Slow Love – Warum sich Liebe nicht so einfach finden lässt

  • Eine texanische Studie hat herausgefunden, dass Liebe auf den ersten Blick nicht über den Erfolg einer Beziehung entscheidet.
  • Auch ungleiche Paare können sich ineinander verlieben, das braucht nur mehr Zeit.
  • Der größte Störfaktor für eine Beziehung zwischen ungleichen Partnern ist häufig das eigene Umfeld.
Michèle Förster
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Die möglicherweise wichtigste Voraussetzung, damit aus einem ungleichen Paar eine erfolgreiche Liebesgeschichte wird, ist ein Konzept namens Slow Love. Diese Idee des langsamen Verliebens besagt, dass die Zeit Menschen attraktiver macht. Je länger man jemanden kennt, den man vielleicht nicht auf den ersten Blick anziehend fand, desto schöner macht ihn seine Persönlichkeit im Laufe der Zeit.

Das bedeutet: Auch Menschen, die auf den ersten Blick nicht besonders viel verbindet, können das große Liebesglück erleben – vorausgesetzt sie finden zueinander. Aber ist langsam entstandene Liebe zwangsläufig die bessere?

Studie untersucht das Kennenlernen von Paaren

Wer sich einige Zeit auf den verschiedenen Portalen des virtuellen Datingmarkts herumgetrieben hat, der weiß: Jeder Mensch ist auf der Suche nach einem vergleichbaren Gegenstück. Deshalb erscheint es nur logisch, dass meistens Menschen mit ähnlich hoher Attraktivität, vergleichbarem sozialen Status und ähnlichem Bildungsniveau zusammenfinden. Frei nach dem Motto: Gleich und gleich gesellt sich gern.

Dass dieses Datingverhalten aber nicht unbedingt zum Erfolg führt, wurde nun auch wissenschaftlich belegt. In einer Studie mit 167 Paaren verglichen Forscher der University of Texas in Austin die Liebe auf den ersten Blick mit dem Konzept Slow Love. Die Paare wurden, für jeden Partner einzeln betrachtet, von einer unabhängigen Jury auf ihre Attraktivität hin bewertet. Einige der Paare waren bereits seit fünf Jahrzehnten verheiratet, andere erst ganz frisch zusammen. Manche hatten ihr erstes Date sehr schnell, bei anderen entwickelte sich die romantische Beziehung erst viel später.

Dabei fiel auf, dass die Attraktivität der Partner, die recht schnell nach dem Kennenlernen miteinander ausgingen, sehr ähnlich war. Bei Paaren, die vorher befreundet waren, unterschieden sich die Paare hinsichtlich ihres Aussehens jedoch stark. Diese Erkenntnis passt zum Slow-Love-Konzept: Die Wahrnehmung von Menschen, die wir als potenzielle Partner einstufen, verändert sich, wenn man viel Zeit mit ihnen verbringt.

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Gemeinsame Interessen und Humor werden wichtiger

Die Ergebnisse der texanischen Studie stützt auch eine Umfrage der Anthropologin Helen Fisher vom amerikanischen Kinsey Institute. Gemeinsam mit dem Datingportal Match.com führt sie jährliche Umfragen unter den amerikanischen Singles durch. Die aktuellsten Umfragewerte offenbaren einen erstaunlichen Trend: 59 Prozent der Singles gaben an, sich schon einmal in jemanden verliebt zu haben, den sie anfangs vielleicht nicht attraktiv fanden.

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Als die Teilnehmer danach gefragt wurden, was ihre Gefühle für die Person verändert habe, gaben sie als Gründe zum Beispiel tolle Gespräche, gemeinsame Interessen oder einen guten Sinn für Humor an. Am Glauben, dass Liebe auf den ersten Blick tatsächlich passieren kann, hielten 57 Prozent der befragten Singles fest. Trotzdem war die Mehrheit der Befragten (73 Prozent) davon überzeugt, dass Liebe Zeit braucht.

Die späten Gefühle sind stärker

Dabei ist das Phänomen der langsamen Liebe eigentlich kein neues. Immerhin fast die Hälfte aller Beziehungen entsteht am Arbeitsplatz. Es beginnt eigentlich immer mit einem freundschaftlichen Verhältnis, aber über die Zeit lernt man den anderen besser kennen. Man weiß, wie sich dieser Mensch anderen gegenüber verhält, was ihn zum Lachen bringt und wie er seine Feierabende verbringt.

Aus dieser gewonnenen Vertrautheit steigt allmählich die wahrgenommene Attraktivität des anderen. Die Gefühle entwickeln sich auf diese Art langsam, aber dafür heftig. Das ist es wahrscheinlich, was Slow Love am besten beschreibt.

Hat Slow Love eine reelle Chance?

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Besonders das Umfeld reagiert oft mit Skepsis auf einen ungleichen Partner. Häufig meinen sie es nicht einmal böse, sondern wollen ihre Freunde einfach vor einer Enttäuschung bewahren. Deshalb muss man in so einem Fall die kritischen Fragen von der Familie oder dem Freundeskreis ignorieren. Denn sie erkennen das Potenzial einer auf den ersten Blick ungewöhnlichen Liebe oftmals nicht.

Auch die Statistik gibt Slow Love recht: Menschen, die sich mit der Partnersuche Zeit lassen und sich nicht voreilig binden, heiraten im Schnitt später. In Deutschland bedeutet das mit Mitte 30. Dafür halten diese spät geschlossenen Ehen, bei denen die Liebe langsam wächst, laut Statistischem Bundesamt länger und werden seltener geschieden.

Ein großer Altersunterschied, gegensätzlicher Charakter, unterschiedliche Attraktivität oder ein weniger gebildeter Partner muss deshalb kein K.-o.-Kriterium für die Liebe sein. Denn sich zu verlieben ist einfach – richtige Liebe muss erst entstehen.