Die trügerische Illusion der Zwillingsseelen

  • Eine geradezu mythische Rolle schreiben manche Menschen der sogenannten Seelenverwandtschaft zu.
  • Allerdings tritt dieses Phänomen vor allem in toxischen Beziehungen auf, sagt unser Kolumnist der Paartherapeut Christian Hemschemeier.
  • So bleiben Menschen, die einander nicht gut tun und sich schlecht behandeln, zusammen – in der trügerischen Annahme, füreinander bestimmt zu sein.
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Hannover. Viele Menschen, mit denen ich beschäftigt bin, sind sehr interessiert an dem Thema „Seelenverwandte“, weil sie meinen, auf ein ganz besonderes Gefühl in einem Datingprozess gestoßen zu sein. Es handelt sich dabei häufig um das Gefühl, dass jemand der absolut Richtige für einen ist, das Gefühl tiefer Vertrautheit. Paradoxerweise tritt dieses Gefühl vor allem in sogenannten toxischen Beziehungen auf, also Beziehungen, die voller Bindungsangst beziehungsweise -vermeidung und Manipulation stecken und sich teilweise regelrecht qualvoll gestalten. Leider führen diese Emotionen dann dazu, dass man viel zu lange in diesen Beziehungen bleibt, weil man trotz aller schlechter Behandlung davon ausgeht, füreinander bestimmt zu sein. Dazu ist auf meinem „Youtube“-Kanal der Sinnspruch entstanden „Keine Beziehung fühlt sich so richtig an wie die falsche“.

Frühkindliche Prägungen liegen auf dem „Liebeschip“

Woher kommen nun diese Gefühle? Vertraut finden wir vor allem, was uns bekannt vorkommt. Was kommt uns bekannt vor? Was wir in der Kindheit mit Liebe verknüpft haben, vor allem in der Interaktion mit unserer Familie. All diese Erfahrungen, Erwartungen und Glaubenssätze nenne ich den „Liebeschip“. Wenn wir also einen kühlen, eher abweisenden Vater hatten, liegen leider entsprechende potenzielle distanzierende oder bindungsängstliche Partner voll auf unserem „Liebeschip“.

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Christian Hemschemeier ist Paartherapeut in Hamburg und Experte in Sachen Dating, Partnerschaft und Liebe. © Quelle: Privat/Patan

Das „funktioniert“ aber nur, wenn sie uns gleichzeitig mit meist hohlen Liebesschwüren bei Laune halten. Wenn wir aber eine glückliche Kindheit hatten, gilt im Positiven natürlich das gleiche: Hier finden wir entsprechend liebevolle und loyale Partner vertraut. Dann darf man sich gerne ohne großes Nachdenken auf diese Gefühle verlassen. Im anderen Fall wird es wirklich nicht einfach. Zu den sowieso schon „falsch“ programmieren „Liebeschip“-Vertrautheiten kommt dann noch das Problem, dass Zurückweisung und „um jemand kämpfen müssen“ das „ich will den / die haben“-Gefühl noch weiter anheizen.

Das Problem mit der „Seelenverwandtschaft“

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Wenn man Vertrautheit, wenige schöne Momente und das „nicht haben können“ zusammen zieht, ist man sehr schnell beim Thema „Seelenverwandtschaft“. Es gibt um dieses Thema eine riesige regelrechte „Kultur“ im Internet. Die Idee ist quasi: Beide Seelen bzw. Partner gehören zusammen, nur leider weiß das nur einer der beiden. Und der andere muss davon überzeugt werden, geheilt werden, es muss auf ihn gewartet werden. Leider kann es oft falscher nicht sein, weil gerade diese Menschen einen doch offenbar NICHT so lieben, dass sie mit einem auch wirklich zusammen sein wollen. An dieser Idee der Seelenpartnerschaft festzuhängen, kann dann extrem schädlich sein, und die Suche nach dem „Richtigen“ unnötig in die Länge ziehen. Ich will damit nicht sagen, dass es nicht vielleicht „so sein sollte“ sich zu treffen, aber es hatte dann vielleicht mehr den Grund, zu lernen, weiter zu kommen, an seinen Grenzen und der Selbstliebe zu arbeiten.

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Kann es auch andere, gute Gründe geben für Vertrautheit? Natürlich … gleiche Hobbys, Interessen und vieles mehr kann natürlich auch dazu führen, und es ist nicht so kritisch.

Kann es auch so etwas wie den Seelenpartner geben? Ja, ich glaube schon … aber dann jemand, der dich auch wirklich will. Warum sollte deine andere Seelenhälfte ein fragwürdiges Spiel mit dir spielen?

Der Autor und seine Kurse sind zu erreichen über www.liebeschip.de. Sein Buch „Der Liebescode“ ist 2019 im Handel erschienen.