Selbstreflexion ist gefragt: Warum wir die Schuld nicht beim anderen suchen sollten

  • Menschen neigen in Konfliktsituationen häufig dazu, die wahre Ursache eines Problems nicht weiter zu hinterfragen.
  • Häufig suchen wir die Schuld bei jemand anderem.
  • Um das Positive richtig erleben zu können, müssen wir uns aber auch mit Negativem auseinandersetzen, meint Paartherapeut Christian Hemschemeier.
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Immer wieder werde ich gefragt, wie ich auf die Themen für meine Artikel stoße. Die Antwort ist einfach. Ich gehe mit offenen Augen und offenem Herzen durch die Welt. Denn nicht nur meine Paare in der Paartherapie haben Themen, die sie belasten. Jeder von uns trägt Herausforderungen mit sich herum, die es zu bewältigen gilt.

Bewusstsein für das Positive und Negative schaffen

Oft denken wir, dass reiche Menschen, Promis, Therapeuten, Psychiater und weitere keine Probleme haben. Das ist natürlich Quatsch. Wir leben in einer Welt der Polaritäten. Um alles erfahren und erleben zu können, muss auch immer das Gegenteil existieren. So gibt es hell und dunkel, Gut und Böse. Das Schöne ist nur erlebbar, wenn wir auch das Schlechte kennen. Das Licht schätzen wir nur, wenn uns die Dunkelheit bekannt ist. Sprich, wir alle – egal ob arm oder reich, ob gebildet oder ungebildet – müssen immer auch das Negative erfahren, um das Positive richtig erleben zu können.

Was hat dies nun alles mit der Überschrift zu tun? Es bedarf eines gewissen Bewusstseins, um den tiefgreifenden Unterschied dieser beiden Begriffe zu verstehen.

Das Bewusstsein auf uns selbst lenken

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Fachlich betrachtet verstehen wir unter einer Projektion, wenn wir unsere eigenen Gefühle und Wünsche auf andere Menschen übertragen. Bei einer Reflexion betrachten wir unsere Handlung oder unsere Gefühle hingegen objektiv und richten unser Bewusstsein auf uns selbst, in uns selbst.

Christian Hemschemeier ist Paartherapeut in Hamburg und Experte in Sachen Dating, Partnerschaft und Liebe. © Quelle: Privat/Patan
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Das mag nun logisch und wenig konfliktreich klingen. Das ändert sich aber ganz schnell, wenn wir die fachliche Ebene verlassen und auf die emotionale (Beziehungs-)Ebene gehen. Hier ein Klassiker: Die Frau ist wütend auf ihren Mann und wirft ihm vor, dass er keine Zeit für sie und die Kinder habe und seine freie Zeit lieber mit seinen Freunden verbringe. Wir gehen nun einfach davon aus, dass dies auch zutreffend ist. Er nimmt sich ab und an diese Freiheit und macht etwas für sich. Seine Frau tut dies jedoch nicht, denn sobald sie sich Zeit für sich selbst nimmt, hat sie ein schlechtes Gewissen. Projektion hieße nun, dass sie ihren Frust an ihrem Mann auslässt und ihm allein die Schuld gibt – ohne zu eruieren, warum sie so wütend ist.

Reflexion hieße hingegen, dass sie ihre Wut hinterfragt und nach der Ursache forscht. Nur durch Reflexion gelingt es uns, den wirklichen Grund für unsere Emotionen zu erforschen und die Themen an ihrem Ursprung zu fassen, um sie so zu heilen. Bei einer Projektion besteht diese Möglichkeit nicht, da wir die Schuld immer nur im jeweils anderen suchen.

Dankbar sein – auch für negative Erfahrungen

Auffallend in diesem Zusammenhang ist, dass Menschen, die sich als durchaus reflektiert ansehen und dies auch so kommunizieren, manchmal diejenigen sind, die lediglich projizieren ohne den Hauch einer Reflexion. Erkennbar sind sie meist daran, dass sie wahnsinnig gut im Verteilen kritischer Anmerkungen sind, im Annehmen hingegen weniger. Darauf angesprochen, sind sie entweder eingeschnappt oder versuchen, die Dinge zu verdrehen. In solch einem Fall haben wir wie immer unterschiedliche Möglichkeiten, um zu reagieren. Entweder wir investieren unsere Energie und versuchen, unserem Gegenüber die Augen zu öffnen. In 99 Prozent der Fälle ist dies jedoch leider vergebens. Die andere Möglichkeit ist, sie als Negativbeispiel zu sehen, um zu erkennen, wie wir nicht sein wollen. Und wir dürfen dankbar sein. Denn in einer Welt der Polaritäten erleben und schätzen wir das Positive nur, wenn wir auch die andere Seite kennenlernen.

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Der Autor und seine Kurse sind zu erreichen über www.liebeschip.de. Sein Buch „Der Liebescode“ ist 2019 im Handel erschienen.

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