Trauerverarbeitung: Darum ist es so wichtig, seine Gefühle zuzulassen

  • Nichts tut so weh wie eine Trennung oder der Verlust eines nahestehenden Menschen, sagt Paartherapeut Christian Hemschemeier.
  • Wichtig sei es aber, Emotionen nicht zu deckeln, sondern zuzulassen – sonst könne man auch gute Gefühle nicht mehr richtig spüren.
  • In seiner RND-Kolumne „Auf der Couch“ erzählt der Paartherapeut von seiner persönlichen Trauerverarbeitung.
Christian Hemschemeier
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Das Gefühl von Trauer und Verlust gehört zum Leben dazu. Wir alle wissen, dass geliebte Menschen uns verlassen werden, aber wenn es so weit ist, trifft es uns meist wie ein Schlag. Zudem zeigt es uns: Auch unsere Zeit auf dieser Erde ist endlich. Tief in in uns drin halten wir uns wohl doch für unsterblich.

Ich habe vor wenigen Tagen ein enges Familienmitglied verloren. Ich war bis dato, zumindest im engeren Umfeld, davon verschont geblieben. Ich bin also nicht „geübt“ im Umgang mit den Themen Tod und Sterben. Entsprechend überrollt wurde ich von meinen Gefühlen, auch wenn ich zuvor eine Ahnung hatte und der Rahmen ein guter und versöhnlicher war. Dennoch hat der Tod auch etwas Erbarmungsloses. Bums – und der Mensch ist weg. Zumindest körperlich.

Überall Erinnerungen

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Aber es gibt immer wieder Berührungspunkte. Mal glaubt man, die Stimme im Hintergrund zu hören, dann sind noch die alte Nummer und der Name im Telefon eingespeichert oder ein Kleidungsstück hängt noch am Haken. Es ist einfach unwirklich, dass ein Mensch auf einmal nicht mehr da ist. Und das Leben nimmt davon keine Notiz. Es geht einfach immer weiter.

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Der Tag beginnt, die Sonne geht auf, es ist wunderschönes Wetter, Menschen lachen, spielen Fußball. Ich bin erst am Anfang der Verarbeitung, am Anfang des Trauerprozesses, der mich in Wellen sicher immer wieder einholen wird. Auch wenn es ein schreckliches und einschneidendes Erlebnis in meinem Leben war und ist, so kann ich auch das Gute in alledem sehen.

Emotionen zulassen

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Die familiäre Verbundenheit, das Sich-Besinnen auf das Wesentliche, der Glaube daran, dass es weitergeht, und die Erinnerungen können dem Tod den Schrecken nehmen und den Gedanken an die eigene Endlichkeit erträglicher machen. Wenn wir versuchen, die Trauer zu verbannen, werden wir sie oft gar nicht mehr los. Die gedeckelten Emotionen können ein dumpfes Gefühl hervorrufen und uns innerlich lähmen.

Was dann wiederum dazu führen kann, dass wir uns auch über Gutes und positive Erfahrungen nicht mehr freuen und diese nicht mehr wertschätzen können. Umso wichtiger ist es, aufkommende Gefühle zuzulassen und ihnen Raum zu geben. Nichts tut so weh wie eine Trennung oder der Verlust eines nahestehenden Menschen.

Wenn man sich aber bewusst mit seinen Gefühlen und Erinnerungen auseinandersetzt und den Fokus auch auf die schönen Momente richtet, kann man auch sehen, was für ein Glück es war, diesen Menschen im Leben gehabt zu haben und dankbar sein für das, was er uns mitgegeben hat.

Mit Gedanken den Fokus verschieben

Diese Gedanken können den Fokus verschieben. Der Tod und Verlust wird nicht nur mit negativen Gedanken und Gefühlen in Verbindung gebracht. Die Geburt und der Tod eines Menschen bringen uns dazu, wieder das Wesentliche im Leben zu erkennen. Wir sehen, worum es wirklich geht.

Wir können dieses Innehalten nutzen und uns unseren lieben Menschen wieder ganz bewusst zuwenden und über all die Belanglosigkeiten im Alltag hinwegsehen. Und wir können ihnen rechtzeitig sagen, dass wir sie lieben.

In der Kolumne „Auf der Couch“ schreiben wechselnde Experten zu den Themen Partnerschaft, Achtsamkeit, Karriere und Gesundheit. Der Autor und seine Kurse sind zu erreichen über www.liebeschip.de. Sein neues Buch „Vom Opfer zum Gestalter – Raus aus toxischen Beziehungen, rein ins Leben“ ist in allen Buchhandlungen erhältlich.

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