Vaginismuspatientin: „Ich dachte, es sei normal, dass mir Sex wehtut“

  • Als Vaginismus bezeichnen Mediziner einen manchmal schmerzhaften Krampf der Scheide.
  • Einen Penis, manchmal sogar einen Finger oder Tampons einzuführen, ist dann unmöglich.
  • Die Ursachen sind meist psychisch. Eine Betroffene erzählt im Interview, wie sich Vaginismus anfühlt und was ihr dagegen geholfen hat.
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Sex haben wollen, aber nicht können: Unter diesem Problem leiden auch Frauen. Eine davon ist Lea Schneider (Name von der Redaktion geändert). Die Studentin wohnt in einer norddeutschen Großstadt und heißt eigentlich anders. Sie leidet unter Vaginismus, einer schmerzhaften Verkrampfung der Vagina. Über dieses intime Thema spricht die 25-Jährige lieber anonym. Die junge Frau erzählt, wie sich die Krankheit anfühlt, was sie für ihr Sexleben bedeutet und was ihr geholfen hat, sich besser auf ihren Körper und den ihres Gegenübers einzulassen.

Ein zu liebloses Vorspiel, Stress oder ein Infekt: Es gibt viele Gründe, warum Frauen beim Sex manchmal Schmerzen haben. Wie haben Sie herausgefunden, dass Sie unter Vaginismus leiden?

In der Pubertät haben wir Freundinnen angefangen, uns über unsere Periode zu unterhalten. Ich konnte als einzige immer nur die allerkleinste Tampongröße benutzen. Alle anderen Tampons haben mir sehr wehgetan, weil meine Vagina so eng war. Noch heute trage ich ungern welche und nutze lieber Periodenunterwäsche. Damals habe ich jedenfalls zum ersten Mal gedacht: „Vielleicht ist dieser Schmerz ja gar nicht normal.“

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Wie fühlt sich Vaginismus an?

Im Alltag habe ich davon als Teenagerin oft nichts gemerkt. Wenn, dann fühlt sich Vaginismus ein bisschen an wie Periodenschmerzen. Wie ein fieser Krampf – nur eben da unten. Wenn ich einen Tampon trage, spüre ich einen Druck. Als ob da die ganze Zeit ein Widerstand wäre oder ein Muskel konstant auf Spannung.

Welche Gründe gibt es dafür?

Bei mir waren und sind viele Ursachen psychisch. Ich glaube, bis ich 20 Jahre alt war, habe ich gedacht, es sei normal, dass mir Sex wehtut. Mit meinem Körper stimmt etwas nicht, da war ich mir sicher.

Was haben denn Ihr Frauenarzt oder Ihre Frauenärztin zu den Schmerzen gesagt?

Der Besuch beim Frauenarzt ist sehr unangenehm, wenn man Vaginismus hat. Es gab lange Phasen, da war ich viel zu selten beim Gynäkologen. Als Vaginismuspatientin ist es schlimm genug, überhaupt irgendetwas in der Vagina zu haben. Und wenn das dann auch noch ein kalter, harter Gegenstand ist: der Horror.

Können Ärzte darauf nicht Rücksicht nehmen?

Am Anfang habe ich ja gar nicht begriffen, dass ich ein Problem habe. Dass meine Schmerzen nicht normal sind. Man weiß ja nicht, wie andere sich beim Frauenarzt fühlen. Fragt man Freundinnen, sagen die meisten, dass sie die Untersuchung unangenehm finden. Meine erste Frauenärztin war nicht so cool. Sie meinte, ich müsse mich eben mal entspannen. Aber das konnte ich ja nicht. Manchmal haben Ärzte das Untersuchungsgerät nicht in meine Vagina einführen können. Dann mussten wir sogar Termine wiederholen.

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Es ist nicht unbedingt eine Frage des Alters: Manche (auch junge) Frauen werden beim Sex einfach nicht feucht. Das kann unangenehm werden, muss es aber nicht!  © RND/Agnieszka Krus
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Mittlerweile können Sie Ihre Beschwerden einordnen. Wie kam dieser Umschwung?

Vor einigen Jahren habe ich mich in einem sexualmedizinischen Zentrum vorgestellt. Das hat sehr viel Mut gekostet. Den Ausschlag gegeben hat die Beziehung zu meinem damaligen Partner. Mit ihm habe ich mich eigentlich sehr wohlgefühlt. Trotzdem konnten wir nicht miteinander schlafen, ohne, dass es sich unangenehm für mich anfühlte. Nach einem langen Gespräch im sexualmedizinischen Zentrum war klar: Das ist nichts Körperliches, das ist die Psyche. Ich habe lange Psychotherapie gehabt. Sexualität und mein eigener Körper waren dabei ein großes Thema.

Inwiefern?

Es gab einen psychischen Widerstand gegen Sexualität, gegen meinen Körper. Und der hat sich durch den Vaginismus als körperlicher Widerstand bemerkbar gemacht. Für mich war es wichtig, dass mir in dem sexualmedizinischen Zentrum jemand Außenstehendes gesagt hat, dass mit meinem Körper alles in Ordnung ist. Das in Kombination mit vielen Therapiestunden hat dazu geführt, dass ich den Vaginismus nun anders betrachten kann und keine grundsätzliche Angst mehr vor Sex habe.

Gab es einen Auslöser für Ihren Vaginismus?

In meinem Fall hat der Vaginismus viel mit Missbrauch im jungen Teenageralter zu tun. Meine ersten Erfahrungen mit Sexualität hatten sehr viel Gewalt, Zwang und Druck dabei. Das Erste, was mein Körper gelernt hat, ist: Okay, wir müssen da Widerstand leisten, das tut weh und ist unangenehm.

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Welchen Effekt hat das auf Ihr Selbstbewusstsein und Ihr Selbstverständnis als Frau?

Das Problem mit meiner Rolle als Frau im sexuellen Kontext ist ja größer als der Vaginismus. Auch heute fühle ich mich noch schnell unzulänglich, wenn etwas Sexuelles nicht klappt. Der Druck, entspannt zu sein und alles toll machen zu müssen, ist im Kopf immer da. Ich habe oft das Gefühl, es macht mich für einen Partner unattraktiver, wenn er von dem Vaginismus weiß.

Wie war es für Sie, sexuell nicht so zu funktionieren, wie Sie vielleicht wollten?

Lange Zeit habe ich gedacht: Das muss doch gehen. Doch dieser Druck macht es nur noch schlimmer. So ignoriert man den Widerstand. Besser ist es, sensibel hinzugucken und sich zu fragen, wogegen er sich richtet. So lässt sich der Widerstand auflösen. Bei psychischen Problemen wie Vaginismus hilft es nie, mit Gewalt gegenzusteuern.

Als Frau bedeutet vaginalen Sex zu haben, jemanden in seinen Körper zu lassen. Da ist jemand in deinem Körper, deinem kleinsten Raum, deinem Zuhause drin. Ich finde, das macht Sex für Frauen vielleicht sogar noch intimer als für Männer. Mein Körper muss mein allersicherster Ort sein. Also ist ja auch klar, dass der Körper genau aufpasst, wen er hinein lässt.

Das klingt nachvollziehbar, aber auch verkopft.

Ja, damit kämpfe ich immer noch. Mein aktueller Partner sagte kürzlich zu mir: „Bei mir scheint die Sexualität mehr im Flow zu sein. Wenn ich Lust habe, dann hat auch mein Körper Lust. Und bei dir habe ich oft das Gefühl, du hast zwar total Lust, aber dein Körper stellt sich quer. Als wärt ihr getrennte Identitäten.“ Und das stimmt. Körper und Psyche kommen bei mir, was Sex angeht, nicht immer überein. Das ist schwierig und auch frustrierend für mich.

Was hilft Ihnen heute, um entspannter mit Männern schlafen zu können?

Eine Patentlösung gibt es glaube ich nicht. Was mir hilft, ist darüber zu reden. Und bei der Sexualität ist es wichtig, im eigenen Tempo vorzugehen. Ich sage bewusst „im eigenen Tempo“, nicht langsam. Denn das eigene Tempo muss nicht langsam sein, sondern passend. Ein Partner sollte die Gelassenheit haben, es hinzunehmen, wenn vaginaler Sex nicht funktioniert. Man sollte rücksichtsvoll und achtsam miteinander umgehen. Außerdem sollten beide ihre Grenzen kennen und die auch kommunizieren. Das Allerwichtigste beim Sex ist wohl: kein Druck.

Info: Was Vaginismus ist und wie er therapiert wird

Eine manchmal schmerzhafte, reflexhafte und plötzliche Verkrampfung der Scheide bezeichnen Mediziner als Vaginismus. Beim Sex, aber auch beim Einführen eines Fingers oder Tampons könne sich die Vagina bereits verkrampfen, erklärt Medizinredakteurin Martina Feichter auf dem Webportal Netdoktor.

„Beim Scheidenkrampf handelt es sich in den meisten Fällen um eine psychische Abwehrreaktion, ausgelöst durch Angst, psychosexuelle Hemmungen oder ein früheres Trauma wie eine Vergewaltigung“, schreibt Feichter. Abhilfe schafft deshalb eine Sexualtherapie. Therapiert wird Vaginismus laut dem Berufsverband der Frauenärzte durch „langsame Gewöhnung und eine konfliktzentrierte Gesprächstherapie“. Ein Gynäkologe klärt ab, dass organisch alles in Ordnung ist und demonstriert der Patientin die Dehnbarkeit ihrer Vagina.

Zur Therapie kann auch gehören, die Scheide mit den eigenen Fingern zu erkunden, bevor vaginaler Sex mit einem Partner wieder Thema ist. „Viele Frauen, die an Vaginismus leiden, haben Hemmungen, ihre eigenen Geschlechtsorgane auf diese Weise zu berühren. Daher ist es notwendig, diese Hemmungen zuvor in der Gesprächsphase abzubauen“, so der Berufsverband der Frauenärzte.

Alternativ ist auch ein Dehntraining mit Dilatoren aus Silikon oder Kunststoff möglich. Das sind medizinische Dehnungsstäbe in verschiedenen Größen. Sie sehen aus wie marktübliche Dildos, haben aber einen deutlich geringeren Umfang.

RND

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