Reinreden oder besser nicht? “Ich mag den Freund meiner Tochter nicht”

  • Anna (44) quält der Gedanke, ob sie ihre Tochter Meike (22) vor deren neuer Beziehung mit einem wesentlich älteren Mann (39) – der obendrein auch noch von sich sagt, er sei “Lebenskünstler” – warnen soll.
  • Zumal eine Freundin den Kontakt zu ihrer Tochter verlor, nachdem sie ihr in die Beziehung reingeredet hat.
  • Anna ist alleinerziehend und will nicht auch noch ihre Tochter verlieren. Ein Protokoll.
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Als ich von Henry erfuhr, dem neuen Freund meiner Tochter Meike, war ich sofort skeptisch. Ich fand, dass ein Mann mit knapp 40 Jahren eher in meine Altersliga gehört als in ihre. Was wollte dieser Typ also von einer gerade mal 22-Jährigen? Und warum um alles in der Welt hatte sich Meike ausgerechnet so einen alten Kerl ausgesucht?

Aber sie meinte, Henry sei ein cooler Typ. Mit ihm könne sie super rumalbern, er sei schlau und sie verständen sich super. Außerdem gehen beide gerne auf Flohmärkte und hören die gleiche Musik. “Ich finde unser Altersunterschied ist total überbewertet”, sagte sie mir neulich. Was sollte ich da schon erwidern? Also hielt ich besser meinen Mund und versuchte, Meikes Liebe nicht im Weg zu stehen. Ich hatte schließlich kein Recht, mich in ihr Leben einzumischen. Und wer weiß, vielleicht würde ich Henry ja nett finden, wenn ich ihn erst einmal kennenlernte.

Von Beruf Lebenskünstler

Doch unser erstes Treffen bei meinem Lieblingsitaliener ging komplett nach hinten los. Henry kam fast eine Dreiviertelstunde zu spät und entschuldigte sich nur mit einem knappen “Sorry”. Erst als Meike nachfragte, redete er sich heraus, dass er noch ein paar superdringende Telefonate hätte führen müssen. Als wären meine Tochter und ich komplett unwichtig. Unpünktlich war er also. Unzuverlässig dann sicher auch. Und was hatte er eigentlich für Klamotten an? Mit seinem Kapuzenpullover, der viel zu engen Jeans und mit Baseballkappe hatte er sich peinlich auf jung gestylt. Dabei war er bereits 39 Jahre alt – nur fünf Jahre jünger als ich.

Meike und Henry waren damals drei Monate zusammen. Sie – Zahnmedizinstudentin im dritten Semester – er seit zig Jahren eingeschrieben in Theaterwissenschaft. Aber nur auf dem Papier, verriet mir Henry und grinste bescheuert. Er sei eigentlich eher Lebenskünstler, pfeife auf Geld und Besitz.

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Besitz ja, aber dafür arbeiten? Nö!

Ich musste mich zusammenreißen, um nicht boshaft zu werden. Denn Meike hatte mir anvertraut, dass sie ihre Semesterferien durchgejobbt hatte, um ihren gemeinsamen Urlaub mit Henry allein zu finanzieren. Sie war es auch, die für die Wohnung aufkam, in die er mit eingezogen war. Besitz war also schon okay – nur dafür zu arbeiten, war scheinbar nicht sein Ding.

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Dieser Typ ließ sich offensichtlich nach Strich und Faden von meiner Tochter aushalten und bedienen. Musste ich als Mutter da nicht einschreiten und Meike vor dem Mann warnen? Aber meine Tochter war total verliebt und total begeistert von Henry.

Und ich brachte es nicht übers Herz, ihr dieses Glück kaputt zu reden. Und selbst, wenn ich etwas gesagt hätte, würde sie mir sicher nicht glauben, so sehr war sie von rosaroten Wolken umhülllt.

Also zahlte ich beim Italiener die Rechnung und Meike umarmte mich zum Dank. Nur Henry tat so, als sei es das Selbstverständlichste von der Welt, dass er eingeladen wurde. Ich kochte innerlich schon wieder.

Sie schien seine Unverschämtheit nicht zu stören

Höflich zu sein, war scheinbar ein Fremdwort für Henry. Genauso wie Zuhören zu können. Denn bei den nächsten Treffen mit Meike und ihm fiel mir jedes Mal auf, dass wir uns nie wirklich alle drei unterhielten. Stattdessen hielt Henry pausenlos Monologe über sich. Dieser Mann redete wirklich in einer Tour und blies sich auf. Zum Beispiel brüstete sich Henry damit, dass er bald das große Geld mit Onlinepokern verdienen würde. Es sei ein simples, aber grandioses Geschäft, für das er nicht groß die Finger rühren muss, lachte er selbstgefällig und lehnte sich im Stuhl auf.

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“Stimmt’s nicht, Mäuschen?” Jetzt bezeichnete er meine Tochter auch noch auf diese Weise und tippte ihr wie einem kleinen Mädchen auf die Nasenspitze. Ich hielt es kaum noch aus und ging innerlich auf die Palme. Aber Meike schien Henrys Unverschämtheit und seine ganze Selbstverliebtheit überhaupt nicht zu stören. Sie wehrte sich noch nicht einmal, wenn ihr Henry unsanft über den Mund fuhr oder sie vor anderen wie ein naives Dummchen hinstellte. Was bildete sich dieser Typ eigentlich ein, wie er mit meiner Tochter umgehen konnte?

Am liebsten hätte ich mein Kind von diesem Typen weggezerrt und so lange geschüttelt, bis es endlich aufwachte und erkannte, was für ein aufgeblasener Macho da vor ihr stand. Ein Onlinezocker, der sonst nichts auf die Reihe bekam.

Bloß nicht einmischen!

Eine Freundin, der ich alles erzählte, riet mir allerdings, mich bloß aus dem Leben meiner Tochter herauszuhalten. Aus eigener, bitterer Erfahrung. Denn ihre Tochter erzählte ihr heute gar nichts mehr und hatte den Kontakt schließlich ganz abgebrochen.

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Da gab ich ihr zähneknirschend Recht. Ich war schon mit der Beziehung zu Meikes Vater gescheitert, jetzt wollte ich nicht noch meine Tochter verlieren.

Und was sollte ich als Geschiedene ihr schon für Beziehungsratschläge geben? Ich schluckte meinen Zorn also herunter und akzeptierte Henry – meiner Tochter zuliebe.

Doch zum Glück schien Meike nach und nach aufzuwachen. Sie erzählte mir immer öfter, dass sie genervt sei, wenn Henry stundenlang vorm Computer hockte und sich abends in Bars herumtrieb, während sie studierte, nebenbei jobbte und anschließend noch den Haushalt für beide regelte.

Der Bruch kam überraschend

Der Bruch zwischen beiden kam für mich aber doch überraschend. Meike rief mich eines Abends an und weinte ins Telefon. Henry hätte sie mit einer Bekannten betrogen. Drei Monate ginge das schon. Jetzt sei es ihr wirklich zu bunt geworden und sie habe ihn vor die Tür gesetzt.

Ich musste mich sehr zusammenreißen, um nicht zu sagen, wie froh ich darüber war. Und zum Glück rutschte mir auch kein Satz wie “Ich fand den ja von Anfang an daneben” heraus. Das hätte Meike in dem Moment sicher nicht gebrauchen können. Aber wer weiß, vielleicht werde ich es ihr später mal erzählen.

“Sprechen Sie über Ihre Ängste”

Doris Wolf, Diplom-Psychologin und Autorin aus Mannheim, im Kurzinterview:

Was tun, wenn man ihren neuen Freund nicht mag?

Auf keinen Fall abschätzig über den neuen Partner der Tochter sprechen. Damit bringen Sie sie nur dazu, sich mit ihm gegen sie zu verbünden und ihn zu verteidigen. Versuchen Sie, sich in ihre Tochter hineinzuversetzen und herauszufinden, was sie an ihrem Partner anzieht. Welche ihrer Bedürfnisse werden von ihm erfüllt? Sie können mit ihrem Kind auch einmal über deren generelle Lebensziele sprechen und darüber, wie der Partner da hineinpasst.

Er behandelt mein Kind schlecht. Darf ich etwas sagen?

Sie sollten sich unbedingt zurückhalten, denn ihre Tochter muss leider ihre Erfahrungen selbst machen. Auch schlechte. Gewalt und Tätlichkeiten ausgenommen.

Warum hält sie an einer miesen Beziehung fest?

Es könnte sein, dass sie als Scheidungskind lieber an einer miesen Partnerschaft festhält, als sich zu trennen. Es könnte aber auch sein, dass sie nur dieses Modell von Partnerschaft kennt. Ihre Tochter sucht vielleicht nach einem Partner, der ihr Sicherheit gibt.

Wie kann ich schlechte Stimmung vermeiden?

Suchen Sie sich Bereiche, in denen Sie mit der Tochter gemeinsam Schönes erleben können. Sprechen Sie mit Ihrer Tochter nicht über ihren Freund und wenn, dann sagen sie ganz deutlich, dass es nur “Ihre Meinung” ist. Vermeiden Sie Verallgemeinerungen und Anschuldigungen. Wenn Sie sich wirklich große Sorgen machen, können Sie so Ihre Ängste und Befürchtungen formulieren.

Wie soll ich reagieren, wenn es aus ist?

Sie können sich im Stillen darüber freuen, dass die Tochter nun auch selber erkennen konnte, dass dieser Partner ihr nicht gut tat. Ansonsten sollte man am Liebeskummer Anteil nehmen. Denn man trauert auch um eine schlechte Partnerschaft. Was man sich verkneifen sollte, sind Sätze wie “Ich hab’s dir doch gleich gesagt”. Die sorgen nur dafür, dass sich Ihre Tochter noch schlechter fühlt und schämt.

RND/protokolliert von Gitta Schröder

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