Tinder und Co.: Warum polygames Dating narzisstisch und unreif ist

  • Wer die große Liebe sucht, wünscht sich vor allem Treue und Vertrauen in einer Beziehung.
  • Doch warum fängt Treue nicht bereits beim Dating an?
  • Wir haben nachgeforscht, wieso polygames Dating zwar beliebt, aber nicht wirklich nachhaltig ist.
David Sander
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Die große Liebe finden – ein Wunsch, den viele Menschen teilen. Dabei scheinen die Wege der Suche schier unendlich: Dating-Apps und Portale, Speeddating-Veranstaltungen oder klassisch die Begegnung in der Straßenbahn. Oft ist es nicht ganz leicht, den richtigen Partner zu finden. Viele Suchende haben jedoch mindestens eins gemeinsam – sie wünschen sich Treue und Vertrauen in einer Beziehung, scheitern am Ende nicht selten aber genau daran.

Es scheint, als würden viele Singles Angst haben, etwas zu verpassen. Jemanden zu verpassen. Kann ich nicht noch einen “Besseren” finden? So wird versäumt, sich auf eine einzige Person ernsthaft einzulassen, sie wirklich kennenzulernen – stattdessen werden sich Optionen offen gehalten und so viele potenzielle Partner wie nur möglich in Form von “Matches” gesammelt. Dieses polygame Dating mag mittlerweile üblich und beliebt sein, doch ist es auch nachhaltig? Sollte man sich nicht bereits beim Daten treu und vertrauenswürdig zeigen, wenn man eine langfristige, ernsthafte Beziehung sucht?

Leistungsdruck und Business vs. Liebe

Bevor man sich diese Fragen stellt, sollte zunächst einmal das “Warum” geklärt werden. Warum verfolgen Menschen überhaupt dieses Datingverhalten? Für die Tiefenpsychologin und Beziehungsexpertin Katharina Ohana hat das vielschichtige Gründe: “In der Partnersuche gibt es mittlerweile einen Leistungsgedanken, wie wir ihn bereits aus dem Kapitalismus kennen – es sollen auch hier Liebe und Partnerschaft optimiert werden.” Dabei herrsche die Vorstellung vor, den bestmöglichen Partner haben zu wollen. Genau das versprechen sich viele Menschen von den Onlinedatingportalen, meint Ohana. “Ich finde jemanden und da ist alles perfekt.”

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Zudem ginge es bei diesem Leistungsdruck vor allem um Chancen. “Die meisten denken: Wenn ich ganz viele nebeneinander date, erhöhe ich meine Chancen”, sagt die Expertin. Genau hier scheint das Problem der Singles zu liegen, die Liebe als eine Art Business verstehen. Polygames Dating bedeutet, Zeit zu sparen und den bestmöglichen Deal für sich selbst auszuhandeln. Davon hält Ohana denkbar wenig: “Liebe als Business funktioniert nicht. Das ist unreif und narzisstisch.”

Katharina Ohana ist Tiefenpsychologin und Beziehungsexpertin. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich viel mit der menschlichen Psyche im Zusammenhang mit Liebe, Gesellschaft und Weltgeschehen. © Quelle: Katharina Ohana
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Problem: eine polygame Grundhaltung

Doch wo sollen Suchende heutzutage angesichts schier unendlicher Möglichkeiten überhaupt jemanden kennenlernen? Prinzipiell seien Datingportale nicht schlecht, sagt die Psychologin, vor allem, wenn es um die zweite Lebenshälfte ginge. Die Portale seien allerdings lediglich das Handwerkszeug und nicht das Böse, sondern die unreifen Anteile in unserer Psyche. “Diese Shoppingmentalität, ich könnte noch etwas ‘Besseres’ bekommen, ist ein Grundproblem – nicht nur beim Onlinedating”, sagt Ohana. Aber es gibt auch Menschen, die auf den herkömmlichen Portalen “selbstreif” beschließen, nur eine Person zu daten – und deshalb gesündere, reifere Chancen haben auf eine gute Beziehung.

Das Grundprinzip “was du nicht willst, was man dir tut, das füge auch keinem anderen zu” sollte laut der Expertin auch beim Dating gelten. Wer also viele Matches sammelt und diverse Personen gleichzeitig datet, darf sich nicht über das Gegenüber beschweren, welches Gleiches tut. “Das ist in der Reifeskala ganz unten – aber solche Menschen können so oder so keine langfristige Beziehung führen”, meint Ohana.

Vom polygamen Dating mag man aufgrund der Wortverwandtschaft gedanklich schnell zu Polyamorie schweifen, und Parallelen sind durchaus vorhanden: Polyamoröse Menschen lieben mehrere Partner gleichzeitig und führen mehrere Liebesbeziehungen, allen Involvierten ist dies bewusst. Psychologin Katharina Ohana findet solche Konstellationen mehr als fragwürdig: “Wir sind Menschen, wir brauchen die soziale Bindung. Die Bindungsfähigkeit, Verlässlichkeit und Vertrauen ist eine der Grundsäulen unseres Selbst.” Wer polyamorös lebt, könne sich einfach nicht einlassen. Und letztlich ist genau das auch die Hauptproblematik beim polygamen Dating. “Wir brauchen Beziehungen dafür, dass andere sich verantwortlich fühlen – gerade auch wenn es uns schlecht geht, wir Hilfe brauchen, älter werden. Liebe ist sozialer Kitt und nicht reines Amüsement”, sagt Ohana.

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Neue App für ernsthaftes Dating

Diverse Umfragen ergeben wohl deshalb auch, dass den meisten Menschen Treue und Vertrauen in einer Beziehung am wichtigsten sind – unabhängig vom Alter. Hier wird es paradox, meint die Expertin: “Trotzdem wird zweigleisig gesucht, weil man Treue und Vertrauen ja vom bestmöglichen Partner haben will – für sich oft nur ‘das Beste’ akzeptiert.” Dating als Wunschkonzert? Für Ohana eine Sackgasse, denn “Treue und Vertrauen bauen nicht auf Äußerlichkeiten auf, sondern eben darauf, dass ich mich von vorneherein selber schon so verhalte. Wer sich so narzisstisch und unreif verhält, ist nicht beziehungsfähig.”

An diesem Punkt setzt jetzt eine neue Dating-App an: only one. Der Name verrät, es geht nur um eine/einen. Das Konzept legt den Fokus darauf, Menschen mit ernsthaftem Interesse langfristig miteinander zu verbinden – nicht nur für eine Nacht. Die App funktioniert nach dem gängigen Swipe-Prinzip: Gefällt mir jemand, wische ich nach rechts – gefällt mir jemand nicht, nach links. Wenn zwei Menschen sich übereinstimmend gefallen, entsteht sofort eine geschlossene Verbindung. Das heißt: Alle anderen Profile sind unsichtbar. Man kann nur miteinander schreiben und sich voll und ganz auf eine Unterhaltung konzentrieren – only one eben.

Volle Aufmerksamkeit auf einen Chatpartner

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Die Nachfrage gibt dem Konzept vorerst recht. “Ich war selbst überrascht, dass noch niemand zuvor diese Idee realisiert hat”, sagt Manuel Tolle, Gründer und CEO von only one. Der 31-Jährige ist bereits lange im Onlinedatinggeschäft tätig. Er wusste genau, wo die Probleme im Onlinedating liegen. Ein Problem bei Tinder und Co. seien die vielen Partnervorschläge: “Man matcht mit vielen Leuten, hat Multichats, sammelt Kontakte wie Trophäen – doch es kommt zu keinem ernsthaften Gespräch.” Deshalb gelange man nie auf eine tiefsinnigere Ebene, die für eine langfristige Beziehung nötig wäre. “Ich glaube, diese Überreizung, dieses ständige Gefühl, der nächste Partnervorschlag könnte der bessere sein, ist schlecht auf dem Datingmarkt”, sagt Tolle.

So kam dem jungen Gründer die Idee zu only one. Und die App findet Anklang: Innerhalb weniger Monate wurde sie über 26.000-mal runtergeladen, obendrein gibt es zahlreiche positive Bewertungen von Nutzern. Für Tolle keine allzu große Überraschung, eigentlich habe er quasi nur das natürliche Datingverhalten digitalisiert: “Man spricht ja auch nicht zehn Leute in einem Bus an, sondern konzentriert sich auf eine Person.”

Gründer Manuel Tolle (31) ist stolz auf only one – für ihn die nachhaltigste Dating-App auf dem Markt. © Quelle: only one

Seriöses Kennenlernen ohne Fake-Profile

Interessanterweise haben Tolle und sein Team ganz nebenbei eins der größten Datingprobleme gelöst: Fake-Profile und sogenannte Scammer (Betrüger) gibt es auf only one nicht, heißt es. “Die machen bei uns gar keinen Sinn, weil man ja nur mit einer Person schreiben kann”, sagt Tolle, “die haben also keine Reichweite.” In der Tat sind Fake-Profile bei konventionellen Partnerbörsen ein Problem, hier können Betrüger über 100 Leute gleichzeitig anschreiben und “vollspammen” – das ist bei only one allein technisch schon nicht möglich. “Zudem wird jedes Profil manuell von Mitarbeitern geprüft, damit die Qualität hoch bleibt”, versichert der Gründer.

Auch Beziehungsexpertin Katharina Ohana zeigt sich angetan: “Das neue Portal ist für mich ein positiver Schritt in Richtung ‘gesundes Dating’. Ich kann mir vorstellen, dass es sehr gut läuft.” Ohana glaubt zudem, dass sich sogar andere, namhafte Portale ähnliche Funktionen ausdenken werden – sofern sie sich als Portale für die seriöse, langfristige Partnersuche verstehen. “Aber es hängt letztlich immer entscheidend von den Menschen ab, die sich anmelden und eine gesunde Beziehung leben wollen und können”, sagt Ohana.

Dating sollte kein Spiel sein

Angst vor Nachahmern oder davor, dass Tinder und Co. die Idee von only one aufgreifen, hat Manuel Tolle nicht. Und das hat einen ganz einfachen Grund: “Tinder und Co. werden nicht nachziehen, weil es gewinnorientierte Unternehmen sind. Unser Geschäftsmodell wird nie lukrativ genug sein, das lohnt sich für die Großen nicht”, sagt Tolle. Bei näherer Betrachtung ergibt das Sinn, schließlich verliert das Datingportal einen Kunden, wenn das Dating erfolgreich war und der Kunde in einer Beziehung “endet”. Aus diesem Grund scheinen einige Dating-Apps durch einen coolen Look und diverse Funktionen wie ein Spiel aufgebaut zu sein, um den Kunden möglichst lange in der App zu behalten. “Das hat mit der echten Partnersuche aber nicht viel zu tun”, sagt der 31-Jährige, “die wollen Nutzer überreizen, dass diese immer weiter konsumieren, aber nie zum Ergebnis kommen.” Alle Grundfunktionen bei only one sind und bleiben laut Tolle kostenlos – dazu gehören auch das Zurück-Swipen sowie unlimitiertes Swipen.

Die App punktet mit übersichtlichem Design und lässt sich intuitiv bedienen. © Quelle: only one

Für eine ernsthafte Beziehung: monogames Dating

Mit only one möchte Tolle wieder ein bisschen Ruhe, Gelassenheit und Fokus ins Dating bringen. Hier hätten die Nutzer die Gewissheit, dass man nur mit einer Person zur Zeit schreibt. Der aufmerksame, kritische Leser mag sich nun fragen: Stimmt das wirklich? Kann doch schließlich sein, dass mein charmanter Traumpartner neben only one auch Tinder und Co. nutzt. Diese Möglichkeit kann auch Tolle nicht hundertprozentig ausschließen, aber “wenn eine Person das Bedürfnis hat, viele Leute kennenzulernen, würde sie unsere App eh nicht nutzen”. Da die Philosophie von only one auch jedem Nutzer vor der Installation bewusst sein sollte, scheint eine Mehrzahl von polygamen Datern hier tatsächlich eher unwahrscheinlich.

Wird only one unser Datingverhalten revolutionieren? Wahrscheinlich nicht. Doch das ist auch nicht der Anspruch der Betreiber. Sie zeigen lediglich auf, dass monogames Dating funktionieren kann – wenn die Menschen, die sich anmelden, es denn wollen. Es geht schließlich darum, welche Dating-App am besten zu den jeweiligen Bedürfnissen passt – Tinder und Co. haben hier genauso ihre Daseinsberechtigung. Only one kann jedoch zumindest erreichen, dass wir unser Datingverhalten hinterfragen. Denn ob mit oder ohne App: Wer eine langfristige, ernsthafte Beziehung mit Treue und Vertrauen sucht, sollte diese Maßstäbe schon bereits beim Dating anlegen.

“Staat, Sex, Amen”
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