar.

Die Alterskompetenz entscheidet darüber, ob und wie eine Gesellschaft erfolgreich altert. Gemeint ist die Fähigkeit, mit Risiken aktiv umzugehen und sich im Laufe des Lebens bewusst zu verändern und anzupassen. Je früher diese Fähigkeit entwickelt wird, desto besser.

Optimisten leben länger und gesünder

Forscher der Yale University haben herausgefunden, dass Menschen, die über eine positive Selbstwahrnehmung bezüglich des eigenen Alters verfügen, im Schnitt 7,5 Jahre länger leben als jene ohne positive Selbstwahrnehmung. Die Studie belegt den Zusammenhang zwischen positiver Einstellung zum Altern und einer deutlich höheren Lebenserwartung. Menschen mit einer negativen Einstellung dagegen hatten später ein doppelt so hohes Risiko, eine Herz-Kreislauf-Erkrankung zu bekommen. Optimisten und Optimistinnen leben gesünder und länger.

Die Abkehr vom Alter – oder den tradierten Bildern davon – bedeutet auch Befreiung und mehr Selbstbestimmung. Es geht um Aktivität, Vitalität, Lebensqualität. Die Zukunft gehört der alterslosen Gesellschaft – mit weitreichenden Folgen für Arbeit, Wohnen und Engagement.

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So machen gestiegene Lebenserwartung plus bessere Arbeitsbedingungen längeres Arbeiten möglich. Etliche Studien belegen den Zusammenhang: Es ist gesünder, im Alter (reduziert) weiterzuarbeiten, selbst wenn man schon in Rente ist. Menschen, die dann weiter gebraucht werden und erwerbstätig sind, leiden weniger an schweren Krankheiten und leben oft länger als Gleichaltrige im Ruhestand. Ein zu früher Renteneintritt schadet hingegen der Gesundheit. Mehr als jeder Zweite in der Generation 60-plus geht heute einer bezahlten Tätigkeit nach, das ist eine Verdopplung innerhalb von 20 Jahren. In der Altersgruppe Ü70 wollen mehr als 20 Prozent weiter arbeiten, wenn sie gesundheitlich dazu in der Lage sind. Viele der Älteren sind hochqualifiziert und könnten die größer werdende Lücke bei den Fachkräften zum Teil schließen.

Fast alle Älteren wollen die letzten Lebensjahre in den eigenen vier Wänden verbringen und nicht in Heimen. Dank des medizinischen und technologischen Fortschritts werden sich die meisten Älteren selbst zu Hause versorgen oder dort versorgen lassen. Voraussetzung sind flexible Wohninfrastrukturen und Projekte, die Pflege in den Alltag integrieren und dabei die Pflegebedürftigen so weit wie möglich aktivieren. „Altersfreundliches Wohnen“ ist weltweit ein Trend. Das Netzwerk altersfreundlicher Städte der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist in mehr als 150 Ländern aktiv. Es geht um Themen wie Barrierefreiheit, gesellschaftliche Teilhabe und Dienstleistungen. Die Pflege älterer Menschen am Wohnort wird zum neuen urbanen Wachstumsmarkt. Es geht um dezentrale Lösungen und Modelle, intelligente Wohn- und Nachbarschaftsformen, Quartierärzte und -schwestern und Telemedizin.

Ein weitgehend unerschlossenes Potenzial bietet der soziale Bereich. Ältere engagieren sich häufiger und vor allem regelmäßiger als Jüngere. Selbst beim Bundesfreiwilligendienst, der bei seiner Gründung vor zehn Jahren nur Jüngeren möglich war, liegt der Anteil der Älteren heute bei 30 Prozent. Am stärksten engagiert sich die Generation 75-plus für Ältere. Angesichts einer älter werdenden Gesellschaft steigt sowohl das Angebot als auch die Nachfrage nach älteren Freiwilligen. Schon heute haben knapp 20 Millionen das 65. Lebensjahr überschritten, Tendenz stark steigend.

Der aktuelle Vorstoß des Bundespräsidenten, über eine „soziale Pflichtzeit“ nachzudenken, wurde in der Öffentlichkeit ausschließlich auf die Jüngeren bezogen. Das ist ein Fehler. Das Potenzial der Älteren bei der Schaffung von mehr Zusammenhalt darf nicht länger ignoriert werden. Statt eines neuen Pflichtdienstes für Jüngere brauchen wir einen neuen Generationenvertrag. Warum schaffen wir das Alter nicht endlich ab und sprechen Jüngere und Ältere mehr an? Altersdiskriminierung und Jugendwahn sind längst überholt. Wir können jetzt die Geschichte des demografischen Wandels neu schreiben. Eine Gesellschaft, die gesund, tätig und engagiert altert, ist eine reifere und freiere Gesellschaft und eher immun gegen Hass, Polarisierung und Zukunftsängste.

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Dr. Daniel Dettling ist Zukunftsforscher und leitet das von ihm gegründete Institut für Zukunftspolitik (www.zukunftspolitik.de). Sein aktuelles Buch heißt „Eine bessere Zukunft ist möglich. Ideen für die Welt von morgen“ (Kösel-Verlag).

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