Warum Freundschaften wichtiger sind als Liebe und Familie

  • Freunde begleiten uns in unserem Leben, sie helfen, hören uns zu, stehen uns bei.
  • Der ZDF-Moderator und Kulturjournalist Jo Schück geht sogar so weit zu sagen, die Freundschaft kann in unseren turbulenten Zeiten wichtiger werden als Liebesbeziehungen und die Familie.
  • Im Interview erzählt er, warum.
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Herr Schück, wollen wir Freunde werden?

(lacht). Ja, ich finde, alle Menschen sollten Freunde werden oder Brüder oder Schwestern.

Mal im Ernst: Was finden Sie denn wichtig, wenn man Ihr Freund werden möchte?

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Sie müssten ein hohes Maß an Freiheitsgedanken und gleichzeitig – und das ist eigentlich ein Widerspruch – ein hohes Maß an Stabilität mitbringen. Ich will mich in einer Freundschaft bedingungslos fallen lassen können und zumindest das Gefühl haben, dass ich meinen besten Freund oder meine beste Freundin nachts um drei Uhr von einer Autobahnraststätte in Südfrankreich aus anrufen kann, um zu sagen: Ich wurde verlassen, hol mich hier ab.

Und Sie würden umgekehrt auch losfahren?

Absolut. Und ich finde, an dem Punkt wird es deutlich, was eine Freundschaft ausmacht.

Es gibt keine geschrieben Regeln für Freundschaften

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Was ist überhaupt Freundschaft?

Das ist ja das Interessante und gleichzeitig Paradoxe an dieser Beziehungsform gegenüber allen anderen, dass es keine geschriebenen Gesetze gibt. Es existieren zwar kulturelle, ungeschriebene Regeln, aber jede Freundschaft muss mehr oder weniger neu ausgehandelt werden.

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Moderatoren-Duo: Gemeinsam mit Katty Salié moderiert Jo Schück die ZDF-Sendung "Aspekte". © Quelle: ZDF und Svea Pietschmann

Gehen wir mal an den Anfang: Wie kommen Freunde zueinander?

Am Anfang einer Freundschaft steht der Zufall, dann kommt eine gewisse Ähnlichkeit dazu, etwa im sozialen Status und in der politischen Einstellung. Gemeinsame Erlebnisse schärfen das Ganze, und irgendwann kommt man zu einem Punkt, an dem man überhaupt nicht mehr darüber nachdenken muss, ob derjenige ein Freund ist. Er ist es dann einfach.

Ihr Buch heißt “Nackt im Hotel”. Woher kommt dieser ungewöhnliche Name?

Ich habe beim Schreiben gemerkt, dass viele Geschichten, die ich mit Freunden und Freundinnen erlebt habe, in Hotels spielen. Und Nacktheit verbinde ich sowieso sehr stark mit Freundschaft, auf allen Sinnebenen. Man macht sich vor Freundinnen und Freunden nackig, sowohl im wörtlichen wie auch im übertragenen Sinne. Und es gab eine Situation, in der ich mit meinem besten Freund in einem Hotelzimmer stand, wo wir uns nackt in einen Hotelvorhang eingehüllt wiederfanden. Wir spielten, dass wir Togen anhaben und Römer sind. Was man halt so macht. Diese Anekdote war jedenfalls titelgebend.

Ein wichtiges Merkmal von Freundschaften ist in meinen Augen, dass man, auch wenn man sich lange Zeit nicht gesehen hat, sofort wieder so miteinander sprechen kann, als hätte es diese Pause nicht gegeben.

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Das geht mir auch so. Es ist ein Merkmal einer guten Freundschaft, dass sie theoretisch ewig hält, ohne dass man unendlich viel dafür investieren muss. Wobei man Freundschaften natürlich auch pflegen muss. Ich vergleiche Freundschaften gern mit einem Bücherregal.

Die Harry-und-Sally-Frage: Können Männer und Frauen Freunde sein?

Was findet man denn in diesem Regal?

Es gibt Bücher, die stehen schon ewig darin. Man kann immer wieder in ihnen schmökern, und es ist immer wieder schön. Man kann sie aber auch zwei Jahre lang im Regal stehen lassen, das macht auch nichts. Dann gibt es aber auch alte Schinken, mit denen man sich immer mal wieder emotional beschäftigt. Man muss sie ab und zu abstauben, aber eigentlich liest man sie nicht mehr. Ich plädiere dafür, dass man dieses Bücherregal zu pflegen beginnt, also dass man das eigene Freundschaftsnetzwerk überprüft, wer da noch so alles hineingehört und von wem man sich auch mal trennen kann.

Man soll Bücher aus diesem Regel schlimmstenfalls also auch aussortieren?

Das Buch ist ein ganz klares Plädoyer: Bitte überdenkt, mit wem ihr befreundet seid! Warum ist die Freundschaft mit manchen Menschen vielleicht beendet? Welche Freundschaften müsstet ihr besser pflegen? Ich rege an, lieber mal eine Folge Netflix sein zu lassen und dafür einen guten Freund, eine gute Freundin anzurufen. Es führt zu persönlichen Glücksmomenten und sogar zu einer besseren Gesundheit: “Freundschaft pflegen, länger leben!” Das ist ein Satz, den ich aus dem Buch gepresst habe, und er stimmt nachweislich.

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Bei jeder intensiven Beschäftigung mit Freundschaft muss irgendwann auch die Harry-und-Sally-Frage kommen. Also: Können Männer und Frauen Freunde sein?

Ja, können sie. Es wird in Teilen kompliziert, aber wir leben in einer Welt, in der sich Beziehungsformen glücklicherweise ändern. Sie sind nicht mehr so starr. Wir diskutieren ja auch schon seit Jahren über Sinn und Unsinn von monogamen Liebesbeziehungen und über die Ehe. Das traditionelle Bild ist ins Wackeln geraten, und das finde ich gut. Also: Ja, Mann und Frau können miteinander befreundet sein. Aber es gibt auch Zwischenformen, die berühmten Friends with Benefits, Freunde und Freundinnen, die Sex miteinander haben, ohne ein Liebespaar sein zu müssen.

Im Deutschen gibt es anders als in anderen Sprachen keinen Unterschied zwischen „mein Freund/meine Freundin“ als mein Liebespartner und „mein Freund/meine Freundin“ als vertrauter Gefährte. Es kann beides sein ...

Die Sprache gibt viele Hinweise darauf, wie die Historie der Freundschaft zu verstehen ist. Der Begriff Freund stammt ab von dem Wort “vriunt” und das hieß “Freund”, aber auch “Verwandter”. Es gab Zeiten, in denen zwischen Freunden und Verwandten gar nicht unterschieden wurde. Wir haben dann durch die Erfindung der Kernfamilie und der monogamen Ehe, befeuert durch die katholische Kirche, eine klare Trennung eingebaut, die es früher so gar nicht gab.

Junge Menschen setzen Freundinnen und Freunde gern mit Brüdern und Schwestern gleich. “Hey, Bruder” ist eine beliebte Anrede unter Teenagern. Sehen Sie das als Bestätigung Ihrer These?

Der Begriff der Chosen Family, der selbst gewählten Familie, geistert ja schon länger durch die Soziologie und die Gesellschaft. Wer einen richtig guten Freund hat, sagt auch: Er ist wie ein Bruder für mich. Das gilt als höchste Form der Freundschaft.

Wirklich? Ist nicht eher die Liebe die höchste Form der Freundschaft?

Wenn ich mit meiner besten Freundin zusammen oder verheiratet bin, ist das ein Idealzustand. Nach meiner Auffassung ist Freundschaft das große Gefäß, in dem Liebe und auch Familie einen eigenständigen Platz finden. Liebe und Familie sind nach meiner Auffassung also Spezialformen der Freundschaft.

Der Untertitel Ihres Buchs heißt “Wie Freundschaft der Liebe den Rang abläuft”. Sind Sie sicher, dass die Freundschaft das kann?

Ich bin nicht angetreten, die verschiedenen Beziehungsformen gegeneinander auszuspielen. Und ich will nicht sagen, dass jemand, wenn er eine glückliche Liebesbeziehung führt, diese schnell beenden und sich schleunigst einen Freund suchen soll. Auf gar keinen Fall. Im Gegenteil. Ich bin selbst glücklich verheiratet, und ich liebe meine Frau. Aber das ist nicht der Punkt.

Was dann?

Wenn wir in unserer Zeit, in der sich die Welt immer schneller zu drehen scheint, über Stabilität und Halt nachdenken, werden uns einzelne Zweisamkeitsbeziehungen mutmaßlich nicht so sehr weiterhelfen können wie solidarische Netzwerke. Wenn wir eine Liebesbeziehung, die zu Ende geht, nehmen: Da reißt ein Faden und einer der beiden Partner fällt tief, vielleicht sogar ins Bodenlose. Wenn sich in einem freundschaftlichen Netzwerk, quasi in einem Spinnennetz, mal ein Knoten löst, dann fällt noch lange nicht das gesamte Netz auseinander. Will sagen: Wenn wir über Halt und Stabilität in unserer sich schnell drehenden Welt reden, dann läuft Freundschaft der Liebe tatsächlich den Rang ab.

Jetzt erscheint Ihr Buch ja in einer Zeit, in der wir vieles neu denken und überdenken müssen. Hat Corona Einfluss auf das Konzept Freundschaft?

Ja, ich finde, es wird jetzt schon offensichtlich, dass manches, was ich im Buch geschrieben habe, nicht so falsch sein kann. Erstens sind diejenigen, die jetzt in der Krise psychologisch am meisten zu kämpfen haben, Singles. Wir dürfen nicht vergessen: 50 Prozent der Haushalte in Großstädten sind jetzt schon Singlehaushalte – Tendenz steigend.

Und zweitens?

Zweitens sehen wir, dass Menschen, die eine Familie haben, besser durch die Krise kommen, weil sie menschlichen Kontakt haben. Aber drittens glaube ich, dass diejenigen, die es jetzt am leichtesten haben, diejenigen sind, die schon in einer Art Horde organisiert sind – die also sowieso schon gemeinschaftliches Leben, gemeinschaftliches Bauen und Wohnen kennen. Menschen, die vielleicht einen gemeinsamen Innenhof haben oder mit den Nachbarn von Anfang an eine Art Corona-Gemeinschaft gegründet haben.

Irgendwann werden Staat und Familie allein die wachsende Zahl der Singles nicht mehr auffangen können

Aber ein Problem von Corona ist doch, dass wir lange Zeit unsere Probleme eben nicht gemeinsam mit vielen Menschen lösen konnten – sondern Abstand halten mussten und noch müssen. Oder aber wir mussten uns in den virtuellen Raum verlagern.

Digitale Netzwerke können dabei helfen, soziale Kontakte zu knüpfen, auch wenn ich niemals Facebook-Friends mit wahren Freundinnen und Freunden gleichsetzen würde. Es ist eher so wie bei Menschenaffen, die sich das Ungeziefer aus dem Fell ziehen, es dient dem Netzwerk. Liken ist das neue Lausen. Aber eines ist auffällig: Durch die ganzen Videokonferenzen über Skype oder Zoom sehe ich momentan meine engeren Freunde regelmäßiger und häufiger – nämlich einmal pro Woche – als in Vor-Corona-Zeiten. Ich denke, es geht vielen so, dass sie jetzt endlich Zeit hatten, sich abends mal auf ihre Freunde und Freundinnen zu konzentrieren. Es ist ein schönes Beispiel dafür, dass wir in Krisenzeiten sehr von unseren Freunden und Freundinnen profitieren.

Egal, ob da ein Bildschirm zwischengeschaltet ist oder nicht?

Na ja, solange keiner die digitale Berührung erfunden hat, müssen wir uns irgendwann auch mal wieder Face-to-Face sehen, uns mal wieder berühren. Denn auch da spricht die Psychologie ganz klar: Der Mensch lebt auch von Berührungen, von Geruch, von einem Lächeln. Auf Dauer schaffen wir das nicht ohne. Aber das Digitale ist gerade eine gute Überbrückung.

Sie schreiben, Freundschaften bereichern nicht nur unseren persönlichen Alltag, sondern sie halten auch unseren Staat und unsere Demokratie zusammen. Das ist eine sehr gewagte These. Warum ist Freundschaft Ihrer Meinung nach ein Kitt unseres Staates, unserer Gesellschaft?

Soziologen wie Heinz Bude gehen heute schon davon aus, dass die Freundschaft neben der staatlichen und der familiären Säule die dritte Säule in Sachen Fürsorge werden wird. Die Fragen, wie wir uns im Alter miteinander beschäftigen, auch wie wir uns gegenseitig pflegen, müssen geklärt werden. Denn wir steuern auf eine Gesellschaft zu, die immer mehr ältere Singles produziert. Und irgendwann werden das staatliche und familiäre Systeme nicht mehr auffangen können.

Jo Schück fragt: Warum gibt es kein Freundschaftsministerium?

Und dann?

Das heißt, wir müssen uns kümmern, wenn wir diese Gesellschaft nicht auseinanderfallen lassen wollen. Freundschaftliche Netzwerke müssen in Zukunft noch viel mehr Beachtung finden, wenn es darum geht, was der Kitt unserer Gesellschaft ist. Und in diesem Sinne müssen wir uns politisch Gedanken machen, wer eine Bedarfsgemeinschaft ist, wer gefördert werden kann und wo vielleicht der Staat Hilfe in Sachen gemeinschaftliches Bauen, Wohnen, Nahrungsversorgung anbieten kann. All diese Themen diskutieren wir ja schon seit Jahren, aber der Fokus muss noch stärker darauf gerichtet werden.

Und da kommt dann auch das von Ihnen angesprochene Freundschaftsministerium ins Spiel?

Ich glaube nicht, dass wir in den kommenden drei Jahren einen Freundschaftsminister Kevin Kühnert in unseren Reihen begrüßen dürfen. Aber wenn man der These wirklich folgt und ich Recht habe, dass Familie und Liebe Spezialformen von Freundschaft sind, dann muss man sich schon fragen, warum Ehe und Familie ein Ministerium bekommen, die Freundschaften aber nicht.

Das Buch „Nackt im Hotel“ ist Jo Schücks erstes Buch. Es ist bei dtv (256 Seiten, 14,90 Euro) erschienen. Zudem ist Jo Schück aktuell mit einer Erzählung an der Corona-Benefiz-Anthologie „Tage wie diese“ (fineBooks), 204 Seiten, 14,90 Euro) beteiligt.

“Staat, Sex, Amen”
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