Wie man toxische Beziehungen erkennt

  • Heulkrämpfe und Appetitlosigkeit: Diese Symptome gehören zum Liebeskummer.
  • Nach einer Trennung ist das ganz normal – in einer Partnerschaft dagegen sollte man nicht ständig derart traurig sein.
  • Paartherapeut Christian Hemschemeier sieht darin eines von vielen Anzeichen einer toxischen Beziehung.
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Maren ist am Boden zerstört. Wie konnte ihr das nur passieren? Beziehungsweise wie konnte es so weit mit ihr und Steven kommen? Seit zwei Tagen ist sie nun zu Hause, unfähig, arbeiten zu gehen oder sonstige sozialen Kontakte zu pflegen. Wann sie das letzte Mal gegessen hat, weiß sie nicht mehr. Ihre Nächte bestehen aus kurzen Schlafepisoden und langen Heulkrämpfen. Maren spürt einen tiefen innerlichen Schmerz. Einen Schmerz, der kaum zu ertragen ist und der es ihr unmöglich macht, ihren Alltag normal zu bestreiten.

Können Sie erkennen, was Maren gerade durchmacht? Sicherlich kennen Sie eine solche Phase auch, entweder von Ihnen selbst oder von einem Freund, Arbeitskollegen oder Bekannten, den Sie hindurchbegleitet haben. Maren hat Liebeskummer. Einen Liebeskummer, der einem jeden klaren Gedanken raubt, der sich anfühlt, als ob er einen von innen heraus auffressen würde. Einen, dem man nichts entgegenzusetzen hat.

Christian Hemschemeier ist Paartherapeut in Hamburg und Experte in Sachen Dating, Partnerschaft und Liebe. © Quelle: Privat/Patan
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Das Besondere an Marens Liebeskummer ist jedoch, dass sie sich nicht von Steven getrennt hat und er sich auch nicht von ihr. Nein, sie führen noch immer eine Beziehung. Allerdings eine toxische.

Von außen ist eine solche sehr leicht zu erkennen. Doch leben wir in ihr, durchschauen wir meist erst sehr spät, was vor sich geht. Leid, Streit, Tränen, Ängste bestimmen unseren Alltag und wir ahnen, dass das nicht normal sein kann. Doch warum das so ist, wissen wir nicht. Es ist, als ob wir durch einen dicken Nebel laufen in der Hoffnung, dass sich dieser irgendwann auflöst. Wir hoffen, dass es sich doch eines Tages bessert, dass das nächste Gespräch Frieden stiftet, dass der andere doch noch erkennt, was er an uns hat, dass all das Leid und der Schmerz irgendwann Sinn ergeben. Einige glauben sogar daran, ihren Seelenverwandten getroffen zu haben, der ihnen beim persönlichen Wachstum hilft.

Toxische Beziehung erkennen

In 99,9 Prozent ist das jedoch eine Illusion, die uns noch länger in dieser zermürbenden Situation gefangen hält. Eine Hoffnung, die leer bleibt. Es wird nicht besser, nicht leichter, nicht angenehmer. Das Gegenteil ist der Fall. In einer klassischen toxischen Beziehung werden die Vorwürfe immer größer, der gegenseitige Respekt nimmt immer mehr ab, die Zuneigung zueinander verschwindet Schritt für Schritt. Nur eines bleibt: die Hoffnung. Denn jeder von uns wünscht sich, anzukommen. Den Partner fürs Leben zu finden, mit dem alles aufregend, spannend und liebevoll ist.

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Sex-Vlog mit Ann-Marlene Henning: Vorzeitiger Samenerguss - der Weg aus dem Teufelskreis
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Bei vorzeitigem Samenerguss leidet oft der Spaß am Sex. Die Lösung für zu frühes Kommen ist allerdings oft Kopfsache.  © Agnieszka Krus/Carolin Burchardt

Dieser Hoffnung ist sehr oft wenig entgegenzusetzen. Erst wenn der Leidensdruck zu groß wird, beginnt der Zweifel. Doch das kann manchmal zehn, 20, 40 Jahre oder sogar ein Leben lang gehen. Und dann ist von uns selbst nicht mehr viel übrig. Kein Selbstwert, kein Selbstvertrauen, keine Freunde, keine Hobbys, kein Ich. Damit es so weit nicht kommt, sollte man auf folgende Anzeichen achten: Neben dem Liebeskummer in der Beziehung sind unter anderem ständiges Kritisieren und Aggressionen, Future faking (Luftschlösser bauen), love bombing (mit „Liebe“ überschütten), obsessives Nachdenken, starke Bindungs- oder/und Verlustängste oder Warnungen von Freunden weitere Anzeichen.

Die Dynamiken und Mechanismen, die eine toxische Beziehung ausmachen, sind speziell und alles andere als leicht zu durchschauen. Mit meiner Arbeit unterstütze ich Menschen dabei, diese zu erkennen, sich daraus zu lösen und sich ein selbstbestimmtes, erfülltes Leben zu erschaffen. Es ist wichtig, zu erkennen, dass wir die wichtigste Person unseres Lebens sind und dass wir immer bei uns bleiben sollten, egal, wer uns verlässt.

Der Autor und seine Kurse sind zu erreichen über www.liebeschip.de. Sein Buch „Der Liebescode“ ist 2019 im Handel erschienen.

RND



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