Wenn beide die Opferrolle suchen: Unser Ego wirkt sich toxisch auf die Beziehung aus

  • In toxischen Beziehungen sehen sich beide häufig als das Opfer.
  • Das ist ein Reflex unseres Egos, sagt Paartherapeut Christian Hemschemeier in seiner RND-Kolumne.
  • Er empfiehlt: weniger egoistisch reagieren und mehr Herz zeigen.
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Hannover. Wer meint, in einer toxischen Beziehung zu sein, für den bedeutet das in der Regel, dass er sich als das Opfer dieser vielleicht turbulenten oder emotional schmerzhaften Beziehung sieht. Das scheint so eine Selbstverständlichkeit zu sein. Ich kenne aber viele Beziehungen, in denen beide meinen, jeweils das Opfer des anderen zu sein. So einfach ist das Ganze also nicht.

Wir mögen immer gern in Täter-Opfer-Begriffen denken, aber eigentlich sind es nicht die Menschen, die „toxisch“ sind, sondern deren Verhaltensweisen. Diese nennen wir dann richtigerweise gern egoistisch, aber was heißt das dann genau?

Toxisches Verhalten: Das Ego will das kleine Kind in uns schützen

Das Wort ist eigentlich perfekt, denn es geht dabei tatsächlich um das Ego. Das Ego ist ein hoch spannender Teil von uns, es möchte uns eigentlich schützen. Es möchte unser inneres Kind vor weiteren Verletzungen bewahren, und das quasi um jeden Preis. Es geht dabei sehr rabiat zur Sache, das Ego ist ein bisschen wie der Rowdy der lokalen Mofa-Gang, es denkt nur an sich und setzt auch gern Mittel ein wie Lügen, Drohen, Manipulieren.

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In diesen Momenten denkt unser Ego da auch nicht weiter drüber nach. Fast alles erscheint erst mal gerechtfertigt zu sein, weil man sich ja „nur schützt“. Das innere Kind ist einer unserer verwundbarsten Teile in uns, dam wo wir mal emotionale Dramen erlebt und überlebt haben, vor allem natürlich in der Kindheit.

Wer sich immer als Opfer sieht, zeigt damit auch sein Ego

Ein Ego hat übrigens jeder – und nicht nur der Prozentteil an Menschen, die wir als toxisch empfinden. Insofern hat jeder grundsätzlich das Potenzial, „toxisch“ zu agieren. Wie sehr wir das im Griff haben, hängt an jedem Einzelnen von uns. Das Problem ist halt nur, dass es so unglaublich viel leichter ist, im Partner oder in der Partnerin das Ego zu sehen als in einem selbst.

Wie kann denn nun das Ego wahrgenommen werden? Es ist nicht leicht, weil das Ego der unbewusste Punkt in uns ist. Aus dem Ego heraus handelt der, der dabei eine Art „gerechten Zorn“ spürt. Dabei kann er das Gegenüber pauschal verurteilen, sich selbst immer als Opfer sehen oder aus Wut der Partnerin oder dem Partner eins auswischen. Dann heißt es: Auge um Auge und Zahn um Zahn. All das ist das Ego.

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Herz statt Ego: Rücksicht und Verständnis helfen in Beziehungen

Machen Partnerinnen und Partner sich klar, dass jeder toxisch sein kann, erkennen sie womöglich auch, dass die Grenzen zwischen Täter und Opfer nicht immer eindeutig sind – und schnell auch mal die Seiten getauscht werden können.

Man kann aber nicht im Ego sein und gleichzeitig im Herz. Nur wenn wir aus dem Herzen handeln, können wir sehen, dass jeder auf seinem Weg ist und verdient hat, dass man mit etwas Nachsicht auf ihn schaut. Was natürlich nicht heißt, dass man gegebenenfalls glasklare Grenzen setzen muss. Also sollten wir versuchen, bewusster zu werden und die Möglichkeit im Auge zu behalten, dass vielleicht nicht nur die anderen manchmal nicht ganz im Herzen sind.

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In der Kolumne „Auf der Couch“ schreiben wechselnde Experten zu den Themen Partnerschaft, Achtsamkeit, Karriere und Gesundheit. Der Autor und seine Kurse sind zu erreichen über www.liebeschip.de. Sein neues Buch „Vom Opfer zum Gestalter – Raus aus toxischen Beziehungen, rein ins Leben“ ist in allen Buchhandlungen erhältlich.

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