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Moralische Werte auf dem Prüfstand

„Wie das Verlieren einer Sprache“: Wer trauert, darf keinen Sex haben – oder doch?

In dem Moment, in dem in einer Beziehung ein Partner stirbt, fehlt nicht nur das Gegenüber, mit dem man sich am Frühstückstisch unterhalten kann. Es fehlt auch der Körper im Bett neben einem.

In dem Moment, in dem in einer Beziehung ein Partner stirbt, fehlt nicht nur das Gegenüber, mit dem man sich am Frühstückstisch unterhalten kann. Es fehlt auch der Körper im Bett neben einem.

Münster. Auf einmal ist er nicht mehr da, der Mensch, dessen Fältchen und Muttermale man in- und auswendig kannte. Dessen Geruch man liebte. Haut auf Haut, Intimität, zerwühlte Bettlaken: Das alles gibt es nun nicht mehr. Was bedeutet es für die eigene Sexualität, wenn der oder die Liebste verstorben ist? Der Seelsorger und Theologie-Professor Traugott Roser aus Münster erklärt im Interview, warum es keinesfalls abstrus ist, wenn sich in Zeiten der Trauer die Libido regt.

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Herr Roser, warum ist Sex in Zeiten der Trauer so ein großes Tabu-Thema?

Das hat mit traditionellen Vorstellungen zu tun, wie Trauer zu sein hat. Die haben wir auch in unserer Kultur, etwa die Vorgabe eines Trauerjahres, in dem ein Witwer oder eine Witwe sich schwarz kleidet. Und damit über die Kleidung signalisiert: Ich bin nicht verfügbar. Beim Trauerjahr muss man auch den Ursprung beachten. Da ging es früher auch um potenzielle Kinder, die noch auf die Welt kommen könnten. Da musste klar sein, ob sie Ansprüche auf das Erbe der verstorbenen Person haben.

Ein anderer Punkt: Viele Menschen haben das Bild im Kopf, dass die Trauer um einen Menschen auch ein Ausdruck der Qualität der Liebe ist. Dann ist die Dauer der – auch sexuellen – Treue ein Beleg für die Tiefe der Liebe. Oder andersherum: Wer bald mit jemand anderem flirtet oder knutscht, hat die verstorbene Person wohl nicht wirklich geliebt.

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Traugott Roser ist Seelsorger mit Schwerpunkt Palliativpflege und Professor für Praktische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Traugott Roser ist Seelsorger mit Schwerpunkt Palliativpflege und Professor für Praktische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Was bedeutet es für die eigene Sexualität, wenn man den Partner oder die Partnerin verliert?

Sexualität ist ein Ausdruck des Menschseins. Und dabei geht es nicht nur um Geschlechtsverkehr. Auch Berührungen, Streicheln, Sinnlichkeit gehören dazu. In dem Moment, in dem in einer Beziehung ein Partner stirbt, fehlt nicht nur das Gegenüber, mit dem ich mich am Frühstückstisch unterhalten kann. Es fehlt auch der Körper im Bett neben mir. Der Körper ist schließlich gewohnt, mit dem anderen in Kontakt zu bleiben. Wenn einer von beiden stirbt, reißt diese Kommunikation ab. Aber natürlich sind sexuelle Erregung und Bedürfnisse immer noch vorhanden. Allerdings gehen sie ins Leere. Das ist für viele Trauernde ein sehr schmerzhafter Prozess. Es ist wie das Verlieren einer Sprache.

Die sexuellen Bedürfnisse bleiben. Nach einer gewissen Zeit fühlt man sich womöglich bereit, sich auf eine neue Person einzulassen. Das ist anfangs emotional nicht einfach, oder?

In Untersuchungen erzählen Betroffene, dass das mit Scham besetzt ist. Dass es ganz schwierig ist, mit jemandem auch darüber zu reden. Es ist schon für sich selber schwierig wahrzunehmen: „Ich habe noch sexuelle Bedürfnisse, aber jetzt ist doch mein Partner vor nicht allzu langer Zeit gestorben. Wie kann denn das sein?“ Es ist ein Widerspruch der Gefühle – und der ist für Betroffene schwer auszuhalten. Dazu kommt: Trauer würfelt den gesamten Körper durcheinander. Auch den Hormonhaushalt. Und in dem Zusammenhang kann es eben auch zu einer auffallenden sexuellen Bedürftigkeit oder Gefühlen kommen, bei denen man gar nicht weiß, wie man mit ihnen umgehen soll.

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Was genau macht es so schwer, damit umzugehen?

Vielen Menschen fehlt die Sprache dafür. Sie haben nie gelernt, über Sex zu sprechen. Wie formuliere ich das, was mich da beschäftigt oder auch verwirrt, jemand anderem gegenüber? Und natürlich auch: Wem kann ich davon überhaupt erzählen? Den Kindern etwa kann man es meistens nicht sagen, mit denen hat man schließlich auch nicht über den Sex mit dem verstorbenen Partner oder der Partnerin gesprochen.

Wenn die Betroffenen über ihre Gefühle und Gedanken sprechen, ist also viel gewonnen. Wie verhalten sich Außenstehende dann am besten?

Als Außenstehender ist das Wichtigste, dass man dem Trauernden signalisiert, dass diese Empfindungen völlig normal sind. Daran ist nichts abstrus. Nicht direkt nach dem Tod, aber nach einer Zeit kann man fragen: „Wie geht es dir mit deiner Trauer, mit dem körperlichen Vermissen, mit dem leeren Bett? Magst du reden?“ Lassen sollte man Aussagen wie „Findest du das nicht ein bisschen früh?“, wenn es jemanden Neuen gibt, mit dem die trauernde Person sich trifft. Es ist wichtig, nicht direkt in die Bewertung zu gehen, in einen kritischen Unterton.

Bessere Alternativen sind Sätze wie „Was müsste passieren, damit es für dich ein schöner Abend wird, wenn du heute mit jemandem ausgehst? Wovor hast du Angst?“ Es ist wichtig, offen zu sprechen – ohne Urteil. Was nicht gut ist, sind Regeln. Auch umgekehrt, im Sinne von „Was, du trägst immer noch Schwarz?“ oder „Es wird Zeit, dass du mal wieder unter die Leute gehst“. Das ungefragt und aus dem Bauch heraus zu sagen, ist wenig einfühlsam und gar nicht hilfreich.

RND/dpa

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