Warum Selbstbefriedigung unser Leben positiv beeinflusst

  • Um Selbstbefriedigung ranken sich viele Mythen – und einige Horrorgeschichten.
  • Führt Masturbation zu Erektionsstörungen? Oder hilft es eher dem gemeinschaftlichen Sex?
  • Experten meinen: Selbstbefriedigung ist gut – es kommt nur auf das “Wie” an.
David Sander
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Hannover. “Die Selbstbefriedigung ist Sex mit einem Menschen, den man wirklich liebt”, soll Woody Allen einmal gesagt haben. Doch was ist, wenn die Selbstliebe zu weit geht? Wie viel ist überhaupt “zu weit”? Bewegungen wie der No Nut November (ein ganzer Monat ohne Onanie) oder Internetplattformen wie NoFap (keine Masturbation) setzen bewusst auf Enthaltsamkeit – meist sind es junge Männer, die dem Trend folgen. Die Nutzer motivieren sich gegenseitig, das Onanieren sein zu lassen. Es soll eine “gesunde Sexualität” fördern.

Warum verzichten Menschen auf Onanie?

“Gesunde Sexualität gibt es in dem Sinne gar nicht. Sexualität ist höchstpersönlich und individuell. ‘Gesund’ bedeutet eher: ‘Wo und wie fühle ich mich gut?’”, sagt Sexualtherapeutin Carlotta Baehr im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Sie betreibt eine Praxis in Hannover. Aus ihrer Erfahrung heraus kann die Expertin sich vorstellen, warum gerade junge Männer bei einer Challenge wie dem No Nut November mitmachen.

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Viel Selbstbefriedigung könne Spaß machen – doch wann wird es negativ? “Wenn es anfängt, das Leben zu beeinträchtigen. Wenn es den Alltag bestimmt, wenn es leidvoll wird. Es geht nicht um die Selbstbefriedigung an sich, es geht um die Kontrolle darüber”, so Baehr. Niemand würde darauf verzichten, wenn es kein Leiden gäbe. “Die Männer erhoffen sich von der Abstinenz eine Art Erlösung.”

Warum ist Selbstbefriedigung so ein maskulines Thema?

Erlösung von einer Sache, die doch eigentlich schön sein sollte? Die Lust machen sollte? Warum masturbieren Menschen dann überhaupt? “Häufige Gründe sind Spannungsabbau, Langeweile, Lust und zur Übung”, sagt die Hamburger Sexualwissenschaftlerin und -therapeutin Anja Drews gegenüber dem RND. “Zu mir kommen Männer, die sich täglich befriedigen – häufig in Verbindung mit Pornos.” Und Frauen? Wenn es um das Thema Selbstbefriedigung geht, fällt auf, dass vor allem über Männer und Pornos berichtet wird.

Das stützt auch eine Umfrage der Onlinemarktforschung YouGov.de. 2016 wurden über 1300 Deutsche zu ihrer Sexualität befragt. Knapp ein Drittel der befragten Männer haben angegeben, dass sie mindestens mehrmals in der Woche masturbierten. Lediglich 9 Prozent der Frauen masturbierten demnach mehrmals wöchentlich. Sind Männer einfach ehrlicher? Oder masturbieren Frauen wirklich weniger?

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“Viele Frauen kommen tatsächlich zu mir, weil sie sich nicht berühren mögen. Die müssen erst mal ermuntert werden, dass sie herausfinden, was ihnen gefällt, Fantasien müssen angeregt werden”, sagt Drews. Denn Selbstbefriedigung sei “eine Errungenschaft, die man sich nicht kaputt machen sollte” – viel zu lange sei Onanie verpönt oder gar verboten worden, meint die Sexologin.

Können Masturbation und Pornos getrennt werden?

Auch Sexualtherapeutin Baehr aus Hannover glaubt, dass Jungen bereits früh einen ganz anderen Zugang zum Thema Masturbation bekommen als Mädchen. “Jungs stehen schon mit 13 Jahren auf dem Schulhof zusammen und reden über Onanie, Pornos, Sex – ganz offen; sie sind da gemeinschaftlich unterwegs. Mädchen reden nicht über das Masturbieren, sie sind da weniger offen.” Pornos – es scheint, als könnte das Thema Selbstbefriedigung ohne Pornos nicht behandelt werden.

Erotikfilme sind frei verfügbar und nahezu für jeden einfach zugänglich. Vor allem sind es männliche Jugendliche, die früh anfangen, Pornos zu schauen. Und mit dem Schauen kommt auch die Lust auf Masturbation. “Die Jungen gewöhnen sich eine Stimulationstechnik an, die über einen hohen visuellen Reiz zur Erregung führt – bis hin zum Orgasmus”, sagt Baehr. “Die kräftige Stimulation mit der Hand hat irgendwann nichts mehr mit Lust zu tun, es wird zu einer Art Gewöhnung.”

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Das Belohnungszentrum im Gehirn würde ständig aktiv sein, das Gefühl der Erregung soll immer und immer wieder kommen. “Das kann zu einer Hyperaktivität führen. Man hat nur noch Sex im Kopf”, so die Sexualtherapeutin. Treffen die jungen Männer dann auf Frauen und werden intim, kann es zu Problemen kommen. “Eine Vagina stimuliert ganz anders als die kräftige Hand. So kann es dazu kommen, dass die Erregung oder der Orgasmus wegbleibt.”

Kann Selbstbefriedigung zu Erektionsstörungen führen?

“Nein, Masturbation führt nicht zu Erektionsstörungen – vielmehr ist es der Pornokonsum”, meint Sexualwissenschaftlerin Drews. “Durch Pornos entsteht bei den jungen Männern ein Leistungsdruck. Kognitiv wissen sie zwar, das ist nicht wahr. Trotzdem denkt ein Teil des Gehirns, dass es wahr ist." Der Penis würde dann einfach gar nicht mehr reagieren, obwohl die jungen Männer sich eigentlich sicher fühlen. “Einige meiner Klienten bekamen dann PDE-5-Hemmer (Potenzmittel) vom Urologen verschrieben. Das erweitert zwar die Blutgefäße da unten, hilft dem Kopf aber nicht”, so Drews.

Kann eine Onanieabstinenz helfen?

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Für Sexualtherapeutin Carlotta Baehr kann eine Abstinenz in so einem Fall sinnvoll sein. “Es kann gut sein, das Gehirn herunterzufahren und Reize wie Pornos und Onanie wegzunehmen.” Das Gehirn würde 90 Tage brauchen zum Herunterfahren. “Doch das ist nur der Anfang. Dann muss man gezielt schauen, wie man die Stimulation neu erlernen kann – das erfordert Geduld”, sagt Baehr.

Auch für Sexologin Anja Drews ist das Ganze ein Lernprozess. “Wir haben verlernt, uns selbst wahrzunehmen. Selbstbefriedigung auf die schnelle Art und Weise ist nicht gut, es sollte um Selbstliebe gehen”, so Drews. Dabei ginge es darum, sich selbst zu berühren, auf Gefühle zu reagieren, auf Bilder und Fantasien zu achten. “Der ganze Erregungsmodus sollte überdacht werden – nicht nur die Hand, auch das Becken einzusetzen, wie es beim gemeinschaftlichen Sex auch der Fall wäre.”

Selbstbefriedigung per se ist also nicht schlecht. Im Gegenteil – wer sich bewusst und sinnlich selbst befriedigt, lernt sich besser kennen und kann sogar die Qualität der gemeinschaftlichen Sexualität steigern. Laut Drews gilt: “Tue, was dir guttut. Mache es dir selbst. Achte auf deine Grenzen.”

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