Selbstversuch als Prostituierte: “Wir wurden wie Rockstars begrüßt”

  • Die französische Schriftstellerin Emma Becker hat zwei Jahre lang für ihr Buch “La Maison” im Selbstversuch in einem Berliner Bordell gearbeitet.
  • Im Interview spricht die 31-Jährige ungewöhnlich offen über ihre Erfahrungen.
  • Sie erzählt, wie ihr erstes Mal als Prostituierte war – und was Sexarbeit mit der Lust am privaten Sex macht.
Jutta Rinas
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Frau Becker, Sie sind Schriftstellerin und haben zwei Jahre lang für ein Buch im Selbstversuch als Prostituierte in einem Berliner Bordell gearbeitet. Wie kamen Sie auf diese Idee?

Das war eine Mischung aus verschiedenen Dingen. Mich hat die Welt der Bordelle immer fasziniert. In Frankreich ist sie ein wichtiger Teil der Literatur. Dazu bin ich Schriftstellerin, ich habe aber nie mit dem Schreiben mein Geld verdient, sondern immer nebenbei gearbeitet, als Kellnerin, als Floristin. Als ich mit meiner Schwester 2013 nach Berlin zog, kam mir die Idee, ein Buch über einen Puff zu schreiben. In Frankreich wissen wir nicht viel darüber, Prostitution ist seit 1946 verboten. Es war ein perfekter Deal: Ich konnte mich selbst dafür bezahlen, das Buch zu schreiben.

Sie hätten auch Prostituierte befragen können, Zuhälter. Warum wollten Sie selbst als Hure arbeiten?

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Diese Frage wird mir immer wieder gestellt. Dabei ist es doch ganz einfach. Wenn jemand ein Buch über Mathematik schreibt, wird er auch so tief wie möglich in die Welt der Mathematik einsteigen – und niemanden wird es wundern. Ich wollte ein ehrliches Buch schreiben. Ich glaube nicht, dass man versteht, was der Beruf der Hure mit einem macht, wenn man sie interviewt. Dafür muss man in dem Beruf arbeiten.

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Sie haben schon vorher ein sexuell sehr freizügiges Leben gelebt. Ihre Lust richte sich nicht auf einen Mann, sondern auf die Gesamtheit der männlichen Art, heißt es in “La Maison”. Was bedeutet das konkret?

Ich hatte immer viel Lust auf Männer. Ich habe nie versucht, mir das zu erklären, das ist für mich einfach stimmig. Wäre ich ein Mann, würde das niemanden besonders interessieren. Bei Frauen wird so eine Haltung aber immer gleich als merkwürdig, ja pathologisch empfunden. Ich denke aber, ich habe denselben Anspruch auf Freiheit, Freizügigkeit, wie Männer auch.

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Für viele Frauen ist käuflicher Sex eine Grenze, die sie nie überschreiten würden. Gab es sie für Sie überhaupt?

Es gibt so viele Männer, die sich in der Liebe wie Kunden benehmen. Da ist es doch besser, wenn man sich gleich bezahlen lässt...

Wieso?

Nehmen wir die Ehe. Es gibt so viele Ehefrauen, für die Sex auch Dienstleistung ist. Sie geht ins Bett, will schlafen, aber der Typ gibt keine Ruhe. Da denkt sie, okay, ich zwinge mich für fünf Minuten. Dann habe ich eine ganze Woche Ruhe. Im Bordell würde sie bezahlt, das ist eigentlich gerechter.

Wie war Ihr erstes Mal als Prostituierte?

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Das hatte ich mit 19 in Frankreich. Ich wollte mein Taschengeld aufbessern, außerdem hat mich das verbotene Spiel gereizt. In Frankreich findet Prostitution sehr versteckt statt. Ich war selbst überrascht, aber ich habe mich nicht schmutzig gefühlt.

Emma Becker: “La Maison”. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz. Rowohlt Verlag. 384 Seiten, 22 Euro. © Quelle: Pascal Ito / Flammarion

Verraten Sie, wie teuer Sie später im La Maison waren?

Nein. Vielleicht findet man die Preise noch im Internet. Ich kann sagen, ich war billiger, als ich mich schätzte. Aber dafür hatte ich gute Bedingungen. Ich konnte Nein sagen, wenn mir ein Kunde nicht gefiel, ich konnte absagen, wenn ich mich nicht nach Arbeit fühlte. Es gehörte zum La Maison, dass man sich wohlfühlt, dass der Hure Respekt, Menschlichkeit entgegengebracht wird. Für mich war es ein Luxus, nur ein-, zweimal in der Woche arbeiten zu müssen, statt als Kellnerin jeden Tag.

Gab es Praktiken, die Sie verweigert haben?

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Ich wollte nie zu lange Zeit mit einem Freier verbringen. Eine ganze Nacht wie ein Escortgirl hätte ich nicht gewollt, obwohl man da viel besser verdient. Manchmal brachten Businessmen ihre Kumpels mit. Das wollte ich auch nicht. Sonst war alles eine Frage der Sympathie.

Sie schreiben, Prostituierte hätten bei ihrer Arbeit die totale Kontrolle, ließen sich keinen Moment durch Gefühle ablenken. Wie geht das, wenn Sie den Mann riechen, schmecken, hören, sogar in sich fühlen?

Das geht natürlich nicht immer. Aber Sexarbeit ist Arbeit. Es spielt keine Rolle, ob der Freier schön oder hässlich ist. Bei einem hässlichen ist es sogar einfacher. Da kann man sich ganz auf die Arbeit konzentrieren. Bei einem schönen denkt man vielleicht doch, wie wäre es gewesen, wäre man ihm woanders begegnet.

Sie schreiben sogar, ein Penis löse weniger Entsetzen aus, als manches Gesicht. Wie meinen Sie das?

Am Ende steckt man die Freier doch in ein und dieselbe Kiste. Man sieht nicht wirklich wie sie aussehen. Sie sind alle ein bisschen gleich. Riecht er gut, behandelt er mich respektvoll, hat er geduscht? Diese Dinge sind für eine Hure wichtig.

Sie behaupten, dass Prostituierte bei der Arbeit sogar Orgasmen haben.

Zunächst einmal ist es sehr einfach, Männern einen Orgasmus vorzuspielen. Im Puff ist das Teil des Jobs. Aber Huren haben auch Orgasmen. Man hat vier, fünf Freier am Tag und dann ist da vielleicht ein Typ, bei dem im Kopf etwas stattfindet, da sind Körper und menschliche Nähe nicht völlig getrennt. Wenn er mich richtig anfasst, verspüre ich vielleicht Lust und komme.

Ex-Prostituierte werfen Frauen wie Ihnen vor, dass Sie eine romantisierende Vorstellung von Sexarbeit verbreiten. Die Realität sei von Gewalt, Drogen, Abhängigkeit geprägt.

Diese Realität gibt es auch. Aber in meinem Haus nicht. Die Chefin wusste, das ist ein Beruf, in dem man sich nicht zwingen darf. Wir wurden, wenn wir kamen, wie Rockstars begrüßt. Man lag auch nicht den ganzen Tag auf dem Bett und wurde von Männern bestiegen. Sexarbeit ist ein Beruf, in dem man sich sehr viel bewegt, eine Mischung aus Therapie, Fitness und Massage.

Was macht Sexarbeit mit der Lust am eigenen Sex?

Das ist natürlich kompliziert, für meine Kolleginnen noch viel mehr als für mich. Ich bin ja im Hauptberuf Schriftstellerin und war nicht jeden Tag im Bordell. Wenn eine Hure nach der Arbeit nach Hause kommt, dann ist da vielleicht der Freund und hat ganz normal Lust. Die eigene Lust ist nach vier, fünf Freiern aber ein bisschen betäubt. Man möchte viel lieber auf der Couch liegen und eine Sendung “Game of Thrones” anschauen. Da muss jede Frau einen eigenen Rhythmus finden, wann es mit privatem Sex passt.

Was suchen Männer, die Sex kaufen?

Viele denken, sie suchen nur Sex. Aber oft stimmt das gar nicht. Nach 14 Minuten ist der Sex erledigt und sie bleiben, wollen angeguckt, bekuschelt werden. Es gibt eine Riesenzahl von Freiern, die einsam sind und einfach keine andere Möglichkeit finden, Sex und Nähe mit Frauen zu haben.

Was war Ihre schlimmste Erfahrung?

Ein Freier, der gar keinen Sex wollte. Er kam sehr spät als ich schon müde war, und er hat mir in jeder Minute seinen Willen aufgedrückt, mich zum Beispiel gezwungen, Kokain zu nehmen. Ich hatte in jenem Bordell, im Coco, keine Unterstützung vom Chef. Ich wusste, ich konnte nicht Nein sagen, auch wenn er am Ende nur redete. Da habe ich mich dreckig gefühlt. Es ist für mich okay, für Sex bezahlt zu werden. Aber behandelt zu werden wie eine Puppe, das war bitter.

Ein Freier hat Sie, ohne es abzusprechen, geschlagen. Das fanden Sie nicht so schlimm?

Ich hatte auch Kunden, die mich beim Sex brutal behandelt haben. Aber ich wollte Männern nie diese Macht geben, mir mit ihrem lächerlichen Schwanz wirklich wehtun zu können. Man hat mal guten Sex, mal schlechten Sex, am Ende bleibt es immer eine Geschichte, aus der man lernen kann. Mein Leben zerstört es nicht. Das ist meine Haltung.

Die Schriftstellerin Nora Bossong ist für einen Reportageband ebenfalls tief ins Erotikgewerbe eingetaucht. Sie beschreibt, mit welchen erschütternden Zumutungen Prostituierte leben müssen. Ein Mann bezahlt eine Frau dafür, mit aller Gewalt ihren Mund zu penetrieren, so schmerzhaft, dass sie fast das Bewusstsein verliert. Solche Szenen gibt es bei Ihnen kaum. Warum?

Ich verstecke die Gewalt nicht, auch nicht die Momente, in denen ich mich traurig oder einsam gefühlt habe. Aber in meinem Bordell waren sie die Ausnahme. Die größte Gewalt, die man Huren antut, ist aus meiner Sicht übrigens das Stigma, mit dem man sie umgibt. Dass sie sich immer rechtfertigen müssen, dass die Gesellschaft sie verachtet. Hätte ich auf der Straße gearbeitet oder in einem riesigen Laufhaus wäre das sicher anders gewesen.

Sie haben mittlerweile einen dreijährigen Sohn und arbeiten als Kellnerin. Warum haben Sie aufgehört, als Prostituierte zu arbeiten?

Weil das Haus zugemacht hat. Ich war neben dem Schreiben schon Kellnerin, Floristin, habe Künstlern Modell gestanden. Der Beruf der Hure war der erste, in dem ich jeden Tag neugierig darauf war, was wohl passiert. Wenn das Haus nicht zugemacht hätte, wäre das Aufhören sicher komplizierter geworden.

“Staat, Sex, Amen”
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