Wenn innere Wunden schmerzen: Soll ich in der Beziehung bleiben oder lieber gehen?

  • Es gibt Beziehungen, in denen es gleich zu Beginn schon kräftig ruckelt. Doch ist das immer gleich ein Grund, um das Weite zu suchen?
  • Nicht unbedingt, sagt Paartherapeut Christian Hemschemeier.
  • In seiner Kolumne „Herzenssachen” zeigt er Chancen und Fallstricke einer nicht so rund laufenden Partnerschaft auf.
Christian Hemschemeier
|
Anzeige
Anzeige

Auch diesmal geht es wieder um übergeordnete Aspekte von Beziehungen. Romantische Beziehungen sollen ja in unserer Fantasie perfekt sein, irgendwie haben wir ein inneres Abbild davon, wie diese aussehen sollen. Man kann über die ganzen Liebesfilme lauthals lachen, aber es ist ein bitteres Lachen, denn eigentlich wünschen wir uns das genau so.

Ich bin mittlerweile der Ansicht, dass es völlig in Ordnung ist, dass wir diese Wünsche haben. Wir sind eigentlich schöpferische Wesen (auch wenn wir uns leider oft eher von destruktiven Gefühlen leiten lassen). Wenn wir bestimmte Visionen haben, und diese sich (erst mal) nicht umsetzen lassen, dann sind allerdings nicht die Visionen falsch. Die Umsetzung ist halt komplexer, als wir dachten.

Christian Hemschemeier ist Paartherapeut in Hamburg und Experte in Sachen Dating, Partnerschaft und Liebe. © Quelle: Privat/Patan
Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Weg mit den „So lala“-Beziehungen

Ich möchte an dieser Stelle mal Mut machen, diese hohen Ziele nicht aus den Augen zu verlieren. Denn ich bin in erster Linie nicht der Coach für „So lala“-Beziehungen. Ich möchte dabei helfen, wirklich hochqualitative Beziehungen zu führen – auch wenn man auf dem Weg dahin vielleicht viele Frösche küssen muss, oder auch selbst ab und zu mal der Frosch ist.

Wer meinen Blog schon länger verfolgt, weiß, dass es vor allem die Verletzungen aus der Kindheit sind, die unsere Beziehungen negativ prägen. Auch unser Ego, das eng mit Trauma und Schmerzkörper verbunden ist, steht uns viel im Weg (wenn es zu viel Raum einnimmt).

Anzeige

Wenn es immer wieder hakt

Besonders krass zeigt sich dies in toxischen Beziehungen. Heute allerdings wollen wir den Fokus mal auf die nicht ganz so toxischen Beziehungen lenken. Mich erreichen auch viele Fragen zu Datingsituationen oder mehr oder weniger beginnenden Beziehungen, in denen es nicht ganz so heftig wie in extrem toxischen Beziehungen zugeht, aber es eben auch zu vielen Irritationen kommt. Beide Partner bemühen sich vielleicht, aber es hakt immer wieder. Was ist nun davon zu halten?

Anzeige

Nun, davon ist zu halten, dass dieser Ablauf eben nicht unseren Visionen entspricht. Das heißt nicht, dass solche Beziehungen grundsätzlich falsch sind. Sie zeigen vielmehr auf, dass es eben noch innere Wunden gibt, die geheilt werden wollen. Und der Partner führt uns diese Wunden automatisch vor Augen. Man spricht dabei auch gerne von Wundenanziehung.

An Verstrickungen zu arbeiten lohnt sich

Und was bedeutet das nun? Etwa, dass man nicht an diesen sogenannten Verstrickungen arbeiten soll? Keinesfalls! Immerhin wäre, wenn wir jetzt einfach aus der Beziehung rausgehen, die Wunde nicht geheilt. Und wir würden wieder Verstrickungen anziehen, um eben weiter jene Wunden zu heilen.

Und trotz allem können wir, wenn wir an der Beziehung festhalten und uns unseren Wunden stellen, natürlich viele gute Tage haben. Mit einer Ausnahme: Wenn es sehr toxisch, grenzüberschreitend oder manipulativ ist, sollte man natürlich nicht an der Partnerschaft festhalten. Dann besteht die Heilung darin, einfach festzustellen, dass wir dieses Miteinander nicht mehr aushalten müssen.

Anzeige

Das Ziel nicht aus den Augen verlieren

Aber auch wenn wir uns an dieser verstrickten Liebe abarbeiten, sollten wir meiner Meinung nach nicht das Ziel aus den Augen verlieren, was wir vielleicht im Herzen tragen. Und eines darf ich hier vielleicht mal ganz klar sagen: Wir sind dann angekommen, wenn unsere Liebe, unsere Beziehung, größtenteils wie blindes Verstehen läuft. Es gibt nicht diese ewigen Missverständnisse. Es gibt nicht diese ganzen Themen wie fehlende Loyalität, chronisches Lügen, heftiges Misstrauen.

Das heißt, wenn wir etwas von diesen negativen Qualitäten wahrnehmen, wissen wir: Das ist es noch nicht. Egal, wer welchen Anteil daran hat, so soll es letztendlich nicht sein. Also, lasst euch nicht beirren von (hoffentlich) hohen Zielen in der Liebe!

Der Autor und seine Kurse sind zu erreichen über www.liebeschip.de. Sein Buch „Der Liebesode“ (Luther Verlag) ist 2019 im Handel erschienen.