Sexuelle Befreiung oder hormonelle Unterdrückung – Wie feministisch ist die Pille wirklich?

  • Die Hälfte der Frauen setzt bei der Verhütung auf die Antibabypille, dabei hat sie viele Nebenwirkungen.
  • Aus diesem Grund wollen vor allem jüngere Frauen nicht mehr hormonell verhüten.
  • Wieso es auch heute kaum eine bessere Alternative gibt und warum die Pille für den Mann die Probleme nicht lösen würde, diskutieren Prof. Dr. Luise Pusch und Franka Frei im RND-Interview.
Michèle Förster
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Hannover. Die Pille ist immer noch das beliebteste Verhütungsmittel der Deutschen. Laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung nutzen sie aktuell 47 Prozent der erwachsenen Frauen. Dabei wird jedoch kaum thematisiert, welche Menge an Hormonen die Anwenderinnen der Pille täglich zu sich nehmen und welche Nebenwirkungen dadurch auftreten können. Besonders junge Frauen unter 30 lehnen die Hormoneinnahme mittlerweile zunehmend ab.

Dabei hatte die Einnahme der Pille früher eine ganz andere Bedeutung: In den Sechzigerjahren ermöglichte die Antibabypille den Frauen als Mittel der Geburtenkontrolle erstmals sexuelle Freiheit und Gleichberechtigung. Ob die Pille auch heute noch ein zeitgenössisches Verhütungsmittel ist und wie sich die Vorstellung von Selbstbestimmung gewandelt hat, diskutieren die Begründerin der feministischen Linguistik, Prof. Dr. Luise Pusch, und die Menstruationsaktivistin und Autorin Franka Frei im RND-Interview.

Als die Antibabypille vor 60 Jahren auf den Markt kam, galt sie als Inbegriff der sexuellen Befreiung und Unabhängigkeit der Frau. Gilt das in Ihren Augen damals wie heute?

Prof. Dr. Luise Pusch: Als die Pille 1961 in Deutschland rauskam, war ich 17. Und anders als heute war es damals wirklich nicht üblich, so viel an Geschlechtsverkehr mit Männern zu denken. Die Frau sollte damit warten, bis sie etwa 20 ist. Für mich hat die Pille insofern keine Rolle gespielt – auch weil ich lesbisch bin und damit das Verhütungsmittel par excellence benutze. Die Pille interessierte mich also nur aus einer feministischen Perspektive. Ich war besorgt, was die Frauen da so einnahmen. Sie waren zum einen befreit worden durch die Pille, sollten aber gleichzeitig sexuell verfügbarer sein. Weil die Pille für den Mann und die Vasektomie nicht weiter erforscht wurden, waren Männer praktisch die Profiteure in diesem Geschäft. Frauen hatten die Hauptlast und die Folgen jeglicher Heterosexualität zu tragen. Dazu kam, dass es viele Alternativen zur Penetration gab, von denen niemand etwas wissen wollte.

Franka Frei: Viele Frauen aus meiner Generation, die die Pille oder andere hormonelle Verhütungsmittel nehmen, bemerken einen großen Libidoverlust – was für mich ein großes Paradoxon ist. Denn im Grunde dient die Pille in einer heterosexuellen Betrachtungsweise nur dazu, die Frauen sexuell verfügbar zu machen – sie selbst profitieren davon jedoch nicht. Studien gehen davon aus, dass etwa die Hälfte der Pillenanwender*innen unter dem Verlust oder Einschränkungen in ihrer Libido leiden.

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Prof. Dr. Luise Pusch: Wobei die weibliche Lust auch gar nichts mit dem Penis zu tun hat. Es gibt keinen vaginalen Orgasmus, da sind wir uns alle einig. Insofern müsste das Ganze neu gedacht werden.

Sprachwissenschaftlerin Prof. Dr. Luise F. Pusch, 76, gilt als die Begründerin der feministischen Linguistik. Ihre erste Veröffentlichung “Das Deutsch als Männersprache” (Suhrkamp Verlag) zählt zu den wissenschaftlichen Bestsellern. Von Hannover und Boston aus trägt sie die Biografien bedeutender Frauen der Geschichte auf ihrem Blog fembio.org zusammen. © Quelle: Sabine Wunderlin
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Bei der Einführung der Pille ging es in der Tat weniger um Lust als vielmehr um Geburtenkontrolle. Die Antibabypille sollte der Frau eine Erwerbstätigkeit und mehr Freiheiten ermöglichen.

Prof. Dr. Luise Pusch: Ja, das ist geschichtlich zu unterschieden. Die drei Hauptakteurinnen der Geburtenkontrolle – Aletta Jacobs aus Holland, Margaret Sanger aus den USA und Mary Stopes aus England – wollten die Frauen von allzu vielen Schwangerschaften befreien, die sich aus allzu viel Sex ergaben. Das waren damals die ehelichen Pflichten. Vor allem verheiratete Frauen wollten die Pille haben, wenn sie bereits so viele Kinder hatten, dass sie nicht mehr wussten, wie sie sie ernähren sollten. Margaret Sanger war es besonders wichtig, dass Frauen die Kontrolle darüber selber haben – weil Männern auf diesem Gebiet nicht zu trauen sei.

Franka Frei: Und daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Nach wie vor sind Verhütung, Familienplanung und Kinderkriegen Frauensache. Dabei gibt es die Pille für den Mann, das ist erforscht. Es fehlt nur daran, sie am Markt zuzulassen. Bis heute gibt es keine nennenswerte Alternative. Das ist meiner Meinung nach ein Zeichen dafür, dass wir einen ganz ähnlichen Kampf führen wie damals.

Prof. Dr. Luise Pusch: Die Frage bleibt eigentlich nur – da die Männer offensichtlich nicht daran interessiert sind, ihre Verantwortung zu übernehmen –, wie wir sie dazu bringen.

Franka Frei: Ich glaube, wir sollten laut werden, so wie in den Siebzigerjahren. Die feministischen Errungenschaften der Geschichte zeigen ja, dass wir viel erreichen können, wenn wir uns wehren. Ein Vorschlag, um etwas zu ändern, wäre ein Sexstreik. Es geht um Geburtenkontrolle, da ist der Streik ein unglaubliches Machtinstrument. Andererseits ist der Sex natürlich nichts, was nur den Männern zugutekommen sollte. Wir haben auch ein Recht auf Sex und Lust, deshalb müssen wir da einfach mehr Gleichberechtigung reinbringen.

Wobei es dem Grundgedanken der Selbstbestimmung und Kontrolle der Frau über ihren Körper widerspricht, dem Mann die Verhütung zu überlassen.

Prof. Dr. Luise Pusch: Die Frau müsste einfach mehr darüber entscheiden, ob, wann und wie Sex stattfindet. Und auch alternative Methoden einfordern.

Franka Frei: In meinen Augen ist es ein Problem, dass die Frau bei einer ungewollten Schwangerschaft die Leidtragende ist – auch in finanzieller und beruflicher Hinsicht. Außerdem gilt nach wie vor ein Informationsverbot über Schwangerschaftsabbrüche, das ist fast schon eine mittelalterliche Lage. Dafür müsste nicht nur ein anderes Bewusstsein geschaffen werden, sondern auch ein besserer Zugang zu alternativen Verhütungsmethoden und Schwangerschaftsabbrüchen. Wir leben ja in einem Zeitalter, in dem Feminismus nichts Exklusives für Frauen ist und auch einige Männer bereit wären, die Pille zu nehmen. Trotzdem würde es das Problem nur verschieben.

Franka Frei, 1995 in Köln geboren und im österreichischen Salzburg aufgewachsen, wurde quasi aus Versehen zur Expertin für Menstruation. Ein Facebook-Post, der zeigt, auf welchen Widerwillen das Thema “Tabu und Menstruation” für ihre Bachelorarbeit stieß, ging viral. In ihrem Buch “Periode ist politisch” (Heyne Verlag) zeigt Franka Frei, dass das Menstruationstabu weitreichende Konsequenzen hat – und dass es höchste Zeit ist, etwas dagegen zu tun. © Quelle: Tibor Bozi/Random House
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Prof. Dr. Luise Pusch: Wir würden wahrscheinlich eine sofortige Freigabe der Abtreibung bekommen, wenn die Männer die Kinder allein großziehen müssten.

Müsste vielleicht ein generelles Umdenken in Bezug auf Verhütungsmethoden stattfinden?

Franka Frei: Besonders in Hinblick auf den Zyklus ist es wichtig, die Frau mit der Pille nicht komplett lahmzulegen, um sie an das gesellschaftliche Leistungssystem anzupassen. Statt zu sagen, dass man bessere oder schlechtere Tage hat, sollten wir akzeptieren, dass der Zyklus etwas sehr Individuelles ist und es Phasen gibt, in denen wir unterschiedliche Fähigkeiten haben. Dieses Wissen über den eigenen Zyklus verhindert die Pille komplett. Und zwar nicht nur während der Einnahme, sondern auch Jahre danach.

Prof. Dr. Luise Pusch: Es gibt doch auch natürlich Verhütungsmethoden, zum Beispiel das Untersuchen des Zervix-Schleims zum Bestimmen der fruchtbaren und unfruchtbaren Tage. Das könnte doch alles mehr erforscht und den Frauen vermittelt werden. Wie sicher sind denn diese Methoden mittlerweile?

Franka Frei: Da die Methoden weniger lukrativ sind, basieren sie eher auf dem Wissen der Anwender*innen. Häufig wird auch vermittelt, sie seien nicht sicher. Mittlerweile geht man jedoch davon aus, dass die natürliche Familienplanung oder symptothermale Methode – mit der genauen Messung der Basaltemperatur nach dem Aufstehen und der Beobachtung des eigenen Körpers – sehr zuverlässig ist. Von sogenannten Verhütungs-Apps halte ich jedoch nicht viel. Zum einen kann keine App die Verhütung übernehmen und zum anderen werden die persönlichen Daten häufig im großen Stil verkauft. Für Unternehmen sind Zyklusdaten nämlich unheimlich wertvoll.

Häufig wird die Pille jungen Mädchen auch ganz selbstverständlich verschrieben, ohne über die Nebenwirkungen aufzuklären oder Alternativen aufzuzeigen. Ist das nicht schon ein Eingriff in die Selbstbestimmung?

Franka Frei: Absolut. Ich habe die Pille eine Woche nach meinem 14. Geburtstag bekommen und wurde überhaupt nicht darüber aufgeklärt, was die Pille mit mir macht. Erst Jahre später, als ich mich selber damit beschäftigt habe und die Pille längst abgesetzt hatte, wusste ich mehr. Bedenklich finde ich auch, dass die Pille, die so einen großen Einfluss auf den Körper hat, in einer so wichtigen Entwicklungsphase verschrieben wird.

Prof. Dr. Luise Pusch: Ich persönlich plädiere ja eh für eine andere Verhütungsmethode, ganz im Sinne von Margaret Mead. Sie würde Mädchen in der Pubertät raten, sich körperlich eher mit anderen Mädchen zu beschäftigen. Fürs Kinderkriegen suchen sie sich einen Mann – um dann später, wenn die Kinder aus dem Haus sind – wieder mit einer Frau zusammenzuleben: “Wechseljahre” mal etwas anders aufgefasst. Gerade diese flexible Sexualitätsvorstellung ist uns völlig abhanden gekommen. Denn auch offene Sexualität ist noch ein Tabu – und gerade beim Thema Verhütung sollte man doch Möglichkeiten abseits der Heteronormativität aufzeigen.

Heute gilt es eher als feministischer Akt, die Pille abzusetzen. Können Sie diese Auffassung von Feminismus nachvollziehen?

Prof. Dr. Luise Pusch: Absolut. Auch der Feminismus ändert sich. Schon als die Pille eingeführt wurde, haben wir die Nachteile wahrgenommen: dass damit nämlich nicht nur eine ständige Verfügbarkeit der Frau installiert wurde, sondern wir damit auch unserer Gesundheit schaden. Ich habe damals gesagt, wahrscheinlich ist die Pille eine Erfindung der Patriarchen, um die Frauen nach der Menopause ins Aus zu schicken. Das ist natürlich sehr zynisch, aber wahrscheinlich gar nicht so weit weg von der Realität. Ganz abgesehen von den Gesundheitsschäden, die wir dadurch bekommen – permanente Hormoneinnahme, das kann natürlich nicht gut sein.

Franka Frei: Ich finde es erschreckend, welche Nebenwirkungen die Pille hat. Denn die Hälfte der Frauen in Deutschland verhütet mit einer Methode, die ihren Körper maßgeblich beeinflusst, die Konzentration beeinträchtigt und Krankheiten mit sich bringt – was zu einem realen Nachteil für Frauen wird. In dieser Betrachtungsweise ist die Pille etwas zutiefst Unfeministisches, weil sie die weibliche Natur zum Problem macht.

Prof. Dr. Luise Pusch: Aber nach allem, was Sie jetzt erzählt haben, sind Sie trotzdem für die Pille?

Franka Frei: Ich denke nicht, dass man die Pille verbieten sollte. Stattdessen sollte es mehr Aufklärung geben, damit Frauen, die die Pille einnehmen, genau über die gesundheitlichen Nebenwirkungen Bescheid wissen. Fast noch beängstigender ist aber die Frage nach den nicht hormonellen Alternativen: selbst die Kupferspirale führt eine permanente Entzündung der Gebärmutter herbei. Auch hier sind Nebeneffekte und Langzeitfolgen viel zu schlecht erforscht. Wir haben momentan einfach keine guten Alternativen.

Frau Pusch, als Sprachwissenschaftlerin ist Ungerechtigkeit praktisch ihr Spezialgebiet. Wie erklären Sie sich, dass in einer aufgeklärten und modernen Gesellschaft immer noch die Frau die Hauptlast der Verhütung trägt?

Prof. Dr. Luise Pusch: Die feministische Gesellschaft ist ja nur ein Ziel, dem wir in den letzten Jahren vermutlich etwas näher gekommen sind. Die Verhütung geht Frauen und Männer gleichermaßen etwas an, sie ist ein gemeinsames Problem. Dass das nicht so wahrgenommen wird, liegt daran, dass wir immer noch im Patriarchat stecken.

Franka Frei: Wir müssten auch auf politischer Ebene viel offener über die Menstruation sprechen, um sie von einem Frauenthema zu einem gesamtgesellschaftlichen Thema zu etablieren.

Prof. Dr. Luise Pusch: Auf sprachlicher Ebene ist es sehr interessant, wie über die Menstruation gesprochen wird. Es ist doch erstaunlich, dass dabei immer von so ekligen Dingen wie dem “Abstoßen abgestorbener Gebärmutterschleimhaut” gesprochen wird. Dabei erneuert sie sich nur monatlich, das ist etwas Wunderbares und ein natürlicher Prozess. Oder dass “Ich habe meine Tage” wie eine Krankheit klingt. Das könnte ganz anders bewertet werden. Eine Schriftstellerin hat mal gesagt, wenn Männer menstruieren würden, gäbe es ein Menstruationsministerium.

Franka Frei: Genau, das war Gloria Steinem. Aber diese frauenfeindliche Sprache findet sich auch in der Medizin. Es wird zum Beispiel davon gesprochen, dass Spermien eine gewisse Zeit in der Gebärmutter überleben können – so, als wäre die Gebärmutter ein gefährlicher Ort und die Spermien alleine für die Befruchtung verantwortlich. Eine feministische Medizin sollte daran arbeiten, die Dinge neutraler darzustellen.

Dann bleibt nur noch die abschließende Frage: Halten Sie die Pille für ein feministisches Verhütungsmittel?

Prof. Dr. Luise Pusch: Für die Möglichkeit der Geburtenkontrolle haben Generation von Frauen gekämpft. Was sie bekommen haben, ist nicht optimal. Da muss dringend weiter geforscht werden, bis wir etwas Besseres haben. Trotzdem hat die Pille die Frauen vom Zwang des endlosen Gebärens befreit – das sollten wir zumindest als etwas Positives vermerken.

Franka Frei: Die Pille hat die Frauen aus ihrer gesellschaftlichen Rolle der Mutter befreit und ihnen mehr Macht über die Geburtenkontrolle gegeben. Aber es geht auch darum, dass wir Frauen nicht von der Mutterrolle befreien, sondern ein modernes und wertschätzendes Bild von elterlichen Rollen für alle Geschlechter etablieren sollten. In unserem System stehen Profite nach wie vor über dem Menschen – und das muss sich ändern. Die Pille ist für mich nicht zeitgenössisch feministisch: Wir sind praktisch in den Fünfzigerjahren stehen geblieben.

“Staat, Sex, Amen”
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