Sex während der Periode: Woher das Tabu kommt – und weshalb es unbegründet ist

  • Nur jede und jeder Sechste hat Sex, wenn die Frau gerade menstruiert.
  • „Die Verbotsmoral früherer Jahrzehnte und die sexuelle Revolution sind noch nicht lange genug her“, sagt Sexualtherapeutin Ann-Marlene Henning; Tabus aufzubrechen würde noch dauern.
  • Aus medizinischer Sicht spricht nichts dagegen, miteinander zu schlafen, wenn die Frau ihre Periode hat.
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„Sex während der Periode ist nicht unnormal, pervers oder schmutzig”, sagt Frauenärztin Gisela Gröschl. Doch derlei Vorurteile sind weitverbreitet. Nur ein Sechstel schläft mit einem anderen Menschen, wenn die Frau gerade menstruiert. Das geben die Teilnehmenden des Sexreports von Amorelie an.

Miteinander schlafen während der Menstruation gilt noch immer als Tabu. „Blut bedeutet doch eigentlich eine Wunde. Menschen verbinden damit Schmerzen und das Sterben“, sagt Sexualtherapeutin Ann-Marlene Henning. Doch mit Verletzungen hat die Periode nichts zu tun. „Das Menstruationsblut ist eine einen Zyklus alte Schleimhaut, die abgeblutet wird“, erklärt Frauenärztin Gröschl.

Sexualtherapeutin Ann-Marlene Henning spricht auch im RND-Podcast „Ach, komm!“ über Liebe und Sex. © Quelle: Gunnar Meyer
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Mehr Lust oder Schmerzen – es gibt keine einheitlichen Reaktionen

Medizinische Gründe gegen Sex während der Periode gibt es laut ihr nicht. „Natürlich ist Blut nicht keimfrei. Das Risiko sexuell übertragbarer Krankheiten könnte steigen, wenn bei kurzen Bekanntschaften keine Kondome benutzt werden”, warnt die Gynäkologin, die auch als Beraterin bei Pro Familia in Berlin arbeitet. Doch bei One-Night-Stands nutzten die meisten Menschen sowieso welche.

Wie Frauen körperlich auf Sex während der Menstruation reagieren, sei ganz unterschiedlich. „Einigen hilft Sex gegen Beschwerden wie Krämpfe, andere lassen ihn genau deshalb”, erklärt Gröschl. Manche verspürten während der Periode mehr Lust und würden intensivere Orgasmen erleben. Bei anderen ändere sich gar nichts.

„Die Menstruation ist ein Tabuthema“

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Was die monatliche Blutung im Regelfall jedenfalls zeigt: Der Zyklus verläuft normal, und die Frau ist fähig, schwanger zu werden – übrigens auch während ihrer Periode. Die Ekelgefühle, die der Gedanke an Sex während der Menstruation bei manchen Menschen erzeugt, fußen nicht auf wissenschaftlichen Fakten. Ihr Ursprung findet sich in kulturellen Vorstellungen des weiblichen Zyklus.

„Ich glaube, dass die Menstruation an sich ein Tabuthema ist”, sagt Franka Frei, Autorin des Buches „Periode ist politisch“. Außerdem solle man die monatliche Blutung nicht nur im sexuellen Kontext betrachten. Wenn in der Arbeitswelt Männer als Norm gelten, könne das für Frauen in der Menstruation problematisch sein. Ein Beispiel: Wen die Ärztin wegen Unterleibskrämpfen regelmäßig krankschreiben muss, der könnten berufliche Nachteile drohen.

Periodenblut gegen Hexen

Ob in der Arbeitswelt oder beim Sex, die Periode gilt so manchem als notwendiges Übel. Daran hat sich seit Jahrtausenden kaum etwas geändert. In der Antike sahen einige männliche Philosophen das Menstruationsblut als Beweis dafür an, dass der Körper der Frau dem des Mannes gegenüber minderwertig wäre. „Wenn eine Frau ihren Blutfluss hat, so soll sie sieben Tage für unrein gelten. Wer sie anrührt, der wird unrein bis zum Abend”, steht in der Bibel im dritten Buch Mose. Damit tabuisierte bereits das alte Judentum Sex während der Periode. Damals bezog sich das Tabu allerdings auch auf die während der Menstruation angenommen höhere Infektionsgefahr der Frauen im heißen Nahen Osten.

Über die Jahrhunderte hat es allerhand Aberglauben rund um den weiblichen Zyklus gegeben. Wie das Wissenschaftsmagazin Quarks & Co. berichtet, glaubten Menschen zur Zeit des Römischen Reichs, menstruierende Frauen würden den Wein verderben und das Saatgut unfruchtbar machen. Gleichwohl nutzte man Periodenblut später als Zutat für obskure Liebeszaubermixturen und strich es auf Türpfosten, um Hexen fernzuhalten.

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Angst vor Blut ist erlernt

Bis heute ist die Monatsblutung stigmatisiert. „Wir haben gelernt, dass Menstruation etwas ist, das wir in jedem Augenblick unseres Lebens unsichtbar machen sollten”, sagt Autorin Frei. Tampons übergeben sich Frauen im Büro diskret unter dem Tisch. In der Werbung wird eine blaue Flüssigkeit auf Binden gekippt, um zu zeigen, wie saugfähig sie sind. Slipeinlagen sind parfümiert, damit sie angeblich störende Körpergerüche übertünchen. „Viele junge Frauen wollen ,clean’ sein und überall rasiert. Da passt das Blut nicht hin”, fügt Frauenärztin Gröschl hinzu.

Franka Frei hat das Buch „Periode ist politisch“ geschrieben. © Quelle: Tibor Bozi/Random House

Es wird deutlich: Seine Tage oder sonstigen Ausfluss zu haben scheint in der Gesellschaft als etwas Negatives wahrgenommen zu werden. Es überrascht also nicht, dass 37 Prozent der befragten Frauen im Sexreport von Amorelie angeben, Sex während ihrer Tage unhygienisch zu finden. „Sexualität ist nicht angeboren, man lernt sie. Je nachdem, wie da das Skript bei jedem Menschen entwickelt ist, wird auf Empfindungen und Äußerungen reagiert”, sagt Sexualtherapeutin Henning. Wer Periodenblut eklig findet, dem sei das beigebracht worden. Kleinere Kinder würden damit erst einmal nichts Schlechtes verbinden. „Wir lernen, Angst vor Blut zu haben”, erklärt sie.

Weibliche Lust in unserer Kultur

Keinen Sex während der Periode haben zu wollen sei aber natürlich völlig okay. „Du brauchst allerdings immer zwei Menschen, die damit kein Problem haben”, sagt Henning. Sex während der Menstruation nicht zu mögen sei genauso, wie mit Oralsex oder intensiven Zungenküssen nichts anfangen zu können. „Gegen mögliche Ekelgefühle könnte eine Sexualtherapie helfen. Aber warum sollte das nötig sein? Dann hat man halt erst Sex nach den Tagen”, rät die Expertin. Außerdem: Vaginaler Sex ist nur eine Spielart von vielen.

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Neben Ekel spielt auch Scham eine Rolle. „Die Verbotsmoral früherer Jahrzehnte und die sexuelle Revolution sind noch nicht lange genug her, um tiefgreifende Veränderungen durch alle Generationen gebracht zu haben”, sagt die Sexualtherapeutin. Heißt: Wir sind im Fühlen noch nicht so frei wie im Denken. Kein Wunder, denn zum Teil noch bis in die 1950er-Jahre klassifizierten Wissenschaftler Menstruationsblut als giftig.

„Weibliche Lust hat in unserer Kultur und Gesellschaft keinen hohen Stellenwert”, sagt Autorin Frei. Dem Mann werde die aktive Rolle zugeschrieben und der Frau die passive. „Sie soll sich anpassen: keine eigenen Wünsche äußern und eben auch keine Körperflüssigkeiten von sich geben”, erklärt sie. Frauen hätten gelernt, sich vor ihrem eigenen Körper zu ekeln. „Sich davon frei zu machen, ist ein ganz schön gutes Gefühl und fördert das Selbstbewusstsein.”



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