Zwangsläufig zweisam: Wie Paare in Corona-Zeiten harmonischer zusammenleben

  • In der Corona-Krise müssen viele Paare zwangsläufig mehr Zeit miteinander verbringen. Das kann alles andere als harmonisch verlaufen.
  • Damit Paare nicht zu sehr aufeinanderhocken, ist etwas Abstand sinnvoll, meint Bestsellerautorin Ann-Marlene Henning.
  • Laut Paartherapeut Hemschemeier auch wichtig: In diesen Zeiten müssen wir Verständnis für die Gefühle anderer entgegenbringen.
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Hannover. Es ist dieser eine Moment, den sicher viele Menschen kennen, über den aber nur wenige gern sprechen. Dieser Moment, wenn man einfach nur noch genervt von sich selbst und allen anderen ist und am liebsten – im wahrsten Sinne des Wortes – aus der Haut fahren möchte. Weil einem die eigene Hülle zu eng geworden ist und die Luft zum Atmen zu dünn. Es sind jene Augenblicke, in denen sich kleine Kinder auf den Boden schmeißen und wüten, strampeln und schreien, bis der Druck schließlich nachlässt und sich Erschöpfung breitmacht. Doch wer nimmt sich diese Freiheit schon noch jenseits des Kindergartenalters?

Kraftakt oder Entlastung? Die dazugewonnene Zeit mit sich selbst in der Corona-Krise

Wie oft habe ich mir in solchen Momenten schon eine Art Gummizelle gewünscht, in der ich mich so richtig auswüten kann. Die Begegnung mit sich selbst, mit seinem tiefsten Inneren, kann zu einer der herausforderndsten Begegnungen überhaupt werden – je nachdem, wie tief man die Treppe ins Innere hinabsteigt und was sich dort am Ende der Stufen verbirgt. Derzeit dürften viele diese vielleicht etwas verstörende, vielleicht auf gewisse Art aber auch liebevolle Begegnung haben.

Paare, Singles und Menschen, die in anderen Konstellationen leben, haben aktuell vor allem eins: viel Zeit mit sich selbst, mit dem Partner oder der Familie. Das Coronavirus hat für uns alle die Handbremse abrupt angezogen – ob das nun gerade in unser Leben passte oder auch nicht. Es ist eine Art erzwungener Cool-down, wie es der Zukunftsforscher Matthias Horx passend umschrieben hat. Ein Cool-down, der so manch überhitzten Schädel zurück aufs Wesentliche stoßen dürfte, nämlich auf das eigene Ich.

Für den einen mag es eine Entlastung sein, wenn jetzt all die äußeren Zwänge und Verpflichtungen wegfallen. Für den anderen wird diese wundersame Zeit zu einer echten Herausforderung, zu einem wahren Kraftakt, an dessen Ende möglicherweise die Erkenntnis steht: So wie bisher kann es nicht weitergehen. Therapeuten rechnen mit einem enormen Zulauf, wenn die Krise vorbei ist und die Ausgangsbeschränkungen gelockert sind.

Bestsellerautorin Henning: “Ich wurde immer genervter von meinen Mann”

Mit “Depression und Langeweile” hatte auch die Paartherapeutin und Bestsellerautorin Ann-Marlene Henning zu Beginn der Corona-Krise zu kämpfen. Wenngleich vom Fach, hat sich die gebürtige Dänin, die mit ihrem Partner und zwei Katzen in Hamburg lebt, in diesem unbequemen Moment des Freiheitsentzugs selbst erst einmal neu aufstellen müssen. “Erst etwas später kam dann so etwas wie Tatendrang hinzu”, erinnert sie sich im Podcast “Corona und die Liebe” des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND). Darin spricht sie über die Herausforderungen, die dieses Virus für Paare, Singles, Familien und für Zwischenmenschliches im Allgemeinen mit sich bringt – und gibt dabei Einblicke in ihr eigenes Seelen- und Paarleben: “Ich wurde immer genervter von meinen Mann”, gesteht sie. Plötzlich habe sich ihr ganzes Leben verändert: Statt Talkshows, Bühnenauftritten und Kliententerminen hieß es: Schränke ausmisten, die Finanzen klären, durchsortieren. “Irgendwann war ich von allem genervt, was er getan hat, selbst wenn er nur das Zimmer betreten hat”, sagt sie.

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Räumliche Trennung hat Beziehung zu Mann verbessert

Ihr Mann hingegen, der als Illustrator ohnehin immer zu Hause arbeite, sei blendend klargekommen. “Ich befand mich in einer extremen Reizsituation”, schildert Henning. Flucht, Angriff oder Totstellen, das seien die drei Reaktionsmuster, die in einer solchen Ausnahmesituation infrage kämen, meint die Therapeutin. “Fliehen geht aktuell nicht”, stellt Henning ein wenig ernüchtert fest. Angriff und Totstellen sei für sie auch nicht infrage gekommen, entsprechend sei der Druck immer weiter gestiegen: “Ich habe dann ziemlich schnell gemerkt, dass das nach hinten losgeht. Also habe ich mich gefragt: Was brauche ich jetzt?” Am Ende ihrer Überlegungen hat die 55-Jährige die für sich und ihren Partner perfekte Lösung für die Zeit des sozialen Distanzierung gefunden: Damit sie als Paar nicht zu sehr aufeinanderhocken, ist Henning vorübergehend in ihre ohnehin gerade leerstehende Praxis gezogen. Sie befindet sich nur wenige Hundert Meter von der gemeinsamen Wohnung entfernt. Wann immer ihr danach ist, kann sie ihren Partner besuchen. Der positive Nebeneffekt an der räumlichen Trennung: “Ich habe plötzlich wieder liebevoll an meinen Mann gedacht”, sagt Henning. Keine Spur mehr von Zorn, von Gereiztheit und erzwungener Nähe.

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Um eine zweite Ansteckungswelle in Deutschland zu vermeiden, sind einige Verhaltens- und Hygieneregeln zu beachten.  © RND

Formel für Paare: Liebevoll sein, aber Raum für sich selbst nehmen

Liebevoll sein, wohlwollend auf seine Mitmenschen gucken, das sei es, worauf es in dieser Krise ankommt, sagt Henning. “Es ist wichtig, diese Situation anzunehmen, auch als Paar und Familie.” Achtsamkeitscoach Helmut Nowak sieht das ähnlich. Wichtig seien zudem Selbstliebe und Selbstmitgefühl. “Es stärkt das Immunsystem, es reduziert die Angst und ist der einfachste Weg, unser Herz für andere offen zu halten”, betont Nowak. Sein Appell: “Fühlen Sie sich frei, Ihren eigenen Weg zu finden, um mit sich selbst mitfühlend zu sein. Und seien Sie sich sicher, Sie stehen in dieser Situation und mit diesen Gefühlen aktuell nicht allein da.” Unweigerlich kommen einem da die berührenden Fotos in den Sinn, die derzeit in den sozialen Medien kursieren – und unzählige Likes und Herzen unter sich vereinen. Sie zeigen Paare, die sich über Ländergrenzen hinweg an einem Metallzaun oder einer Schranke treffen, um sich wenigstens zu sehen, wenn sie sich schon nicht besuchen dürfen. Oder das Bild eines älteren Paares, weit jenseits der 80: Er färbt ihr die Haare, ganz liebevoll, Strähne für Strähne. Liebevoll zu seinen Mitmenschen sein – und sich trotz der einschränkenden Situation den Raum nehmen, den es braucht, damit die eigene Hülle eben nicht zu eng wird: Das scheint in diesen Tagen die Formel zu sein, um als Paar oder als Familie die Krise unbeschadet zu überstehen.

Paartherapeut: In Quarantänezeiten Verständnis für Gefühle anderer entgegenbringen

Ob es wohl mehr “Quarantänekinder” oder mehr “Quarantänescheidungen” geben wird? Zigmal sei ihm diese Frage gestellt worden, schreibt der Hamburger Paartherapeut Christian Hemschemeier in seiner regelmäßigen Kolumne fürs RND. Seine knappe Antwort darauf: “Ich weiß es nicht.” Denn: “In solch einer Krisensituation zeigt sich oft erst, wie unterschiedlich wir mit Herausforderungen umgehen. Die einen nehmen es locker hin, andere verfallen in Schockstarre, wieder andere reagieren panisch.” So wie es auch Ann-Marlene Henning über sich und ihren Partner geschildert hat: er der Gelassene, sie beinahe in Schockstarre.

Auch Hemschemeier rät, die Situation anzunehmen. “Es ist hilfreich, wenn wir respektieren, dass jeder anders mit Ängsten umgeht. Nur weil ich die Situation beispielsweise etwas lockerer nehme, sollte ich Verständnis für meinen Partner haben, der eher ängstlich ist”,meint er und kann der Situation sogar etwas Positives abgewinnen: “Diese Krise bietet uns die wunderbare Chance, durch unser Verständnis unseren Liebsten Respekt und Wertschätzung entgegenzubringen.”

Wärmflasche für Singles: Wärme setzt Bindungshormon frei

Was aber ist mit Singles, die nun vielleicht isoliert leben? Oder mit Frauen und Kindern, die schon jenseits der Krise unter gewalttätigen Ehemännern und Vätern leiden müssen? Was bedeutet Corona für sie? Für Singles hat Paartherapeutin und Sexologin Ann-Marlene Henning eine auf den ersten Blick etwas merkwürdig anmutende Empfehlung: “Besorgt euch eine mit Fell bezogene Wärmflasche und drückt sie fest an euch, wenn ihr abends im Bett liegt oder vor dem Fernseher sitzt oder einfach, wann immer ihr das braucht.” Einen potenziellen Partner ersetzt das zwar nicht. Doch die Wärme, so Henning, setze unmittelbar am Körper das Bindungshormon Oxytocin frei: “Das ist dann fast so, als würde man einen anderen Menschen in den Arm nehmen.” Sie selbst habe auch ihre Wärmflasche im Gepäck gehabt, als sie die gemeinsame Wohnung für eine Weile verlassen hat.

Wirklich dramatisch entwickelt sich die Situation für viele, die solche Freiheiten nicht haben: Experten warnen vor einem Anstieg häuslicher Gewalt in der Corona-Krise. “Wir müssen mit dem Schlimmsten rechnen”, warnte Jörg Ziercke, Bundesvorsitzender der Opferschutzorganisation Weißer Ring. Was also tun, tatenlos zusehen? Keineswegs. Der Kinder- und Jugendpsychiater Oliver Dierssen formuliert es so: “Wir alle sind das Netz, das Dorf. Halten Sie Ihre Augen offen.” Oder wie Nowak sagt: “Öffnen Sie Ihr Herz für andere.”

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