Zurück zur Monogamie: Warum Treue in der Beziehung einen wissenschaftlichen Sinn hat

  • Amerikanische Forscher haben herausgefunden, dass Monogamie in unseren Genen liegt.
  • Eine weiteres Experiment zeigt jedoch, dass Treue in der Beziehung auch viel mit Selbstkontrolle zu tun hat.
  • Ihre gesellschaftliche Funktion ist Wissenschaftlern zufolge aber das Beschränken von Geschlechtskrankheiten.
Michèle Förster
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Monogamie liegt biologisch betrachtet nicht in der Natur des Menschen, trotzdem ist es das am weitesten verbreitete Beziehungsmodell. Ist ein Seitensprung deshalb etwas ganz Normales? Laut einer Umfrage zu Untreue in Beziehungen aus dem Jahr 2017 offenbar nicht: 81 Prozent der Frauen und 72 Prozent der Männer gaben an, ihren Partner noch nie betrogen zu haben.

Wo Treue aufhört und der Betrug anfängt, davon hat allerdings jeder seine ganz individuelle Vorstellung. Während es für viele nicht problematisch ist, wenn sich der Partner Pornos ansieht oder bei einer Flirt-App anmeldet, wäre eine Affäre für 88 Prozent der Befragten ein eindeutiger Trennungsgrund. Handelt es sich bei dem Seitensprung jedoch nur um einen einmaligen Ausrutscher, würden 36 Prozent sogar diesen verzeihen.

Aber warum fällt uns Treue eigentlich so schwer? Und wenn eine monogame Beziehung mit so vielen Einschränkungen einhergeht, warum halten wir trotzdem daran fest?

Monogamie liegt in unseren Genen

Die Antwort darauf liefert ein Forschungsteam der University of Texas. In einer Studie untersuchten die Evolutionsbiologen fünf Paare eng verwandter Säugetierarten – vier Säugetiere, zwei Vögel, zwei Frösche und zwei Fische – mit jeweils einem monogamen und einem nicht-monogamen Exemplar. Sie fanden heraus, dass es tatsächlich eine Veranlagung zur Monogamie in den Genen gibt. Offenbar hat die Evolution eine Art universelle Formel, um nicht-monogame Arten in treue Partner umzuwandeln.

Die evolutionsbiologische Studie erstreckt sich über den sagenhaften Zeitraum von 450 Millionen Jahren. Trotz der Komplexität des monogamen Verhaltens stellten die Forscher fest, dass bei jedem evolutionären Übergang die gleichen Veränderungen in den Genen auftraten. "Die meisten Menschen würden nicht erwarten, dass Übergänge bei so komplexen Verhaltensweisen in 450 Millionen Jahren jedes Mal auf die gleiche Weise stattfinden", erklärt Rebecca Young, die Hauptautorin der Studie in einer Mitteilung ihrer Universität.

Das Problem ist allerdings die biologische Definition der Monogamie. Denn für die Forscher leben die Tiere immer noch monogam, wenn sie sich gelegentlich mit anderen paaren. Es komme im Tierreich lediglich darauf an, dass die Aufzucht des Nachwuchses und das Verteidigen gegen natürliche Feinde zwischen den Partnern aufgeteilt wird.

Treue und Monogamie sind zwei Paar Schuhe

Wenn wir von Monogamie sprechen, geht es uns aber in erster Linie um Treue. Und die ist – zugegebenermaßen – noch komplexer, als die biologische Auffassung von Monogamie. Vor allem junge Menschen fragen sich mittlerweile, ob die Monogamie die einzig sinnvolle Beziehungsform ist – und einige Sexualwissenschaftler prophezeien sogar ihr Ende.

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Die biologische Erklärung greift eindeutig zu kurz, wenn sie das umtriebige Paarungsverhalten als Urinstinkt unserer Spezies betrachtet. Wenn Treue nämlich keine genetische Veranlagung ist, liefert diese Erklärung doch eine bequeme Ausrede für Seitensprünge. Aber zum Glück unterscheiden wir uns in einem ganz wesentlichen Punkt von Fröschen: Der Mensch ist nämlich in der Lage, seine Impulse zu kontrollieren.

Studie: Monogamie verhindert die Verbreitung von Geschlechtskrankheiten

Historisch betrachtet hat das Konzept der Monogamie jedoch noch eine andere Funktion. Wie Chris Bauch von der University of Waterloo in Kanada und Richard McElreath vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig im Fachmagazin “Nature Communications” berichten, schützen monogame Beziehungen nämlich vor der Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten.

Die Forscher überprüften anhand einer Computersimulationen ihre Theorie, nach der die Ausbreitung sexuell übertragbarer Krankheiten die Monogamie entstehen ließ. Denn Infektionskrankheiten wie Chlamydien, Syphilis oder Gonorrhö führten früher häufig zu Unfruchtbarkeit, was die Entwicklung einer Population maßgeblich beeinflussen konnte.

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"Diese Forschung zeigt, wie Ereignisse in natürlichen Systemen, etwa die Verbreitung ansteckender Krankheiten, die Entwicklung sozialer Normen und vor allem unsere gruppenbezogenen Urteile erheblich beeinflussen können", erklärt Bauch in einer Mitteilung der Universität. "Unsere sozialen Normen haben sich nicht völlig isoliert von dem entwickelt, was in unserer natürlichen Umwelt geschah. Im Gegenteil, wir können soziale Normen nicht verstehen, ohne ihren Ursprung in unserer natürlichen Umwelt zu verstehen."

Diese Eigenschaft entscheidet, ob jemand fremdgeht

Im Sinne der Impulskontrolle ist Treue innerhalb einer Beziehung aber eine bewusste Entscheidung, nämlich für die eine Person und gegen die vielen anderen Möglichkeiten. Trotzdem stellt sich nach wie vor die Frage, warum manche Menschen nun treu sind und andere nicht. Forscher der University of North Carolina sind diesem Phänomen auf die Spur gegangen.

In einem Experiment mit Studenten in monogamen Beziehungen kam heraus, dass diejenigen, die ein Auge auf attraktive Menschen in ihrem Umfeld werfen, eher dazu neigen, die Premium-Version einer Dating-App zu nutzen – und damit ihre Chancen auf potentielle Flirts zu erhöhen. Den Wissenschaftlern zufolge hängt diese Entscheidung aber stark mit der individuellen Selbstkontrolle zusammen.

In einem zweiten Schritt werteten die Forscher eine Langzeitstudie mit frisch verheirateten Paaren aus. Dabei zeigte sich ein Muster: Die untreuen Partner achteten insgesamt stärker auf attraktive Menschen und verfügten dazu über eine geringe Selbstkontrolle. Diese Eigenschaft ist für die Autoren der Studie ausschlaggebend: "Andere Personen attraktiv zu finden, sollte die Wahrscheinlichkeit untreu zu werden nur bei Menschen erhöhen, denen die Fähigkeit zur Selbstkontrolle fehlt." Oder anders gesagt: Wer Versuchungen gut widerstehen kann, ist in der Regel auch in einer Beziehung treu.

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