Gegen Einsamkeit in Corona-Zeiten: Ist ein „Sexbuddy“ für Singles eine gute Idee?

  • Der Teil-Lockdown ist da – und stellt für viele Singles erneut vor die Herausforderung, weitestgehend ohne Dates auszukommen.
  • Datingexperte Horst Wenzel hält die Idee eines „Sexbuddys“ für sinnvoll – also einem einzigen, festen Sexpartner in Corona-Zeiten.
  • Doch die Herausforderung einer „Freundschaft Plus“ besteht darin, dass einer der Partner möglicherweise irgendwann mehr möchte als der andere.
Ben Kendal
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Aufregende Dates, heiße Flirts in der Bar und Sex mit neuen Bekanntschaften: All das erweist sich in Zeiten der Pandemie wegen Kontaktbeschränkungen, geschlossener Einrichtungen und der Infektionsgefahr für Singles als schwierig. Das hat auch Datingexperte Horst Wenzel in den vergangenen Monaten in seiner „Flirtschule“ genau beobachten können. „Einsamkeit ist ein großes Problem in dieser Pandemie – das spiegelt sich auch stark in Anfragen wider, die uns erreichen. Die Menschen, die vorher schon einsam waren, sind jetzt noch einsamer“, sagt er. Mit dem zweiten Teil-Lockdown dürfte sich die Situation vieler Alleinstehenden nun verschärfen.

„Sexbuddy“: Intimität trotz Kontaktbeschränkungen

Das Dilemma ging in den vergangenen Monaten auch an Regierungen aus aller Welt nicht vorbei. Schließlich sind sie sich des starken Verlangens nach Intimität, aber auch der Gefahr bewusst, dass sich Singles aus Frust trotz Pandemie mit vielen anderen verabreden – und somit möglicherweise sich oder auch andere mit dem Coronavirus infizieren.

Die argentinische Regierung sprach daher eine Empfehlung aus, die Intimität trotz Social Distancing möglich machen soll: Sie riet ihren Bürgern zu Videosex in der Corona-Krise. Die niederländische Gesundheitsbehörde ging einen Schritt weiter und schlug Alleinstehende einen „Sexbuddy“ vor. Die Idee dahinter: Singles haben während der Krise nur mit einem einzigen Partner Sex, ohne aber in einer festen Beziehung mit ihm sein zu müssen. Intimität und Kontaktminimierung wären für Singles somit miteinander vereinbar. Doch ist ein „Sexbuddy“ wirklich die richtige Lösung für Singles?

Flirtcoach: Freundschaft Plus ein „gutes, akzeptiertes Beziehungsmodell“

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„Solche Empfehlungen von staatlicher Seite mögen einem natürlich erstmal seltsam vorkommen, doch ich finde sie sehr wichtig. Eine ‚Freundschaft Plus‘ ist sehr sinnvoll‘“, sagt Datingexperte Wenzel. Denn das Verlangen nach Sex lasse sich durch die Krise nicht einfach abstellen. „Man möchte auch in solchen Zeiten nicht nur den digitalen Kontakt zu anderen haben, sondern menschliche Haut spüren“, betont er.

Unter „Freundschaft Plus“ versteht man eine Art Zwischenstufe zwischen einer festen Beziehung und einer rein sexuellen Affäre. Eine so unverbindliche Beziehung zu haben, ist für viele Singles jedoch nicht selbstverständlich. Nach wie vor gilt in der Gesellschaft eine feste Beziehung als ideal. Jedoch stößt die Idee zunehmend auf Akzeptanz. „Früher war eine Freundschaft Plus verpönt, doch da hat es einen moralischen Wechsel gegeben. Inzwischen ist es ein gutes, akzeptiertes Beziehungsmodell“, sagt der Flirtcoach. Dazu trügen beispielsweise auch Filme und Serien bei, die solche Partnerschaften vorlebten.

Bereitschaft für Sex nach dem ersten Date in Pandemie gestiegen

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Wenzel hat durch die Datingerfahrungen seiner Kunden in Pandemiezeiten jedoch festgestellt, dass die Bereitschaft vieler Singles für Sex gestiegen ist. „Die Quote, nach dem ersten Date ins Bett zu springen, ist aktuell definitiv höher. Das ist auch an dem Mangel an Nähe und Berührung in den vergangenen Monaten zurückzuführen“, sagt er. Viele Dates seien nach einem solchen oder so ähnlichen Muster abgelaufen: Erst wird sich auf Abstand begrüßt und irgendwann nach dem Spazieren setzen sich dann beide auf die Bank. Wenn das Date gut läuft, trete dann häufig der „Jetzt-Ist-es-auch-egal-Effekt“ – wie ihn Wenzel nennt – ein. Das Virus wird plötzlich egal – und beide küssen sich. Wenn sie diesen Schritt gehen, landen sie auch schneller im Bett, wie der Experte erzählt. „Das ist wegen der Infektionsgefahr sicherlich nicht ganz ungefährlich“, aber es zeige, wie sehr sich viele Menschen sich nach Flirts und Sex sehnten.

In Deutschland gilt im aktuellen Teil-Lockdown bis Ende November die Zwei-Haushalte-Regel. Das heißt, dass sich im öffentlichen Raum nur Menschen aus zwei Haushalten miteinander treffen können, wobei maximal zehn Personen zusammenkommen dürfen. In den meisten Bundesländern wird diese Regelung auch auf den privaten Raum ausgeweitet. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) rief eindringlich dazu auf, Kontakte auf „ein absolut notwendiges Minimum“ zu beschränken. Auch wenn es also in der Theorie möglich ist, sich mit mehreren Menschen zu Dates zu verabreden – solange die einzelnen Treffen auf maximal zwei Haushalte begrenzt sind –, wird im Sinne der Empfehlung der Regierung dringend davon abgeraten, sich während der Pandemie mit zu vielen Menschen zu treffen.

Suche nach „Sexbuddy“ nicht immer einfach

Wer online auf der Suche nach einem „Sexbuddy“ ist, muss jedoch mutig sein. Wenzel berichtet, dass die wenigsten Menschen offen auf ihrem Profil in einem Datingportal zugeben, dass sie an so etwas interessiert sind. Das sei besonders bei Frauen oft der Fall, da sie Angst davor hätten, abgestempelt zu werden. Dates könne man so auslegen, dass man auf eine Freundschaft Plus hinsteuere.

Problem: Einer will Beziehung, der andere nicht

Doch eine Freundschaft Plus bringt auch einige Herausforderungen mit sich: „Schwierig wird es dann, wenn einer eine Beziehung haben möchte, der andere es aber weiterhin offen und locker haben möchte. Aber auch das gehört dazu: Wer lieben will, muss mutig sein“, sagt der Flirtexperte. Das gilt auch für langjährige Freunde, die eine Freundschaft Plus ausprobieren wollen. „Wenn aus Freunden ‚Sexbuddys‘ werden, kann das natürlich die Freundschaft zerstören“, so Wenzel. Andersherum könne von einer Freundschaft Plus irgendwann auch das Plus gestrichen werden – und man bleibe befreundet. Nicht selten mündet eine Freundschaft Plus aber auch in eine Beziehung oder sogar in eine Ehe, betont Wenzel.

Pornhub, Sexspielzeug und Tinder: Wie Singles durch die Krise kommen

Dass viele Singles in den vergangenen Monaten ohne Sex mit anderen auskommen mussten – dafür gibt es mehrere Hinweise. Seit Beginn der Pandemie sind etwa die Zugriffsraten auf pornografischen Webseiten wie Pornhub rasant gestiegen – vor allem im Frühjahr. Mitte März stieg der weltweite Verkehr der Webseite um 11,6 Prozent. Auch Sexspielzeuge haben sich besonders gut verkauft, wie Onlineerotikshops wie „Eis.de“ berichten. „Klar müssen sich Singles während des Lockdowns im Notfall auch selbst behelfen. Langfristig ist das aber kein Ersatz für Sex mit anderen“, sagt Wenzel.

Selbst Dating-Apps wie Tinder verzeichneten in den ersten Monaten der Pandemie steigende Nutzungszahlen – und das trotz Kontaktbeschränkungen. Das Problem: „Die Chats, die sich eigentlich zu Treffen entwickeln sollten, werden durch die Krise nur noch endloser als sie vorher schon waren. Daran verzweifeln viele Singles“, bedauert der Flirtcoach.

Belgische Regierung empfiehlt einen „Knuffelcontakt“

Während die niederländische Regierung einen Sexbuddy empfahl, riet das Nachbarland Belgien lediglich zu einem „Knuffelcontakt“ (zu Deutsch: „Kuschelkontakt“). Sprich: Jeder Bürger sollte außerhalb der eigenen vier Wände nur noch einen einzigen Besucher pro Woche empfangen, mit dem er kuscheln oder den er umarmen kann. Singles, so die Empfehlung, dürfen sogar zwei Kontakte empfangen – allerdings nur einen davon umarmen.


“Staat, Sex, Amen”
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