Von wegen Zweisamkeit: „Ich fühlte mich nie einsamer als in dieser Beziehung“

  • Gemeinsam und trotzdem einsam. Eine Partnerschaft schützt nicht vor dem Gefühl, alleine zu sein.
  • Eine Paartherapie kann dann eine Lösung, aber nur wenn beide sich aktiv einbringen.
  • Sonst kann eine Trennung der bessere Weg sein. Eine Betroffene erinnert sich.
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Mein zweiter Mann starb mit nur 55 Jahren an Leukämie. Ich war unglaublich traurig, weil wir so gut zusammengepasst hatten. Nach meiner ersten gescheiterten Ehe habe ich das als großes Glück empfunden. Familie und Freunde fingen mich auf, so gut sie konnten, und unternahmen viel mit mir. Doch was mir mit den Jahren niemand nehmen konnte, war das Gefühl, allein zu sein. Mit der Zeit kam ich mir überall wie das fünfte Rad am Wagen vor, besonders wenn ich mit Paaren unterwegs war.

Irgendwann las ich eine Kontaktanzeige und lernte so Claus kennen. Er war gerade von zu Hause ausgezogen und beschrieb die Trennung als seine größte Niederlage. Rückblickend hätte ich da schon hellhörig werden müssen. Aber mir gefielen seine Reiselust und sein Interesse an mir, alles andere blendete ich aus. Da er beruflich sehr eingespannt war und im Nachbarort lebte, sahen wir uns zwischendurch abends und immer an den Wochenenden. Zusammenziehen? Ja, das hätte ich mir über kurz oder lang vorstellen können. Für mich war klar, dass Claus zu meinem Leben gehörte, und natürlich kam er mit zu Geburtstagen und Feiern meiner Kinder und Enkelkinder.

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Immer auf Distanz

Mich dagegen nahm er nie mit zu seinen Verwandten. Das verletzte mich, schließlich war ich nicht seine heimliche Geliebte, sondern wollte eine ehrliche und ernsthafte Partnerschaft. Claus blieb jedoch immer etwas auf Distanz und mir deswegen bis zum Ende ein Stück weit fremd. Es war so auch schwer möglich, echtes Vertrauen aufzubauen oder Gemeinsamkeiten zu finden. Er redete nie darüber, was ihn bewegt, und er konnte meinen Wunsch nach Nähe und Verbindlichkeit nicht nachvollziehen.

Für mich war das so, als ließe er mich am ausgestreckten Arm emotional verhungern. Klar war er eher der sachliche Typ, doch es fehlte mit dem heutigen Abstand auch schlicht die Bereitschaft von ihm, sich auf uns einzulassen. Mehrmals machte ich Schluss und Claus bat mich um eine weitere Chance. Und jedes Mal ließ ich mich überreden, weil ich plötzlich Angst vor dem endgültigen Ende, der Einsamkeit und einem Neuanfang bekam.

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Alles nur ein Kompromiss

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So blieb ich, obwohl mich diese Beziehung nie richtig und von Jahr zu Jahr weniger erfüllte. Aber auch ich zog mich zurück und wir drifteten immer mehr auseinander. Auch weil uns die gemeinsamen Interessen fehlten. Er bummelte gerne durch Shopping-Center, ich ging lieber zum Sport. Wenn wir mal gemeinsam etwas unternahmen, spürte ich: Es ist nur ein Kompromiss, keiner war aus eigenem Antrieb dabei.

Als Claus von sich aus eine Paartherapie vorschlug, sah ich das als gutes Zeichen und schöpfte tatsächlich noch einmal Hoffnung. Ich erklärte mich sofort bereit dazu und die Therapie war für mich sehr hilfreich. Nicht nur, weil ich mich aussprechen konnte, sondern weil die Psychologin uns auch Tipps gab, wie wir ohne Vorwürfe und Groll unsere Bedürfnisse mitteilen konnten. Das Problem war: Ich tat es, Claus nicht. Stattdessen mauerte er. Der Ratschlag der Therapeutin nach einigen Sitzungen war niederschmetternd: Sie sagte, dass wir uns überlegen sollten, ob eine Trennung nicht die bessere Entscheidung wäre.

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Wenn die Erleichterung überwiegt

Als wir uns kurze Zeit später wieder einmal stritten, zog Claus den Schlussstrich. Und ich merkte in diesem Augenblick, dass mir eine Last von den Schultern genommen wurde. Ich war an einem Punkt, an dem ich lieber die Einsamkeit in Kauf nahm, als weiterhin diese anstrengende und kräftezehrende Beziehung zu ertragen. Ich war richtig erleichtert.

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Als er mich wenig später um Verzeihung bat, blieb ich hart. Die folgenden Monate waren längst nicht so schlimm, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Heute habe ich einen neuen Partner und bin sehr glücklich. Wir wünschen uns beide, dass wir füreinander die letzte Liebe sind und zusammenbleiben. Mit ihm schaue und gehe ich in die gleiche Richtung.

RND/aufgezeichnet von Stephanie Arndt