Transfrau in Trumps Amerika: „Wir können buchstäblich sterben“

  • Marceline Crow lebt als Transfrau im erzkonservativen South Carolina.
  • Ihre Geschlechts­umwandlung hatte sie während der Präsidentschaft von Donald Trump, der immer wieder auch gegen LGBTQ-Rechte vorgeht.
  • In die Zeit nach der Wahl blickt sie vorsichtig optimistisch – und ruft nach einem radikalen Wandel der Politik.
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3:35 min
Marceline Crow war früher ein Mann – heute fühlt sich die Transfrau aus den USA viel glücklicher in ihrer Haut. Nur die politischen Umstände ihrer Transition stören sie.  © RND
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Zwei Jahre ist es her, dass Marceline Crow aus Myrtle Beach im US-Bundesstaat South Carolina entschied, ihr Dasein im Körper eines Mannes hinter sich zu lassen und fortan als Frau zu leben. In ihrer hauptsächlich konservativen Heimat im amerikanischen Süden und im Netz bekommt sie häufig Hass zu spüren. Als Transgender (Transidente) bezeichnet man Menschen, deren Geschlechts­identität nicht mit dem anhand von äußeren Merkmalen zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt. Transfrauen wurden bei der Geburt dem männlichen Geschlecht zugeordnet, identifizieren sich aber als Frauen.

Im RND-Gespräch schildert die 24-Jährige, wie sie ihre Geschlechts­umwandlung erlebt hat, welche Hoffnungen sie für die Zeit nach der Wahl hat und warum aktuell vom Supreme Court die größte Gefahr für die Trans-Community ausgeht.

„Eine gruselige Zeit, sich zu outen“

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Frau Crow, Mitte Juli hat die US-amerikanische Regierung Regeln zum Diskriminierungs­schutz im Gesundheitswesen abgeschafft. Seit Ihrem Outing 2018 wurden viele LGBTQ-Rechte zurück­genommen. Wie erleben Sie das?

Es ist wirklich ekelhaft, wie die Trump-Regierung konstant gegen uns Transgender vorgeht. Ich habe keine Gesundheits­versicherung, muss also aus der eigenen Tasche für alle meine Termine beim Arzt und Medikamente bezahlen. Das ist ein Problem für viele Transidente, die sich den Besuch beim Doktor nicht leisten können, um ihre Hormone zu bekommen. Deswegen habe ich im Vorwahlkampf der Demokraten Bernie Sanders mit seiner Forderung „Medicare for all“ unterstützt, weil ich glaube, dass kostenlose Gesundheits­versorgung ein fundamentales Menschenrecht ist. Transmenschen können buchstäblich sterben, weil sie bestimmte Leistungen des Gesundheits­systems nicht erhalten.

Als Transmenschen mussten wir uns ohnehin schon sehr lange Zeit für unsere Rechte einsetzen. Wir kämpfen immer für Sichtbarkeit, und die hatten wir in den vergangenen Jahren schon mal mehr. Es war definitiv eine gruselige Zeit, sich zu outen. Ich habe mit anderen Transmenschen darüber gesprochen, die ebenfalls unter Trump ihr Outing hatten. Es ist einschüchternd, aber ich konnte es tun.

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Neben der Unterstützung für die Demokraten demonstrieren Sie auf Frauen­märschen und sind Teil einer lokalen Transgruppe. Inwiefern hat Sie Ihr Outing politisch gemacht?

Für mich hat sich viel verändert. Du musst dich viel mehr mit Dingen, die schieflaufen auseinander­setzen, weil sie dich betreffen können. Cispersonen (Menschen, deren Geschlechts­identität mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt, Anm. d. Red.) denken über viele Themen oft nicht nach, weil sie nicht davon betroffen sind. Ich bin allgemein linker geworden, auch wenn ich immer schon liberal eingestellt war. Ich unterstütze Black Lives Matter, Tierrechte, möchte bald vegan leben. Ich bevorzuge ganz klar die Demokraten gegenüber den Republikaner, aber auch sie geben keine Antworten auf viele Probleme des globalen Kapitalismus wie den Klimawandel, der uns in den kommenden Jahren noch viel stärker treffen wird.

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Ich versuche, auf das Beste zu hoffen. Zugleich dringe ich auf mehr Bewusstsein bei den Menschen, weil wir eine radikale Veränderung unserer Gesellschaft brauchen. Kleine Schritte werden kaum noch helfen. Wir brauchen einen echten Wandel des politischen Systems.

Auf der Fotoplattform Instagram zeigt sich Crow zum ersten Mal in Frauenkleidern. Für sie eine Möglichkeit, sich auszudrücken – noch vor ihrem Outing. © Quelle: Privat

Wann hatten Sie das erste Mal das Gefühl, mit dem falschen Geschlecht zu leben?

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Ich war wahrscheinlich zehn oder elf Jahre alt, als die Pubertät richtig begann. Plötzlich fühlte ich mich sehr unwohl damit, ein Junge sein zu müssen. Sich wie ein Junge zu kleiden, sich wie einer zu verhalten. Ich dachte zwar schon darüber nach, ein Mädchen zu sein und mädchenhafte Dinge zu tun, aber ich habe nicht danach gehandelt, weil ich nichts über Trans­sexualität wusste. Das waren damals einfach nur Gedanken in meinem Kopf.

Nach der Highschool 2017 begann ich meine Gender­identität zu entdecken. Ich ging unter einem anderen Namen aus, benutzte Make-up und trug Frauen­kleidung. Ich war zu der Zeit noch auf der Suche. Das folgende Jahr, 2018, habe ich mich dann geoutet.

Wie hat Ihre Familie, wie Ihr Umfeld darauf reagiert?

Ehrlich gesagt, überwiegend positiv. Ich habe eine tolle Familie und Freunde, meine Mutter und meine Schwester unterstützen mich sehr. Das einzige schlechte Erlebnis hatte ich mit meinem älteren Bruder, der mich nicht als Transfrau anerkennt.

Als ich mich geoutet habe, meinte er, ich solle das rückgängig machen und mich wieder verstecken, weil ich ihn schlecht aussehen lassen würde. Das denkt er immer noch. Er hat mich dadurch sehr verletzt, ich habe momentan nichts mehr mit ihm zu tun. Er müsste viel machen, um mein Vertrauen wieder zurück­zu­gewinnen.

In Frauen­kleidern auf Instagram

Wie wichtig ist in Ihrer Situation das Gefühl, nicht allein zu sein?

Sehr wichtig. Zu Beginn hatte ich niemanden, zu dem ich aufschauen konnte, ich musste die Dinge für mich selbst herausfinden. Die einzige Transperson, die ich zu Highschool-Zeiten kannte, war Caitlyn Jenner. Irgendwann habe ich Trans­communitys im Netz gefunden. Auf Instagram habe ich als erstes Bilder gepostet, wie ich mich als Frau anziehe und ausgehe. Ich hatte mich zu der Zeit noch nicht geoutet, und es gab mir die Möglichkeit, mich auf diesem Weg auszudrücken.

Hier in Myrtle Beach bist du nicht im Umfeld einer großen Stadt mit aktiver Trans­community. Für Transidente in Kleinstädten kann das ein echtes Problem sein, wenn du sonst niemanden zum Reden hast. Das Internet schafft da Abhilfe, weil du auf eine große Gruppe Menschen triffst, die deine Einstellungen teilt. Heute bin ich sehr aktiv auf Twitter und helfe anderen Transmenschen, wo ich kann. Das kann auf finanzielle Weise oder einfach durch aufmunternde Nachrichten und Gespräche sein.

Haben Sie auch negative Erfahrungen mit Social Media gemacht?

Definitiv. Ich musste mich schon mit einigen sehr gemeinen Leuten herumschlagen, die mir hässliche transphobe Kommentare hinterlassen haben. Einmal ist ein Tweet von mir viral gegangen, in dem ich geschrieben habe: „Ich bin eine Schwester, ich bin eine Freundin“ und so weiter, da gab es viele gute Antworten drauf, aber auch negative Kommentare. Leute, die mir sagen: „Du bist ein Mann, hör auf mit dem Schwachsinn.“ Das war das schlimmste Mal, dass ich Schikane im Netz erlebt habe.

Es kann dich wirklich treffen, vor allem wenn es anhält. Heute stört es mich nicht mehr so wie früher, ich kann die Gemeinheiten inzwischen ausblenden. Nur viele jüngere Menschen, die wie ich im Internet Rat und Hilfe suchen, können das vielleicht nicht. Die sozialen Medien müssen endlich ihre eigenen Regeln für Bigotterie und Hatespeech umsetzen.

Wahl für Biden wäre guter Schritt

Wie sehr hat Sie auch das Umfeld, in dem Sie aufgewachsen sind, bei Ihrer Politisierung beeinflusst? Immerhin wählt South Carolina traditionell die Republikaner.

Wir sind in einer echten Trump-Gegend, das stimmt. South Carolina ist sehr stark rot. Es gibt auch viel Rassismus hier, Unmengen an Leuten mit Konföderierten­flaggen an Haus und Auto. Ich kenne keine extremistischen Gruppen, aber ich weiß, dass Neonazi-Verbände in South Carolina existieren.

Besonders da ich aus einer jüdischen Familie komme, habe ich mich auch viel mit Antisemitismus auseinander­gesetzt. Zu sehen, wie sehr das in meinem Land wieder auf dem Vormarsch ist, schmerzt. Die Ereignisse in Charlottesville 2017 sind nicht lange her, und wie Trump darauf reagiert hat, habe ich noch genau im Ohr: Er meinte, es gäbe „gute Menschen auf beiden Seiten“. Gute Neonazis, wirklich? Das ist widerlich.

Klingt nicht so, als würden Sie viel Vertrauen in den Ausgang der Wahl haben.

Ich hoffe, dass wir uns in eine progressivere Richtung bewegen. Es wäre definitiv etwas sehr Gutes, wenn nach dem 3. November Joe Biden und Kamala Harris zuständig wären. Sie wären natürlich viel offener als Trumps Regierung, insbesondere gegenüber bestimmten LGBTQ-Rechten. Vieles kommt aber auch auf den Supreme Court an.

Mit Amy Coney Barrett als neuer Richterin am Obersten Gerichtshof sieht es für uns wirklich düster aus. Ich befürchte, bald werden sie dort gegen das Recht auf Schwangerschafts­abbruch und die Homoehe vorgehen. Die Mehrheits­verhältnisse konservativer gegenüber liberalen Richtern sind mit sechs zu drei auf Jahrzehnte zementiert. Das ist wirklich schlimm. Ich hatte gehofft, sie käme damit nicht durch.

Rückkehr von der (Vor-)Wahl: Bei den Primaries in South Carolina Ende Februar unterstützt Crow den linken Demokraten Bernie Sanders. © Quelle: Privat

Glücklicher seit Hormontherapie

Haben Sie sich jemals gewünscht, nicht trans zu sein, weil es einfacher wäre?

Gut möglich, dass ich diesen Gedanken in der Vergangenheit mal hatte, weil ich mich dann nicht mit all diesen Dingen beschäftigen müsste. Aber es ist sehr hart, mir das vorzustellen, weil ich ohne meine Veränderung heute vermutlich nicht mehr hier wäre. Ich war damals sehr unglücklich mit mir selbst. Seit ich meine Hormon­therapie begonnen habe, wollte ich viel mehr mit Menschen interagieren und habe insgesamt eine bessere Einstellung zum Leben.

Selbst mit der Trump-Regierung und der anstehenden Wahl – wer weiß, was für verrückter Kram noch am Wahltag passiert – fühle ich mich so viel glücklicher und erfüllter als früher, dass ich mir nicht vorstellen könnte, jemals wieder in mein altes Ich zurück­zu­kehren.

Was erhoffen Sie sich in Zukunft für die Transbewegung?

Ich hoffe auf mehr Wahrnehmung in der Gesellschaft. Häufig muss man genau hinhören, wenn Politiker*innen über „unsere“ Themen reden: Geht es wirklich um Transgender oder doch nur um lesbische, schwule und bisexuelle Menschen? In den meisten US-Bundes­staaten gibt es noch immer den Panic Defense Act: Jemand kann Transmenschen umbringen, weil man sich von ihnen sexuell bedroht fühlt, und eine geringere Strafe erwarten als ein herkömmlicher Mörder. Dass das immer noch legal ist, das ist unglaublich!

Welche Botschaft senden Sie mit Ihrer Transition an andere Transfrauen aus?

Selbst jetzt, unter diesen Umständen können Menschen ihr Geschlecht umwandeln und ein glückliches Leben führen. Selbstverständlich gibt es manche, die nicht in guten Umfeldern zu Hause sind, die keine unterstützenden Familien haben. Trotzdem sind die Dinge gesamt­gesellschaftlich etwas besser geworden, wenn wir uns anschauen, wie Menschen heute auf Transidente reagieren.

Meine Botschaft an alle Cispersonen ist: Sorgt euch mehr um eure Transfreunde, Trans­geschwister, Transkinder, weil wir eure Unterstützung, euch als Bezugs­personen in unserem Leben brauchen. Wenn dir jemand wirklich am Herzen liegt, solltest du immer die Zeit und Mühe investieren, die Person zu verstehen, und lieben wie er oder sie ist.

“Staat, Sex, Amen”
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