Psychologin: “Ob eine Beziehung hält, hat ganz zentral etwas mit Selbstreife zu tun”

  • Warum funktionieren manche Beziehungen und andere scheitern?
  • Im RND-Interview erklärt die Tiefenpsychologin Katharina Ohana, warum wir im Alter immer beziehungsfähiger werden.
  • Laut Ohana zeichnen sich beziehungsfähige Menschen durch Selbstreife und realistische Erwartungen aus.
David Sander
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Frau Ohana, wenn wir über die Beziehungsfähigkeit von Menschen reden, können wir da überhaupt Schwarz-Weiß definieren, sprich in beziehungsfähig oder beziehungsunfähig unterteilen?

In schwarz-weiß können wir in der Psyche gar nichts aufteilen, das sind immer fließende Übergänge von unreifen zu reiferen Verhaltensweisen. Wir reden von einem Selbstreifeprozess – den durchlaufen alle Menschen im Leben. Liebe und Beziehung sind dabei Dinge, die wir lernen. Liebe ist nicht einfach angeboren, obwohl wir Beziehungswesen sind, die unbedingt Beziehungen als überlebenswichtiges Element brauchen. Wir sind lange abhängig von unseren Eltern, weil wir Lernwesen sind. Durch unsere Erfahrung mit ihnen, verknüpft sich erst unser Gehirn: Unser Gehirn entsteht zu 70 Prozent erst nach der Geburt. Der soziale Umgang, den wir von unseren Bezugspersonen lernen, wird letztlich zu unserer Beziehungsfähigkeit – neuronal und als Verhalten. Wenn es gut läuft, lernen wir andere wahrzunehmen, entwickeln Empathie und setzen nicht nur eigene Bedürfnisse durch. Doch es gibt auch Menschen, die müssen die reiferen Verhaltensweisen im Erwachsenenalter nachlernen, weil sie merken, dass sie an Beziehungen scheitern.

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Das heißt, Beziehungsfähigkeit hat erstmal gar keinen romantischen Hintergrund?

Genau. Es hängt von unserer Stammfamilie ab. Wenn wir dann in die Welt hinausziehen, müssen wir schauen, wie wir mit dem Erlernten zurechtkommen. Wir lieben auch anders, wenn wir älter werden: Teenager haben nun mal kurze Liebeleien, probieren sich aus und lernen verschiedene Menschen kennen. Wenn es dann Richtung Familiengründung geht, merken viele, dass entweder keiner gut genug ist oder sie werden ständig verlassen. Beide Male sind die Ansprüche zu hoch, das eigene Verhalten zu kindlich und unreif: Man will zu viel. Als Psychologin kann ich Leuten diese falschen Muster aufzeigen, an welcher Stelle sie bestimmt zu extreme Erwartungshaltungen und Sehnsüchte aus der Kindheit mitbringen, die nicht mit der erwachsenen Realität zusammenpassen. Da wird dann eine Erwachsenenbeziehung auf Augenhöhe schwierig.

Katharina Ohana ist Tiefenpsychologin und Beziehungsexpertin. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich viel mit der menschlichen Psyche im Zusammenhang mit Liebe, Gesellschaft und Weltgeschehen. © Quelle: Katharina Ohana
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Kommt die Einsicht von alleine, nachdem vielleicht mehrere Beziehungen gescheitert sind?

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Man kann das auch selber erkennen – gerade, wenn man immer wieder an denselben Stellen scheitert. Das ist der normale Reifeprozess: Wir erkennen uns allmählich selbst in unseren unreifen Vorstellungen und reifen nach. Die Grundproblematik in der Beziehungsunfähigkeit ist die Nähe-Distanz-Problematik. Der typische Konflikt; wenn ich ihn will, will er mich nicht und umgekehrt. Man hat dabei in seiner Kindheit Nähe und Liebe als etwas Gefährliches kennengelernt – etwa in Form von Eltern, die einen immer wieder lieblos zurückweisen oder zu sehr erdrücken und keine Selbständigkeit zulassen. Wenn Eltern nicht gut mit Kindern umgehen, dann scheuen diese die Nähe – nach der sie sich gleichzeitig sehnen. In dem Moment, wo sich dann einer entzieht oder zu eng sein will, springen diese alten Sehnsüchte und Ängste wieder an. Das können wir jedoch ändern, wenn wir uns klar machen, woher das kommt und dann erwachsene Grenzen ziehen. Ab 30 kann man gut einen Blick darauf wenden: Was hat sich in meinen bisherigen Beziehungen wiederholt? Hatte ich zu große Erwartungen? Bin ich jemand der sich entzieht, wenn es nah und ernst wird? Warum kann ich so schlecht sagen, was mich stört und dabei stabil und erwachsen offen für den anderen bleiben?

Je älter, desto mehr Eigenheiten

Funktionieren Beziehungen langfristig nur unter beziehungsfähigen Menschen?

Einfache Antwort: Ja. Wir können natürlich immer beziehungsfähiger werden, man ist ja nicht auf Schlag 12 mit 18 plötzlich beziehungsfähig. Es hängt, je älter wir werden, aber auch von den Charakterzügen des Partners ab. Je älter wir werden, desto mehr Eigenheiten entwickeln wir – da ist es schon ganz gut, wenn zwei Leute zusammenkommen, die auch zusammenpassen. Aber viel wichtiger ist die Selbstreife, um auch gut mit den Fehlern des anderen umzugehen, so dass wir keinen perfekten Menschen mehr erwarten, wie wir das als Teenager vielleicht taten. Ab 30 sollte man spätestens wissen, dass das nicht möglich ist. Man hat ja auch eigene Macken, die der andere wiederum akzeptieren muss.

Sie sagen ganz klar, dass Eigenverantwortung, Ehrlichkeit, Verbindlichkeit und Erfahrung vier Indizien für Beziehungsfähigkeit sind. Klingt nach einer machbaren Checkliste.

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Das Schwierige bei solchen Schlagworten ist, dass sich die Leute daran festhalten. Dass sie diese Punkte wirklich wie eine Liste abhaken: ‘Das kann ich, das kann ich, und das kann ich auch.’ Wenn man aber genau hinschaut und das besser einordnet, dann spreche ich lieber von den Selbstreifeprozessen, die die vier Faktoren zusammen reifen lassen. Ehrlichkeit und Vertrauen sind die Grundlagen jeder Beziehung, es nützt uns nichts zu lügen. Aber das meint keine totale Beichte, wo alle Teile meines Charakters offengelegt werden sollen – sondern einen ehrlichen und offenen Umgang miteinander. Weil wir Beziehungswesen sind, ist Verbindlichkeit und Vertrauen für uns enorm wichtig. Wir brauchen den anderen auch gerade für die schlechten Phasen im Leben. Die Evolution zeigt uns, dass das Prinzip Sozialität dazu dient zusammenzuhalten. Es geht darum, Leute in der Gemeinschaft zu schützen, wenn es ihnen nicht gut geht, wenn sie nicht stark sind. In unseren Genen steckt also das große Bedürfnis nach Vertrauen tief drin. Doch wir Menschen sind die einzigen Lebewesen, die auch lügen können und damit Vertrauen erschüttern. Ehrlichkeit erklärt sich, wenn man sie mit Vertrauen erklärt.

Das Glück einer stabilen Beziehung

Gerade beim Dating hört man oft den vermeintlichen Tipp: Willst du etwas gelten, mach dich selten. Inwiefern beeinträchtigt das die Beziehungsfähigkeit?

Das ist ein deutliches Zeichen von Schwäche und mangelnder Selbstreife. Grundsätzlich geht es beim Onlinedating nicht darum, die meisten Punkte, Nachrichten oder Anrufe zu sammeln – es geht darum, einen passenden Partner zu finden. Wenn ich mit solchen Tricks anfange, um mich interessant zu machen, ist das schlichtweg unreif. Das kann nicht gelingen. Ich verunsichere den anderen nur, wenn ich mich nicht mehr melde oder falsche Angaben gemacht habe. Eine glückliche Beziehung basiert auf Vertrauen. Mit solchen dummen Tricks ziehe ich nur Nähe-Distanz-Konflikt-Menschen an. Ich mache mich interessant, dann rennen mir die Menschen, die hier ein Defizit haben, hinterher und ich fühle mich dadurch bestätigt – aber was habe ich dann für ein unreifes Selbstwertgefühl?!

Zuletzt wurde immer wieder die Frage diskutiert, ob unsere Gesellschaft keine Singles akzeptiert? Ab 30 kommen ja oft Fragen wie: ‘Wann heiratest du denn endlich?’ Spielt dieser Gesellschaftsdruck auch eine Rolle in der Beziehungsfähigkeit?

Prinzipiell leben wir als Gruppenwesen in einer Werteordnung. Vor dem Hintergrund unserer Wertekultur ist die Frage immer: Wo hört der Gruppendruck auf und fängt die gesunde Selbstbestimmung an. Grundsätzlich sind wir glücklicher, wenn wir in einer stabilen Beziehung leben – mit und ohne Trauschein. Beziehungsfähigkeit ist – neben Konfliktfähigkeit und einem objektiven Selbstbild – eine der großen Säulen unserer Psyche, an der wir ein gelungenes Leben oder die Probleme und psychischen Krankheiten messen können. Wenn wir Psychologen diagnostizieren müssen, messen wir diese drei Säulen. Wie ist das alles ausgebildet, herangereift? Welche unreifen, kindlichen Vorstellungen und Verhaltensweisen sind noch vorhanden?

Wenn man mit 35 plötzlich seine biologische Uhr lauter ticken hört, vorher aber nie eine Beziehung hatte, die länger als ein Jahr hielt, dann muss man sich schon mal auf seine Beziehungsreife hinterfragen. Aber man sollte sich nie von seinen Eltern oder Freunden unter Druck setzen lassen. Ich rate außerdem vor allem davon ab, Artikel zu lesen, die lauten: ‘12 Punkte – so findest du den Richtigen.’ Das klingt alles toll, ist aber von vorne bis hinten Quatsch. Wir können den einzelnen Menschen und seine Beziehungsprobleme nur als gesamte Person verstehen. Jeder hat Beziehung auf eine Art und Weise gelernt und jeder kann das umlernen. Aber diese Tipps zum Abarbeiten können nur schiefgehen – das ist ein Plan zum Unglücklichwerden.

Was passiert, wenn wir die Muster durchschauen?

Für die Betroffenen ist das wie ein großer Knall, wenn sie die Muster selbst erkennen. Oft sind es nur kleine Entwicklungssprünge, die man machen muss. Vor allem werden uns ständig in der Öffentlichkeit überzogene Erwartungen verkauft – gerade in den sozialen Medien. Die ganzen perfekten Paare mit ihrem perfekten Aussehen. Übrigens: Hübsche Paare trennen sich nicht seltener als alle anderen. Es hat rein gar nichts mit dem Aussehen zu tun, ob eine Beziehung hält. Es hat zentral etwas mit Selbstreife zu tun, wie tief kann ich mich auf jemanden einlassen, wie realistisch sind meine Erwartungen, wie klar und deutlich kann ich Grenzen setzen und diese liebevoll vermitteln. Heutzutage versuchen viele Helikoptereltern ihre Kinder vor Konflikten und Herausforderungen, Kritik und Scheitern zu schützen – dabei müssen wir genau diese Konfliktfähigkeit lernen, um beziehungsfähig zu werden. Diese Kinder haben aber nur gelernt, auf ihre eigenen Bedürfnisse zu achten, ihnen fällt es schwer, andere wahrzunehmen – aber wir sind ja Lernwesen, das kann man also nachlernen.

Das Internet zapft Sehnsüchte an

Weil Sie gerade soziale Medien erwähnen: Leidet die Beziehungsfähigkeit stark unter ihnen?

Ich glaube, die Menschen, die ausgeprägt stark in sozialen Medien unterwegs sind, haben schon ein Defizit. Da wird die übertriebene eigene Sehnsucht und Erwartungshaltung in Bildern befriedigt. Jeder, der da keinen Hang zu hat, findet das eher albern, sich ständig Bilder vom vermeintlich perfekten Leben anderer anzugucken. Über das Internet werden Sehnsüchte von uns angezapft – gerade Kinder und Jugendliche werden hier wirklich in ihrer gesunden Entwicklung bedroht. Wenn Portale Sehnsüchte bedienen, werden junge Menschen schnell abhängig, weil sie ausgegrenzt werden, wenn sie nicht mitmachen. Prinzipiell ist die Realität härter als unsere Sehnsüchte und wir müssen lernen, reif mit ihr umzugehen.

Sie sind auch Beziehungsexpertin der Onlinedating-Plattform Zweisam.de – Dating für Menschen, die mindestens 50 Jahre alt sind. Eine aktuelle Studie der Plattform besagt, dass 81 Prozent der Ü50-Singles Onlinedatingdienste für die Partnersuche nutzen. Warum funktioniert Dating ab 50 so gut?

Die Beziehungsfähigkeit nimmt im Laufe unseres Lebens mit den Erfahrungen und der Selbstreife bei den meisten Menschen zu. Das Daten bekommt dadurch einen gesünderen Schwerpunkt, eine andere Ehrlichkeit. Wir sind viel mehr darauf angewiesen, jemanden zu finden, der sehr gut passt, weil wir uns selbst viel besser kennen und da reden wir nicht mehr um den heißen Brei. Ab 50 ist man per se schon mal offener und ehrlicher, selbstbewusster – das hören wir auch von Leuten, die sich auf Zweisam.de gefunden haben. Man merkt, dass man sich in vorherigen Beziehungen entwickelt hat, man weiß, was man will und nicht mehr will. Die Statistiken zeigen, dass zumindest in Großstädten jede zweite Erstehe kaputt geht (52 Prozent). Die Zweitehen hingegen halten zu 78 Prozent. Wir sehen, wie glücklich und zufrieden die Menschen werden – das hat eine ganz andere Dimension als bei jungen Leuten. Je älter wir werden, umso weniger haben wir unrealistische Erwartungen. Deshalb motiviere ich gerne Menschen, die aus Scheidungen kommen oder andere Schicksalsschläge hinter sich haben, sich auf dem Portal anzumelden.

Auf ihrer Homepage katharinaohana.de verfasst Katharina Ohana Psychociety-Texte zum psychologischen Weltgeschehen. Auch eine Kontaktaufnahme ist möglich.

“Staat, Sex, Amen”
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