Paartherapeut: Darum ist es wichtig, auch unseren Schwächen Raum zu geben

  • Jeder Mensch hat sie, die wenigsten mögen sie: Schwächen.
  • Lieber stellen viele ihre Stärken in den Vordergrund und verstecken ungeliebte Eigenschaften vor anderen und sich selbst.
  • In dieser Folge der Kolumne „Auf der Couch“ erklärt Paar­therapeut Christian Hemschemeier, warum es wichtig ist, auch diesen vermeintlich negativen Anteilen in uns Aufmerksamkeit zu schenken.
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Schon der Begründer der analytischen Psychologie, C. G. Jung, beschäftigte sich viel mit den menschlichen Schattenanteilen der Persönlichkeit. Als Schatten bezeichnet man die Persönlichkeitsanteile in uns, die für die Gesellschaft, unser näheres Umfeld und vor allem für uns selbst nicht permanent sichtbar und daher oftmals auch nicht annehmbar sind. Sie setzen sich etwa aus ungelösten Konflikten sowie nicht erfüllten Bedürfnissen zusammen. Diese Schattenanteile werden mehr oder weniger bewusst verdrängt, weil sie als äußerst unangenehm wahrgenommen werden – und mitunter auch mit reichlich Scham verbunden sind.

Und dennoch arbeiten diese Anteile in unserem Unterbewusstsein und hinterlassen oft ein Gefühl von „Mit mir stimmt etwas nicht“ oder „Ich bin nicht liebenswert so, wie ich bin“.

Eigene Polarität sehen und leben

Dabei ist es wichtig, auch den Schattenanteilen in uns Raum zu geben. Durch die sukzessive Annahme unbeliebter Eigenschaften und Gefühle können wir lernen, uns vollständig zu akzeptieren – mit all unseren guten und vermeintlich negativen Anteilen. Schon Jung fragte: „Möchtest du lieber ganz sein oder gut?“ Wir sollten uns bewusst machen: Alles an uns ist erst mal gut. Erst durch die positive oder negative Bewertung von außen fangen wir an, an uns zu zweifeln.

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Negative Eigenschaften werden auf das Gegenüber übertragen

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Projektion kann dabei helfen, die eigenen Schattenanteile zu beleuchten. Was löst mein Gegenüber in mir aus? Die Methode der Übertragung und Gegenübertragung kann viel über den anderen und mich selbst offenbaren.

Wenn man noch weiter geht, könnte man sogar sagen, dass andere nahestehende Menschen, zum Beispiel unsere Partnerinnen und Partner oder Kinder, unsere verdrängten Schattenanteile leben – die Konsequenz der Übertragung. Sprich: Wenn wir uns zu stark mit unseren negativen Eigenschaften konfrontiert fühlen, können wir diese Eigenschaften auf unser Gegenüber übertragen, um uns selbst vor diesen zu schützen. Ein für alle ungesunder und belastender Prozess ist so in Gang gesetzt.

Was also stattdessen tun? Wenn wir all unseren Gefühlen Raum geben, haben wir die Chance festzustellen, dass wir ein Leben führen, das wir so eigentlich nicht führen wollen, das uns unzufrieden oder gar unglücklich macht. Das wäre ein erster Schritt, um Veränderungsprozesse einzuleiten – hin zu mehr Zufriedenheit.

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Der Autor und seine Kurse sind zu erreichen über www.liebeschip.de. Sein aktuelles Buch „Vom Opfer zum Gestaltet – Raus aus toxischen Beziehungen“ ist online und in allen Buchhandlungen erhältlich.

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