Von Gebern und Nehmern: Wer übernimmt bei toxischen Beziehungen die Verantwortung?

  • In Beziehungen gibt es den Geber und den Nehmer, dabei funktionieren manche Kombinationen gut und manche weniger.
  • Doch gerade der Geber gibt teilweise viel mehr als er hat und kann somit an Energie verlieren.
  • Übernimmt dieser jedoch Eigenverantwortung und trifft eigene Entscheidungen, kann er sogar aus einem Beziehungsende lernen, sagt Paartherapeut Christian Hemschemeier.
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Beziehungen sind nicht leicht und waren es nie. Heute haben wir zwar viele (scheinbar) neue Probleme in Beziehungen, aber ganz ehrlich: Früher war es bestimmt nicht besser. Es gab so viel mehr gesellschaftliche Zwänge und wirtschaftliche Verpflichtungen. Heute ist man in aller Regel doch recht frei und kann sich – theoretisch – durchaus lösen. Klar, manche Trennungen können viele unangenehme Dinge und Verschlechterungen nach sich ziehen. Und natürlich auch viele Tränen logischerweise. Aber man ist in einigermaßen gängigen Beziehungen (von wenigen Ausnahmen, die es immer gibt, mal abgesehen) weder gesellschaftlich noch wirtschaftlich völlig ohne Chancen.

Aber wer hat die Verantwortung in Beziehungen? So viele Beziehungen haben ja dieses Pluspol/Minuspol-Muster, wie ich es nenne. Das heißt, es gibt tendenziell einen Nehmer und einen Geber. Beide Rollen bedingen sich auch etwas und sorgen sogar auf eine schräge Art für Stabilität. Zwei Nehmer funktionieren logischerweise nicht gut, zwei Geber könnten funktionieren, aber eben nicht in sehr problematischen, toxischen Beziehungen (sonst wären sie ja nicht toxisch). Tatsächlich gibt es in diesen Beziehungen von einer oder von beiden Seiten oft Lügen, Unwahrheiten oder dieses Verdrehen von Dingen (Gaslighting). Es gibt Absprachen, die immer wieder gebrochen werden. Es gibt Versprechen, die nie eingelöst werden. Es gibt eine unbewusste Agenda, die von den eigenen biografischen Wunden mit Energie versorgt wird.

Christian Hemschemeier ist Paartherapeut in Hamburg und Experte in Sachen Dating, Partnerschaft und Liebe. © Quelle: Privat/Patan
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Geber sollten auch Eigenverantwortung für das Beziehungs-Aus übernehmen

Viele gutgläubige Menschen kommen „unter die Räder“ und verlieren nicht nur Emotionen und Nerven, sondern auch häufig viel Geld oder Güter: Da Geld ja auch eine Energie ist, kann man sagen, der Geber gibt zu viel und „verliert“ Energie die ganze Zeit. Ein Problem ist, dass der Geber quasi ständig auf Kredit gibt. Er gibt und gibt und gibt, aber eigentlich viel mehr als er hat. Und er erwartet irgendwann die Rückzahlung des Kredites, weil eigentlich beide Partner im Mangel sind. Die Beziehungen dauern aus Sicht des Pluspols häufig auch so lange, weil man ja schon so viel investiert hat. Im Aktienhandel nennt man das „sunk cost fallacy“, wenn man fallende Aktien nicht verkauft, weil man ja schon so viele Verluste hat.

Wenn dann der Geber/Pluspol aus solchen Beziehungen herauspurzelt, ist er häufig unendlich enttäuscht, weil er ja „so viel gegeben hat“, alle Träume geplatzt sind, man „sich völlig verloren hat“. Nach einer ersten Schockphase und wenn der erste Liebeskummer überstanden ist, gerät man leicht in Wut über diese „ungerechte“ Behandlung. Das ist auch im Prinzip völlig okay, verständlich und menschlich. Gerade wenn man mit viel Vertrauen in Beziehungen geht und schönen Worten glaubt, ist das ja eigentlich etwas sehr Schönes. Aber es ist unglaublich wichtig, in der Verarbeitung von vergangenen schwierigen Beziehungen (und noch mehr in der Prävention von weiteren Horrorbeziehungen) einen Teil eigene Verantwortung zu übernehmen. Wenn man dabei bleibt, dass man überhaupt keine Chance hatte, bleibt man komplett in der Ohnmacht. Das ist nicht nur ein sehr negatives Mindset, sondern fühlt sich auch unglaublich schlecht an.

Entscheidungen treffen und aus Erfahrungen lernen

Tatsächlich ist es bei genauerer Betrachtung in den meisten Beziehungen aber doch so, dass man viele sogenannte „rote Flaggen“ nicht sehen wollte. Eine „rote Flagge“ ist eine haarsträubende Situation: Zum Beispiel eine krasse Lüge, Illoyalität oder frühes Kritisiert-Werden für Nichtigkeiten. Man möchte an seiner privaten „Rosamunde-Pilcher-Fantasie“ unbedingt festhalten, und geht aber drüber hinweg. Wieder und wieder und wieder. Ja, es gibt viele psychologische Begründungen, warum das passiert. Diese haben wir in dieser Artikelreihe auch oft angeschaut. Aber letzten Endes sind wir unserer Psyche nicht völlig ausgeliefert, wir können durchaus Entscheidungen treffen, auch wenn sie einem scheinbar gefühlt das Herz erst mal herausreißen.

Das hat übrigens nichts mit Schuld zu tun. In der Regel meinen beide Partner, das ihnen Bestmögliche getan zu haben, so unverständlich das einem auch vorkommt (das Bestmögliche tun kann natürlich auch eine gegebenenfalls sehr egozentrische Perspektive sein). Verantwortung übernehmen für unseren eigenen Teil des Beziehungsspielfeldes ist unsere beste Wahl, es ist im allerbesten Sinne eine Ermächtigung, wieder in seine volle Kraft zu kommen. Um an diesen Punkt zu kommen, braucht man einfach bestimmte Erfahrungen, und was man vorher nicht wusste, wusste man halt nicht. Aber jetzt darf man lernen und es besser machen in der Zukunft.

Der Autor und seine Kurse sind zu erreichen über www.liebeschip.de. Sein neues Buch „Vom Opfer zum Gestalter – raus aus toxischen Beziehungen“ ist bereits vorbestellbar und erscheint im April 2021.

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