Transgenderaktivist Linus Giese: “Ich habe lange gedacht, dass ich ekelhaft bin und andere mich abstoßend finden”

  • Linus Giese ist Buchautor, Blogger und Transgenderaktivist.
  • Seit seinem Coming-out vor drei Jahren musste er sich im Internet häufig gegen Anfeindungen wehren.
  • Im RND-Interview erzählt er von einer Zeit der Selbstzweifel und warum sich lackierte Fingernägel und Männlichkeit nicht widersprechen.
Michèle Förster
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Transsexuelle Menschen haben das Gefühl, dass ihre Geschlechtsidentität nicht dem entspricht, was die körperlichen Merkmale zeigen. Wie es ist, als Transmann in Deutschland zu leben, schildert Linus Giese in seinem kürzlich erschienenen Buch “Ich bin Linus”. Der 34-Jährige ist Buchhändler, Blogger und Transgenderaktivist. Im Gespräch mit dem RND berichtet er von großen Selbstzweifeln, wie er gelernt hat, mit Hass im Internet umzugehen und warum sich lackierte Fingernägel und Männlichkeit nicht widersprechen.

Herr Giese, in Ihrem Buch “Ich bin Linus” erzählen Sie von Ihrem Leben als Transmann. Wie haben Sie den Tag Ihres Coming-outs erlebt?

Dieser Tag ist mittlerweile fast drei Jahre her. In den Wochen davor ist das Gefühl immer stärker geworden, diesen Schritt wirklich gehen zu wollen. Gleichzeitig hatte ich sehr große Angst davor. Im Starbucks kam es dann einfach über mich. Als ich gefragt wurde, welcher Name auf dem Becher stehen soll, habe ich geantwortet: Linus. Das hat sich gleichzeitig wie etwas Verbotenes, aber auch unglaublich befreiend angefühlt. Ich glaube, ich werde diesen Tag nie vergessen. Vielen erscheint das vielleicht nicht als ein großer Schritt. Aber ich habe damit praktisch die Linie zu meinem neuen Leben überschritten.

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Sie schreiben, Sie wollten schon als Mädchen lieber wie ein Junge sein. Wie hat sich das geäußert?

Ich wollte zum Beispiel immer kurze Haare haben und habe die Vorstellung gehasst, irgendwann einen Badeanzug tragen zu müssen. Als meine Pubertät eingesetzt hat, meine Brüste gewachsen sind und ich meine Tage bekommen habe, war das für mich furchtbar. Ich habe mir lange Zeit einfach gewünscht, dass mir über Nacht ein Penis wächst und war dann sehr enttäuscht, wenn es doch nicht passiert ist. Aber ich war weit davon entfernt, dass ich sagen konnte, ich bin ein Junge, ich bin trans oder ich brauche Hilfe. Es war nicht mehr als ein unbestimmtes Gefühl, das ich damals nicht richtig einordnen konnte.

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Das war sicherlich einer der Gründe, dass es erst spät zu einem Coming-out kam. Heute leben Sie jedoch als queerer Transmann. Wünschen Sie sich, es wäre früher dazu gekommen?

Ja, auf jeden Fall. Ich habe auch lange damit gehadert und mich gefragt, wie mein Leben hätte aussehen können, wenn ich schon als Jugendlicher diesen Schritt gegangen wäre. Denn ich habe unheimlich viel Kraft, Zeit und Energie verloren, weil ich unglücklich war und mich so gequält habe. Gleichzeitig weiß ich aber auch, dass es gut ist, überhaupt diesen Schritt gemacht zu haben. Denn ich habe mich oft gefragt, ob ich mit 31 nicht schon zu alt dafür bin. Aber dieser Punkt ist mir sehr wichtig: Es gibt kein zu alt. Es ist wichtig, diesen Schritt überhaupt zu gehen – wenn es dein Wunsch ist.

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Wie waren die Reaktionen aus Ihrem Umfeld?

Ich hatte vorher sehr viel Angst vor den Reaktionen. Ich habe ein Foto von dem Becher mit meinem neuen Namen auf meiner Facebook-Seite hochgeladen und darunter geschrieben: “Ich wünsche mir, dass ihr mich ab sofort Linus nennt.” Dann habe ich Handy und Computer ausgeschaltet und nicht mehr in die Kommentare geguckt – so viel Angst hatte ich. Aber die Reaktionen waren überwiegend positiv. Vielleicht hatte ich Glück, weil ich einen so aufgeschlossenen Freundeskreis habe.

Im Buch schildern Sie aber auch, dass einige Personen davon offensichtlich überfordert oder zumindest verunsichert waren. Hätten Sie sich mehr Unterstützung gewünscht?

Mir kam es so vor, als ob es manchen Leuten eher um sich selbst ging als um mich. Da hätte ich mir einfach gewünscht, dass diese Menschen ihre eigenen Unsicherheiten, Ängste und Fragen ein Stück weit zurückgestellt hätten und mich meinen Weg gehen lassen, ohne ständig etwas infrage zu stellen. Das hat mich vor allem am Anfang sehr angestrengt.

Sie schreiben, Sie hätten sich oft für Ihr Aussehen und für Ihre Person geschämt. Aus welchem Grund?

Ich bin mit dem Gefühl aufgewachsen, dass ich anders bin als andere Menschen. Und lange Zeit habe ich mich dafür geschämt, anders zu sein. Das Gefühl, dass mit mir etwas nicht stimmt, dass ich ekelhaft bin, oder andere mich abstoßend finden, hat sehr lange mein Leben bestimmt. Daraus hat sich ein überwältigendes Schamgefühl entwickelt. Häufig habe ich mich auch für meinen Körper, mein Auftreten oder meine Art geschämt.

Was bedeutet es für Sie heute, ein Mann zu sein?

Für mich bedeutet es in erster Linie, einen männlichen Namen und ein männliches Pronomen zu haben. Einige Dinge, etwa dass meine Stimme tiefer geworden ist oder dass mir Barthaare gewachsen sind, hilft mir natürlich auch dabei, dass ich als Mann erkannt werde. Ich finde auch hilfreich, dass der Autor Nils Pickert einmal gesagt hat, all das, was ein Mann tut, ist männlich. Also wenn sich ein Mann die Fingernägel lackiert oder eine Jacke mit Blumenmuster anzieht, ist das männlich. Nach meinem Coming-out habe ich zuerst gedacht, ich dürfte jetzt nichts Weibliches mehr tun, wie zum Beispiel in der Frauenabteilung einkaufen. Es hat eine Weile gedauert, bis ich gemerkt habe, ich darf selbst darüber bestimmen, was männlich ist. Wenn ich Spaß daran habe, mir die Nägel zu lackieren, dann darf ich das machen – auch als Transmann. Das spricht mir nicht meine Männlichkeit ab.

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Sie wurden auch Opfer von Hass im Netz. Bieten Sie einfach mehr Angriffsfläche als andere?

Als ich öffentlich über mein Leben als Transmann zu schreiben begann, habe ich nicht damit gerechnet, so viel Hass auf mich zu ziehen. Ich habe nicht verstanden, warum sich diese Menschen von mir provoziert fühlen. Aber meine Therapeutin hat einmal den klugen Satz gesagt: “Es ist wie bei einem Autounfall: Du musst nichts falsch gemacht haben, um darin verwickelt zu sein.”

Vielleicht lag es auch einfach daran, dass ich den Mut hatte, etwas in meinem Leben zu verändern. Ich habe mich dafür entschieden, noch mal von vorne anzufangen. Und ich glaube, dass viele Menschen, die frustriert und unglücklich sind und sich nicht trauen, etwas zu ändern oder noch mal neu anzufangen, sehr neidisch darauf sind. Manchmal kippt das dann in Wut und Aggression um und richtet sich gegen Ziele, die im Internet eine Stimme haben. Deshalb hat es vielleicht mich getroffen.

Sie haben sich nicht einschüchtern lassen und sind nach wie vor in den sozialen Medien aktiv. Wie gehen Sie mittlerweile mit Hasskommentaren um?

Ich glaube, ich lasse sie nicht mehr so nah an mich herankommen. Und ich habe mir Hilfe gesucht. Das ist auch ein Ratschlag, den ich anderen Betroffenen geben würde, sich so bald wie möglich Hilfe zu suchen und nicht alleine damit zu bleiben. Mir hat es auch geholfen, die Kommentare von mir zu abstrahieren. Denn die meisten Menschen, die solche Hasskommentare schreiben, kennen mich nicht persönlich, sondern hassen das, wofür ich stehe. Sie sehen mich eher als Symbol für etwas. Das hilft mir auch dabei, mich davon abzugrenzen und es nicht zu sehr an mich heranzulassen.

Als ich vor drei Jahren angefangen habe, im Internet über mich zu schreiben, habe ich noch gedacht, ich muss auf alles reagieren, mit jedem diskutieren, mich erklären und andere überzeugen. Mittlerweile habe ich damit aufgehört. Es macht mir immer noch Spaß, Dinge zu teilen, aber ich lasse mich nicht mehr in Diskussionen verwickeln. Auseinandersetzungen rauben so viel Energie, die ich an anderen Stellen sinnvoller einsetzen kann. Das ist auch eine Erkenntnis, die mir sehr geholfen hat.

Linus Giese ist studierter Germanist, arbeitet als Buchhändler und Blogger und lebt in Berlin. Auf seinem Blog ichbinslinus.de schreibt er über seine Transition. Seine Geschichte erzählt er im Buch “Ich bin Linus. Wie ich der Mann wurde, der ich schon immer war“ (Rowohlt Verlag). © Quelle: Rowohlt

Ihr Coming-out ist mittlerweile drei Jahre her. Worauf sollten sich andere Personen, die sich outen wollen, Ihrer Meinung nach vorbereiten?

Ich glaube, sie müssen sich darauf einstellen, dass es ein langer Weg sein kann. Jedes Coming-out sieht anders aus, aber wenn du dir wünschst, deinen Namen zu ändern oder Hormone zu nehmen, dann ist das mit einem hohen Aufwand verbunden. Es kostet Kraft und Zeit, das in die Wege zu leiten. Deshalb würde ich raten, sich nicht entmutigen zu lassen, dem eigenen Weg zu folgen und das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren.

Nach meinem Coming-out haben mich auch einige gefragt, ob das denn sein müsse, denn ich könnte ja auch eine Frau sein und Männerkleidung tragen. Es ist aber wichtig, dass du dich nicht von anderen verunsichern lässt, wenn du die Entscheidung getroffen hast, diesen Weg zu gehen. Es wird immer andere Menschen geben, die fragen, ob du dir wirklich sicher bist. Es ist auch wichtig, eine Art Communitiy zu haben oder im Austausch mit Menschen zu stehen, die etwas Ähnliches fühlen. Mir hilft es, zu wissen, dass es Menschen gibt, die ich um Rat fragen kann. Es ist unheimlich wichtig, sich zu vernetzen und zu verbünden.

Sie schreiben, es gab in Ihrer Jugend nicht viele Informationsquellen über das Leben von Transpersonen. Was hätten Sie gerne früher gewusst?

Ich hätte gerne viel mehr Repräsentation und Sichtbarkeit gehabt. Eine Serie wie ‘Pose’, in der Transfrauen auch Transfrauen spielen, gab es vor 20 Jahren nicht. Diese Transfrauen werden nicht lächerlich gemacht, sondern sie sind schön, haben spannende Lebensverläufe und erzählen ihre Geschichte. In der Frage, welche Menschen überhaupt repräsentiert werden, hat sich in den letzten Jahren unheimlich viel verändert. Zum Beispiel jemand wie Billy Porter, der im Kleid auf den roten Teppich geht, oder die Serie ‘Euphoria’, in der die Rolle der Jules von einer Transfrau gespielt wird. Das alles gab es in den Neunzigerjahren nicht. Ich war glaube ich 16, als ich das erste Mal eine Transfrau im Fernsehen gesehen habe.

In den Neunzigern gab es außerdem keine einfache Möglichkeit, sich mit anderen Transmenschen zu vernetzen. Wenn du heute auf Twitter gehst, ist es relativ leicht, anderen Transmenschen zu folgen. Das gab es damals einfach nicht. Ich habe erst kurz vor meinem Coming-out in Berlin das erste Mal einen Transmann getroffen. Das war ein wichtiger Moment für mich, weil ich da gemerkt habe, dass es wirklich Menschen gibt, die so leben.

War das auch der Grund für die Entstehung Ihres Buches?

Ich habe es aus vielen Gründen geschrieben. Zum einen, um Menschen zu helfen, die selbst trans sind und über ihre Identität nachdenken. Ich möchte das Thema aber auch Menschen nahebringen, die damit noch nie in Berührung gekommen sind. Es ist wichtig, damit auch Teile der Bevölkerung zu erreichen, die keine Ahnung von Geschlechtern, Identitäten oder Sexualitäten haben. Außerdem war das Aufschreiben auch eine Art therapeutische Arbeit. Das alles noch mal zu reflektieren, aufzuarbeiten und niederzuschreiben, hat mir persönlich auch sehr viel gebracht.

“Staat, Sex, Amen”
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