Paartherapeutin im Interview: Warum Beziehungen zerbrechen – und was wir dagegen tun können

  • Am Anfang ihrer Beziehung erleben Paare eine Explosion von Glücksgefühlen.
  • Doch die Phase hält nicht ewig – und die Beziehung kann schon nach den ersten Problemen scheitern, berichtet Paartherapeutin Nele Sehrt in ihrem Buch “Liebe passiert, Beziehung ist Arbeit”.
  • Im Interview spricht sie über Wege, wie Paare zusammen Krisen überstehen können – und wie eine gute Partnerschaft gelingt.
Ben Kendal
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Frau Sehrt, für die erste Zeit in der Beziehung gibt es viele treffende Redewendungen: Partner schweben auf Wolke sieben, sind trunken oder gar blind vor Liebe. Was passiert denn eigentlich mit Menschen in der Phase der großen Verliebtheit?

Am Anfang erleben wir eine Art Rausch, die durch die ausgeschütteten Botenstoffe und Bindungshormone zustande kommt. Wir wollen permanent mit dem anderen zu tun haben, wir denken die ganze Zeit an ihn – und wir nerven auch durchaus Freunde und Bekannte damit. Dieser Rausch dient dazu, dass wir Gemeinsamkeiten betonen und Unterschiede ausblenden. Zum Beispiel erhöht sich bei Frauen der Testosteron-Gehalt, wohingegen er sich bei Männern vermindert. Dadurch fallen Unterschiede zwischen den Geschlechtern nicht mehr so auf. Noch ist aber nicht ganz klar, warum wir jemanden plötzlich so umwerfend finden. Das muss aber auch nicht unbedingt herausgefunden werden, weil die Liebe gar nicht so sehr rationalisiert werden möchte. Wir finden es auch einfach ohne Erklärung schön, wenn es “uns erwischt”.

Doch diese Phase hält bekanntlich nicht ewig – und es entwickeln sich die ersten Herausforderungen in der Beziehung.

Genau, nach dem Hoch kommt ja bekanntlich das Tief. Dieser Rauschzustand ist nämlich sehr anstrengend für den Körper. Das können wir gar nicht lange aushalten. Irgendwann regulieren sich die Neurotransmitter wieder und wir lernen den Partner nüchtern kennen – und damit auch Dinge, die uns an ihm stören. In dieser Entzugsphase werden somit die Unterschiede zwischen beiden Partnern deutlicher. Anfangs kann man diese Unterschiede auch durchaus toll finden – zum Beispiel, wenn der Partner durchsetzungsstark oder freiheitsliebend ist. Das ist etwas, wo ein Unterschied eine Sehnsucht schafft.

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Doch Unterschiede, die man am Anfang so gut fand, können uns später auch nerven – und dann kommt es häufiger zum Streit. Für manche Menschen ist es schwierig, diesen Übergang zu schaffen. Sobald der Alltag einkehrt und das normal wird, zerbrechen die ersten Beziehungen. Denn dann kommen wir in eine sehr intime Beziehung, in der wir im Alltag zeigen müssen, wie wir sind. Viele Paare verlieren dabei den Blick für die positiven Dinge in der Beziehung. Dabei sind ein gesunder Selbstwert und gegenseitige Wertschätzung das A und O einer jeden Beziehung.

Nele Sehrt ist Diplom-Psychologin, Sexual- und Paartherapeutin in Hamburg. © Quelle: Claudia Timmann
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Ist fehlende Wertschätzung also ein großes Problem in Beziehungen – und somit auch ein häufiger Trennungsgrund?

Ja. Ein gutes Beispiel dafür ist unser Verhalten, wenn wir Eier im Supermarkt kaufen: Wenn wir die Eier in der Packung untersuchen, freuen wir uns nicht über die neun Eier, die heil sind, sondern wir fokussieren uns nur auf das eine Ei, was vielleicht kaputt sein könnte. So läuft es auch häufig im Alltag in der Partnerschaft: Weil wir es gewohnt sind, immer zu funktionieren, schauen wir selten auf das, was funktioniert, sondern nur auf das, was nicht klappt. Und wenn wir dem Partner das auch immer mitteilen, wo er anders hätte handeln sollen oder nicht umsichtig genug war, dann entwerten wir ihn. Wir sagen ihm damit: So, wie du bist, bist du falsch. So fühlen sich auf lange Sicht beide nicht verstanden und die Beziehungsqualität leidet. Je mehr wir uns also auf Unterschiede konzentrieren, desto unglücklicher werden wir.

In meinem Buch (“Liebe passiert, Beziehung ist Arbeit”, ZS Verlag, 16,99 Euro) appelliere ich an Paare, sich wieder mehr auf die Gemeinsamkeiten zu konzentrieren, wie sie es auch in der Verliebtheitsphase getan haben. Unterschiede wird es immer geben, die können wir nicht wegmeckern. Aber wir können sie viel besser ertragen, wenn die Gemeinsamkeiten gelebt werden. Dieser Blick fehlt oft – und es kann schwer sein, ihn wiederzukriegen.

Wie können Paare es denn schaffen, ihren Blick wieder mehr auf die positiven Dinge in der Beziehung zu richten?

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Das wäre schön, wenn man einfach mit der Wertschätzung anfangen könnte. Vielleicht müssen aber auch erst mal alte Verletzungen kommuniziert werden. Das braucht aber Mut, die eigene Verletzlichkeit zu teilen. Wir neigen dazu, Gefühle zu intellektualisieren, und werfen deshalb gerne dem anderen eine Handlung oder gesagte Worte vor. Wenn ich aber an die Basis meiner Verletzung gehe, dann teile ich meine Gefühle wie Unwohlsein, Scham oder Angst – und bleibe bei mir.

Beispielsweise erzähle ich davon, dass ich mich in einer bestimmten Situation hilflos gefühlt habe und ich nicht weiß, wie ich damit umgehen soll. Dann zeige ich meinem Partner, dass ich versuche, mich selbst zu regulieren, weil ich eine Lösung für mich finden soll. Und dann kann er auch als Freund an meiner Seite stehen. Wenn ich aber meinem Partner die Verantwortung für mein Wohlergehen gebe, dann gebe ich ihm auch oft die Schuld, wenn es mir schlecht geht. Auf sich selbst aufzupassen und sich damit wertzuschätzen ist ein Akt der Eigenliebe, indem man sich immer wieder fragt “was brauche ich und was tut mir gut?” – und davon profitiert auch der Partner.

In Ihrem Buch berichten Sie auch davon, wie die abnehmende Sexualität in längeren Beziehungen zu Problemen führen kann. Warum haben Paare in längeren Beziehungen so häufig weniger Sex?

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Ein Rückgang an Sexualität ist phasenweise völlig normal in längeren Beziehungen. Mit meiner sexuellen Performance kann ich vielleicht Menschen begeistern, die mich noch nicht kennen. Dem Partner dagegen entlockt das nach einigen Jahren oft nur noch ein müdes Lächeln. Sexualität ist insgesamt sehr anfällig für Störungen. Das muss auch so sein, denn wer eine lange und tiefe Bindung erleben möchte, muss auch durch Trockenphasen, die oft von Kinderkriegen, Krankheit oder Krisen geprägt sind. Wenn ein Paar häufig mit Disharmonien und Streitigkeiten zu tun hat, dann kann die fehlende emotionale Verbundenheit dazu führen, dass man weniger Sex möchte. Auch auf genitaler Ebene können sich Muster festfahren oder es fehlt schlichtweg Wissen, was der Körper braucht, um richtig zu feuern. Beide Geschlechter stehen auch enorm unter Druck: Wenn beim Mann etwas nicht funktioniert, ist das sofort auch für den Partner sichtbar, das kann man kaum verheimlichen. Und Frauen können Sex haben, ohne dass sie Lust dabei verspüren.

Das Buch “Liebe passiert, Beziehung ist Arbeit” (ZS Verlag, 16,99 Euro) von Paartherapeutin Nele Sehrt ist seit 4. September erhältlich. © Quelle: ZS Verlag

Und wie können Partner diesen Druck loswerden?

Wir haben uns in den vergangenen Jahrzehnten immer um die Funktion gekümmert: Wird der Penis steif, damit die Zeugung funktioniert? Sind die Eileiter durchlässig und hat die Frau einen Eisprung, damit sie auch Kinder gebären kann? Kein Wunder, dass da die Lust auf der Strecke bleibt. Dabei ist Sex eigentlich erst dann wirklich schön, wenn beide so erregt sind, dass sie es kaum abwarten können, stimuliert zu werden. Das passiert aber oft in längeren Beziehungen nicht mehr, weil der Flirt am Anfang fehlt. So wenig, wie Partner in längeren Beziehungen miteinander flirten, würden sie in der freien Wildbahn wahrscheinlich keinen Sex kriegen. Im Alltag kümmern wir uns einfach zu wenig darum. Wenn wir aber am Verhalten in der Verliebtheitsphase anknüpfen und wieder mehr flirten, kann das zu mehr Intimität und Lust führen.

Gleichzeitig gilt: Unlust ist genauso wichtig wie Lust. Es geht nicht darum, dass wir immer Lust empfinden müssen – Sexualität ist störanfällig und das muss auch so sein. Es ist völlig okay, keine Lust zu haben. Partner benötigen jedoch ein offenes und respektvolles Miteinander, um das offen ansprechen zu können. Gleichzeitig braucht es einen Raum in einer Beziehung, in dem man seine Bedürfnisse ohne Gegenwehr ansprechen kann. Wenn wir aber nur noch im Alltagsstress sind und funktionieren müssen, haben wir gar keine Möglichkeit, darauf einzugehen.

Streitigkeiten, fehlende Wertschätzung und mangelnde Sexualität sind also häufige Trennungsgründe. Aber auch Seitensprünge und Affären führen häufig zum Aus. Was macht es denn mit der Beziehung, wenn jemand seinen Partner betrügt?

Eine Beziehung braucht einen exklusiven Rahmen. Das heißt, wir machen etwas, was andere nicht miteinander machen. Intimität gehört oft dazu. Als Paar hat man beispielsweise Sex miteinander, ich gehe aber mit anderen noch Wein trinken und shoppen. Der Seitensprung oder die Affäre ist eine Verletzung dieser Exklusivität. Dann haben wir auf der einen Seite die Untreue und auf der anderen Seite das Verhalten danach. Das eine ist der Betrug, das andere ist, dass er als Freund nicht für einen da war – besonders, wenn man danach gelogen hat oder einem das verheimlicht hat. Die Verletzung passiert daher nicht nur auf der Paarebene, sondern explizit und sehr verletzend auch auf freundschaftlicher Ebene. Der Verlust dieses Vertrauens kann das Ende einer Beziehung einläuten oder aber auch zu einer neuen Offenheit und einem ehrlicheren Miteinander führen. Spannenderweise ist es nicht immer so, dass jemand, der seinen Partner betrügt, unzufrieden mit der Beziehung ist. Es muss also nicht zwangsweise so sein, dass ein Seitensprung oder eine Affäre darauf hinweist, dass man etwas in der Beziehung vermisst.

Was ist denn besonders wichtig, damit eine Beziehung lange hält?

Paare müssen gewisse Herausforderungen aushalten können, weil es in einer Beziehung nicht immer schön ist. Man selbst wird immer wieder Probleme und Entwicklungen auf familiärer, beruflicher und persönlicher Ebene im Leben haben. Wer eine lange Beziehung haben möchte, muss aber auch seinen Partner durch solche Phasen begleiten. Es ist zwar enorm wichtig, dass man sein eigenes Leben so gestaltet, dass man sich wohlfühlt. Aber beide müssen sich gesehen fühlen, um sich wohlfühlen zu können: Ich bin wichtig – aber du bist mir auch wichtig. Die Kumpelbasis ist für eine Beziehung auch von großer Bedeutung. Beide müssen das Verständnis entwickeln, dass nicht alles immer perfekt funktionieren muss und kann. Wir Menschen sind nicht statisch, also muss auch eine Beziehung dynamisch sein und sich entwickeln können. Die Fähigkeit, sich auf verändernde Dinge einzustellen, kann dabei sehr hilfreich sein. Denn wenn man versucht, etwas festzuhalten, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass es zerbricht.

“Staat, Sex, Amen”
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