Valentinstag: Es lohnt sich, die Liebe per Brief auszudrücken

  • Edles Papier, schöne Handschrift, innige Worte: So stellen sich die meisten den perfekten Liebesbrief am Valentinstag vor.
  • Doch heute reicht es gerade noch für eine Whatsapp-Nachricht oder eine SMS.
  • Haben wir verlernt, unsere Gefühle in längeren Sätzen auszudrücken?
|
Anzeige
Anzeige

Scheu, ihre Gefühle zu beschreiben, hatte diese Frau nicht: „Ich habe meinem Körper bis zum kleinsten Härchen den feierlichen Befehl erteilt, Dir auch nicht durch das kleinste Zeichen zu verstehen zu geben, dass ich Dich liebe. Ich habe meine Liebe unter zehnfachem Verschluss in meinem Herzen eingesperrt; sie erstickt dort, denn es ist nicht bequem, und ich habe das Gefühl, sie könne explodieren…“

Es klingt wahrlich leidenschaftlich, was die Zarin Katharina II. 1774 ihrem Geliebten, dem Fürsten Grigori Potemkim, schrieb – übrigens um sieben Uhr morgens. Da war die russische Herrscherin schon zwei Stunden auf den Beinen.

Gefühle erspüren im Liebesbrief zum Valentinstag

Wer Liebesbriefe bekannter Herrscher, Schriftsteller oder Künstler liest, kann eine ganze Palette von Gefühlen erspüren: von glühender Verehrung über Angst, abgewiesen zu werden, bis zu verzehrender Leidenschaft. Frauen und Männer haben oft wortgewaltig ihre Gefühle beschrieben und begeistern damit noch heutige Leser.

Anzeige

Regelmäßig kommen Anthologien wie „Schreiben Sie mir, oder ich sterbe“ oder die „Liebesbriefe großer Frauen“ auf den Markt. Das rührt den Leser, vielleicht auch besonders die Leserin, an und weckt manchmal durchaus Neid auf solch emotionsgeladene Zeilen.

Doch so wunderbar die Vorstellung ist, mal wieder einen Liebesbrief zu erhalten – die Idee, selbst einen zu verfassen, so richtig auf Papier, kommt vielen abwegig vor. Das geht schon mit der Frage los, worauf denn? Bütten? Überkandidelt! Druckerpapier? Schnöde. Und womit schreiben? Der Kuli, den es als Geschenk an der Lotto-Annahmestelle gibt, wirkt stillos. Einen edlen Füller hat man auch nicht immer zur Hand. Und überhaupt: Die Handschrift ist in den vergangenen Jahren nicht eben leserlicher und ansehnlicher geworden.

Anzeige

Wer schreibt heutzutage noch einen romantischen Brief?

Das Briefeschreiben ist sowieso aus der Mode gekommen. Verschickten die Deutschen im Jahr 2008 noch 21,9 Milliarden Briefsendungen, waren es 2018 nur noch 17,8 Milliarden. Nach Angaben der Deutschen Post gilt 87 Prozent davon als „Geschäftskundenpost“; es sind also Rechnungen und Werbung, keine liebevollen Worte oder romantischen Zeilen.

Dabei scheinen die meisten von uns durchaus eine romantische Ader zu haben. Zum Valentinstag am 14. Februar, dem Tag der Verliebten, beschenken sich viele Paare. Und zwar gern mit Aufmerksamkeiten, die aufgeladen sind mit romantischer Bedeutung: roten Rosen, Parfüm, einer Einladung zum Candle­-Light-Dinner oder gar einer Reise. Dabei steht, nicht gerade überraschend, Paris als Reiseziel ganz oben, gefolgt von Venedig. Manchmal steckt am Präsent oder Gutschein vielleicht noch ein Kärtchen mit ein paar Worten: „Schatz, ich freu mich darauf. PS: Ich liebe dich.“

PS: Ich liebe dich

Das kann durchaus bezaubern, doch ein paar Zeilen mehr zu verfassen, scheint für viele zur großen Hürde geworden zu sein. Der Kontrast dazwischen, wie leichtherzig viele von uns Privates in den sozialen Medien preisgeben und wie unbeholfen wir im direkten Umgang mit unseren Gefühlen sind, ist groß. Und wer schon länger mit dem Partner oder der Partnerin zusammenlebt, weiß: Alltagsärger, Gewohnheiten und Gewöhnung aneinander motivieren nicht gerade dazu, sich in Ruhe hinzusetzen, einen Moment nachzudenken und in Worte zu kleiden, was man am anderen eigentlich mag, schätzt, liebt. Immer noch.

Dabei sei der Wunsch, seine Gefühle zum Ausdruck zu bringen, stark und war es schon immer, sagt Prof. Eva Wyss, die das mittlerweile an der Universität Koblenz-Landau beheimatete Liebesbriefarchiv initiiert hat und leitet. Rund 21.000 Liebesbotschaften haben die Forscher dort gesammelt – von alten handgeschriebenen Briefen über Postkarten bis zu E-Mails.

Liebesbekundungen per Emojis auf Whatsapp

Anzeige

Laut Germanistin Wyss, die seit 20 Jahren in diesem Metier forscht, sind „auch E-Mails – gerade bei Fernbeziehungen – nichts anderes als Liebesbriefe, die per Mail verschickt werden“. Die Digitalisierung führe jedoch zu „stärker gesprächshaften Kommunikationsformen wie zum Beispiel Whatsapp“. Bei Smartphones verwendeten gerade jüngere Nutzer, wenn sie keine Lust zu schreiben haben, die Audiobotschaften. Und nicht zu vergessen all die Herzchen- und Smiley-Emojis, die wir heute massenhaft verschicken.

Nichts gegen ein Herz auf dem Smartphone. Petra Müller und Rainer Wieland, Herausgeber der erfolgreichen Anthologie „Schreiben Sie mir, oder ich sterbe“, erklären: „Wir müssen nicht einmal um Worte ringen, sondern können per Emojis oder Gifs kommunizieren, was in uns vorgeht. Die Unmittelbarkeit der Kommunikation hat ihre Qualität, aber sie ist meist kurzlebig. Eine Schatztruhe für die schönsten E-Mails und Whats­app-Nachrichten gibt es nicht.“

Liebesbotschaften durch gefühlvolle SMS am Valentinstag

Zumindest ist es – zumal für viele Ältere – nicht ganz so romantisch, eine gefühlvolle SMS zu bekommen statt eines „richtigen“ Briefs. Der nämlich signalisiert auch: Ich habe mir Zeit für dich genommen. „Als Liebesbotschaft haben Briefe einen besonderen Wert, gerade deshalb, weil alles so schnell und so leicht verfügbar ist“, meint das Herausgeberduo. „Der Liebesbrief wird hoffentlich unsterblich sein, und wer weiß: Vielleicht wird er auch wieder ganz groß in Mode kommen. Als unübertroffenes, handgefertigtes Zeugnis der Leidenschaft.“

Da könnte etwas dran sein, denn Handgefertigtes liegt im Trend. Seit ein paar Jahren basteln, nähen und stricken viele Menschen mit Begeisterung – nicht allein aus Freude an Kreativität, sondern auch als Ausdruck von Individualität. Für zahlreiche DIY-Enthusiasten scheint es zudem wichtig zu sein, ihre Ergebnisse auch vorzuzeigen.

Kommt die Renaissance der Liebesbriefe?

Die sozialen Netzwerke sind übervoll mit Fotos restaurierter Kommoden im shabby Landhausstil, mit Bildern von Nippes für Haus und Garten. Auch an Tipps und Beispielen fürs Handlettering – also die Kunst des schönen Schreibens – herrscht kein Mangel. Möglicherweise erlebt, wie Müller und Wieland meinen, irgendwann also tatsächlich die Kunst des klassischen Liebesbriefeschreibens eine Renaissance – und möglicherweise bleibt das Ergebnis dann sogar privat und landet nicht als Foto auf irgendwelchen Plattformen.

Und wie sieht der perfekte Brief dann aus? Eva Wyss hält von allgemeinen Tipps nichts: „Mit einem Brief findet idealerweise eine Begegnung zwischen zwei Menschen statt“, sagt sie. Sprich: Wer in einem Brief all das beherzigt, was empfohlen wird – Kosenamen benutzen, korrekte Orthografie, erklären, „warum macht er/sie dich glücklich?“ – schreibt noch lange keinen gelungenen Brief. Möglicherweise jedoch sinkt, wenn man mal auf entsprechenden Seiten mit Musterbriefen und Anleitungen im Netz stöbert, die Hemmung, sich selbst an einen Liebesbrief zu setzen. Denn das kostet durchaus Courage.

Mut finden für eine Liebesbekenntnis auf Papier

„Die Herausforderung ist, den Mut zu finden, die eigenen Gefühle in Worte zu fassen, sie zu Papier zu bringen und an den Geliebten oder die Geliebte zu schicken – auch dann, wenn wir noch gar nicht wissen, ob unsere Gefühle erwidert werden“, meint Petra Müller. „Möglicherweise sind diese Worte für niemanden anderen schön als nur für diese eine Person – aber genau darum geht es doch: um eine eigene Sprache der Liebe.“

Diese Sprache zu finden ist allerdings nicht leicht in der Flut der Bilder und Texte über das angeblich schönste Gefühl der Welt. Und egal ob Hollywoodfilm, TV-Soap oder Schlager – meist erscheint die Liebe hier irgendwie unfassbar. Da kann einem die eigene Liebesbeziehung schon etwas mickrig vorkommen.

Und überhaupt: Ist es nicht ein bisschen albern, dem langjährigen Partner einen gefühlvollen Brief zu schreiben? Ist das nicht eine übertrieben romantische Idee? Durchaus, und das Ergebnis wirkt eventuell auch unbeholfen. Doch wer seine Scheu vor Peinlichkeit überwindet, stellt beim Schreiben möglicherweise fest: Es kann einem selbst Freude bereiten – und hoffentlich auch dem Empfänger. Blumen und Pralinen in der Herzschachtel kann es ja immer noch dazu geben.