Geschwister: wenn unsere längste Beziehung im Leben toxisch ist

  • Zu Geschwistern führt man eine Beziehung für die Ewigkeit.
  • Doch die ist nicht immer harmonisch, denn Neid, Missgunst oder Eifersucht können eine Rolle spielen.
  • Für Paartherapeut Christian Hemschemeier steht daher fest: Auch Geschwister beeinflussen unser Selbstbild und die Partnerwahl.
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Hamburg. Zu unseren Geschwistern haben wir die längste Beziehung unseres Lebens. Die Eltern sterben irgendwann, von Partnerinnen oder Partnern trennt man sich oder wird verlassen und auch der Freundeskreis verändert sich. Die Beziehung zu unseren Geschwistern bleibt aber bestehen! In der Kindheit gibt es Verbundenheit und Streit im Wechsel, als junge Erwachsene distanzieren wir uns meist, um uns dann im höheren Alter oft wieder näherzukommen.

Forschung: Geschwister können prägender als Eltern sein

Die Forschung der letzten Jahre zum Thema Geschwisterbeziehung hat gezeigt, dass die Beziehung zu unseren Geschwistern sogar noch prägender für unsere Persönlichkeit und unsere Entwicklung ist als die zu unseren Eltern. Die Beziehung unter Geschwistern kann sehr innig und vertraut sein. Geschwister sind im Kontakt viel unverstellter und direkter als die meisten uns nahestehenden Menschen. Sie halten uns auch unsere Schwachstellen und Fehler direkter vor Augen als zum Beispiel unsere Eltern.

Christian Hemschemeier ist Paartherapeut in Hamburg und Experte in Sachen Dating, Partnerschaft und Liebe. © Quelle: Privat/Patan
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Die Beziehung kann einen sehr positiven Einfluss auf uns haben, kann aber auch von Neid, Eifersucht, Missgunst und starker Rivalität und dem ständigen Kampf um die Aufmerksamkeit der Eltern geprägt sein. Geschwister haben einen großen Einfluss auf unser Selbstbild.

Geschwisterbeziehung formt Selbstbild und Partnerwahl

Ich gehe davon aus, dass Geschwister und die Beziehung zu diesen unsere Partnerwahl und Beziehungsgestaltung im Erwachsenenalter enorm beeinflussen. Die Nähe und (oder) Distanz zu unseren Geschwistern, die Streitkultur, Verlässlichkeit, das Vertrauen oder Misstrauen entwickelt, neben der Beziehung zu unseren Eltern, unseren ganz persönlichen Liebeschip.

Unbewusst suchen wir uns dann möglicherweise Partnerinnen oder Partner, die nicht nur unseren Eltern ähnlich sind, sondern vor allem auch unseren Geschwistern. Wenn unsere Beziehung zu unseren Geschwistern toxisch war oder noch immer ist, sind es unsere Beziehungen möglicherweise auch. Die Persönlichkeit und Verhaltensweisen unserer Partnerinnen oder Partner fühlen sich vertraut an, weil es uns an unsere Geschwister erinnert. Aber damit bleiben wir auch oft in Beziehungen, die uns schon in unserer Kindheit nicht gutgetan haben.

Im Erwachsenenalter lernen, Grenzen zu setzen

Auch hier hilft wieder Bewusstheit. Wenn ich diese Dynamiken und Muster erkenne und die Verbindung sehe, ist dies meist der erste Schritt raus aus dem Teufelskreis der toxischen Beziehungen. Und im Gegensatz zu unseren Geschwistern können wir uns unsere Partnerinnen oder Partner selbst aussuchen. Wir können uns aus dem Ohnmachtsgefühl befreien und nun im Erwachsenenalter lernen, Grenzen zu setzen, und damit auch ein Stück weit unsere Kindheitsthemen bearbeiten und heilen. Es lohnt sich auf jeden Fall, bei der Auseinandersetzung mit dem eigenen Liebeschip nicht nur auf die Eltern, sondern auch auf die Geschwister zu gucken.

Der Autor und seine Kurse sind über www.liebeschip.de zu erreichen. Sein aktuelles Buch „Vom Opfer zum Gestalter – Raus aus toxischen Beziehungen, rein ins Leben“ ist online und in allen Buchhandlungen erhältlich.

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