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Afrikas Mode auf dem Vormarsch: Der Stil ist wie “Slow Food”

  • Waridi Schrobsdorff unterstützt afrikanische Designer dabei, sich in Deutschland zu etablieren.
  • In den Kollektionen geht es nicht um Trends, sondern darum, Gemeinschaft zu zelebrieren.
  • Ein Gespräch über Stil und die Macht der “Community”.
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Man sagt, die Musik sei eine Sprache, die jeder versteht. Hat Mode, Frau Schrobsdorff, eine eigene Sprache?

Mode ist Bewegung. Mode ist vielleicht die sanfteste Art, die Veränderungen einzufordern, die ich will – sei es politisch oder gesellschaftlich.

Sie unterstützen afrikanische Designer und Designerinnen mit Ihrer Plattform “FA254” bei der Vermarktung in Deutschland. Was müssen wir wissen, um Mode aus Afrika zu verstehen?

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Afrikanische Mode ist mutig. Die Designer denken nicht in Konventionen. Sie werden kreativ mit dem, was ihnen zur Verfügung steht. Auch wenn das Material beschränkt ist. Viele Europäer denken bei Afrika zuallererst an starke Farben. Das gehört zu den Klischees, die ich mit meiner Arbeit verändern will. Afrikanische Mode ist sehr persönlich, sehr direkt, sehr intensiv. Farbe ist da nur unsere Leinwand.

Waridi Schrobsdorff, Jahrgang 1963, ist in Kenia geboren und aufgewachsen. Sie hat arabische und afrikanische Wurzeln. Die muslimischen Eltern sprachen zehn Jahre lang nicht mit ihr, nachdem sie in London eine Modelkarriere gestartet hatte. Mit ihrem deutschen Mann lebt Schrobsdorff heute in Berlin. Hier gründete sie die Plattform „FA254” für afrikanisches Design – was sie auch wieder mit ihrer Familie verband. © Quelle: picture alliance / Eva Oertwig /

Und was kommt drauf auf diese Leinwand?

Die Identitäten von mehr als 3000 Stämmen, der Einfluss der Kolonialherren – und das Lebensgefühl der jüngsten Gesellschaften dieser Welt. Obwohl wir so eine lange Geschichte haben, sind wir immer noch dabei, uns selbst zu definieren. Dieses Ausprobieren ist stilprägend.

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Sie sind gebürtige Kenianerin mit einer Modelkarriere in New York und London, leben mit Ihrem deutschen Mann in Berlin – und sprechen doch von “wir”, als sei Afrika eine einzige, homogene Gesellschaft. Gibt es keine Unterschiede zwischen Mode aus dem Senegal, Südafrika oder Kongo?

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Doch natürlich – dafür steht ja “FA254”. FA für Fashion Africa, die 2 für den internationalen Vorwahlcode, die 54 für alle 54 Länder des Kontinents. Ich habe selbst nur vielleicht die Hälfte dieser Länder erkundet. Aber die Unterschiede sind ganz klar. In ostafrikanischen Ländern, die unter dem Kolonialeinfluss Großbritanniens standen, ist Mode eher konservativ, mit eleganter Zurückhaltung. Die französischsprachigen Länder, Senegal oder Kongo, verbinden sich stilmäßig mit Paris. Die kongolesischen Sapeurs, sehr stilbewusste Männer, tragen faszinierende, maßgeschneiderte Anzüge aus Stoffen in drei, vier Farben, sehen sich selbst als die Gentlemen Afrikas und betonen eine leicht arrogante Eleganz. Dazu aber kommt etwas ganz Eigenes: eine moderne Interpretation von Stammesbewusstsein.

In der afrikanischen Mode spiegelt sich auch immer ein Stück weit die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft wider. © Quelle: Daniele Tamagni

Wie meinen Sie das?

Wenn Afrikaner auf die Straße gehen, dann erkennst du ihre Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft an ihrer Kleidung. Wir waren immer Stamm. Jetzt sieht man das im Street Style in den Metropolen als Afropunk oder – wunderschön in Kenia – als Vintage Tribe. Oft in einer Weise, die Geschlechtergrenzen auflöst. Afrikanische Gesellschaften leben von Gemeinschaft, von “Community”. Das ist es, was ich so mag – es geht nicht um Trends. Es geht um Community. Das Spannende ist: Auch Europäer spüren jetzt, in der Corona-Krise, das Bedürfnis, Gemeinsamkeit zu formulieren. Es ist schön, das in Frankreich zu sehen und hier in Deutschland. Wir kommen da auf eine gemeinsame Ebene, egal ob schwarz oder weiß. Wir fangen an, unsere jeweiligen Sprachen zu verstehen.

Erleichtert das die Vermarktung dieser Mode in Europa?

Ich merke auf jeden Fall, dass sich in Deutschland etwas verändert. Franzosen, Briten, Italiener waren immer aufgeschlossen für afrikanisches Design. Hier war immer Skepsis: Können Afrikaner zuverlässig liefern? Kauft das nur eine Minderheit? Aber seit einem Jahr dreht sich etwas. Gerade hat mich ein neuer Concept Store in Berlin gebeten, den Einkäufern afrikanische Marken vorzustellen, denen ich vertraue. Aber natürlich sind die Zeiten gerade jetzt sehr schwierig. Die Industrie steckt fest wegen der Corona-Krise. Da ist es zu viel verlangt, einfach nur zu fordern: Kauft ein in Afrika! Ich bin deshalb gerade dabei, ein neues Konzept zu entwickeln: Wie bringe ich afrikanische Designer in Kooperation mit deutschen Marken, Warenhäusern und Einzelhändlern?

Wie arbeiten Sie mit den Designern?

“FA254” arbeitet immer intensiv mit zehn Designern für ein Jahr. Denn der Markt braucht mehr als gute Ideen, er braucht auch Qualitätsprodukte und gute Preisgestaltung. Afrikanische Designer halten mit ihren Aufträgen kleine Handwerksbetriebe am Laufen, Nähereien, Webereien, Perlenstickerinnen. Wir schauen uns zusammen mit deutschen Experten diese Betriebe an, unterstützen bei Nachschulung und Professionalisierung. Qualität in Design und Produktion sowie die Vermarktung stärken wir. Das ist mir wichtig.

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Zwischen Afropunk und Vintage Tribe: Afrikanische Mode findet auch hierzulande zunehmend Beachtung. © Quelle: Daniele Tamagni

Ist die Kleingewerblichkeit aber global nicht ein Nachteil?

Das stimmt – und stimmt nicht. Viele sagen, Afrikaner müssten mehr produzieren. Wir antworten: Wenn ihr hundert Stücke in einer Kollektion haben wollt, dann können wir das machen. Dann ist das Design das gleiche – aber das Material oder die Farben können variieren. Für hundert exakt gleiche Teile müssen wir den Stoff woanders und teurer einkaufen, nicht mehr bei unseren lokalen Webereien. Es gehört zur Marke Afrika, nachhaltig zu produzieren, zu upcyclen. Wir bieten das Slow Food der Mode.

Das passt doch zu Europas wachsendem Überdruss an Wegwerfmode.

Ja. Trotzdem ist es eins der größten Themen in unseren Workshops. Viele deutsche Institutionen setzen auf Massenproduktion in Afrika. Wir wollen aber einfach besser werden in dem, wie wir es schon machen. Jeder, der in Afrika investiert, muss wissen: Wir sind alle Teil des Klimawandels und was in Afrika geschieht, muss Teil der Lösung sein. Wir wollen nicht, dass Afrika das nächste China wird.

Sehen die afrikanischen Regierungen das genauso?

Bislang galt die Modeindustrie als irrelevant, verspielt, trotz der vielen Arbeitsplätze, die daran hängen. Jetzt erkennt man das Potenzial – weil die kleinen Betriebe aus der Not eine Tugend gemacht und Corona-Masken sowie Schutzkleidung für Mediziner produziert haben. Die Designer sind im Moment die Helden des Kontinents. Denn sie tragen ihren Teil zum Überleben ihrer Community bei – und warten nicht einfach darauf, dass irgendjemand von außen kommt und Afrika hilft.

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