Paartherapeut: Mut zur Wut in häuslicher Quarantäne

  • Gerade in häuslicher Quarantäne kann ein Streit schon einmal heftiger ausfallen - denn oft ist das die einzige Form des Stressabbaus.
  • Paartherapeut Christian Hemschemeier empfiehlt, der Wut auch Raum zu geben, denn oft unterdrücken wir diese.
  • Manchmal kann es im Streit übrigens schon reichen, einfach mal tief durchzuatmen.
Christian Hemschemeier
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Die Krisenzeit inklusive der häuslichen Quarantäne strapaziert unsere Nerven mehr denn je. Das liegt sicherlich daran, dass wir unsere gewohnte Freiheit zum großen Teil aufgeben mussten. Ein weiterer, wichtiger Aspekt ist, dass wir mit dem Partner oder der Familie momentan so viel Zeit verbringen wie sonst nur im Urlaub. Nur dass dieser „Urlaub“ in den eigenen vier Wänden stattfindet, ohne Möglichkeit zur Ablenkung.

Aus einem Missverständnis entsteht ein großer Streit

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Stress wird aufgebaut, jedoch ohne eine wirkliche Chance auf Abbau. Somit summiert sich dieser über Tage und Wochen bis irgendwann die Emotion über die Ratio siegt und der Stress in einer Diskussion oder einem heftigen Streit zu Tage tritt. Dieses Phänomen beobachte ich auch immer wieder in meiner Praxis. Paare kommen oft nach genau solch einem Vorfall zu mir. Einer der Partner ist dann erschüttert über die Wucht und Intensität einer Auseinandersetzung, da diese oft in keiner Relation zum eigentlichen Thema steht.

Christian Hemschemeier ist Paartherapeut in Hamburg und Experte in Sachen Dating, Partnerschaft und Liebe. © Quelle: Privat/Patan

Ein solcher Streit fängt meist als kleines Missverständnis an. Doch wie kann sich daraus eine handfeste Auseinandersetzung entwickeln? Die meisten Menschen haben ein großes Verlangen nach Harmonie. Um diese, auch in einer Diskussion, zu bewahren, geben wir lieber nach als zu unserer Meinung zu stehen. Der andere fühlt sich dann weiterhin gut und wir konnten die Konfrontation vermeiden. Doch wie geht es uns damit? Wenn wir tief in uns hineinspüren, ist dies kein gutes Gefühl.

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Erwachsene betäuben ihre Wut oft

Zum einen sind wir nicht für uns eingestanden, zum anderen fühlen wir uns klein. Und wir fühlen noch etwas anderes. Wut. Wut auf den anderen, aber auch Wut auf uns selbst. Wut ist eine Emotion, die vielen von uns in der Kindheit „abtrainiert“ wurde. Wütende Kinder sind zum einen schwierig zu handhaben, geben zum anderen aber nach Außen auch kein „gutes Bild“ ab. Die einen Kinder wurden mit Schokolade ruhiggestellt, andere bekamen Ärger, wieder andere wurden ignoriert. Der Umgang mit wütenden Kindern war vielseitig, in den wenigsten Fällen jedoch adäquat.

Dieses Muster lebt oft noch heute in uns. Als Erwachsene betäuben wir unsere Wut etwa mit Alkohol, zu viel Essen oder exzessiven Shoppingtouren. Wut findet immer einen Weg, entweder sie richtet sich nach innen oder nach außen. Und Wut kann schnell entgleiten, wenn wir ihr nicht den Raum geben, den sie benötigt.

Kräftig durchatmen kann helfen

Hier fällt mir das Wort Mut ein. Denn es gehört Mut dazu, sowohl wütend zu sein, als auch für sich einzustehen. Zudem erfordert es Mut, nicht einfach auf die Wut des anderen zurückzuschlagen. Versetzen wir uns gedanklich nochmal in eine Diskussion mit unserem Partner. Es ist natürlich einfacher, entweder alles herunterzuschlucken und hinzunehmen oder lautstark dagegenzuhalten nach dem Motto: wie du mir so ich dir. Weniger einfach, dafür umso nachhaltiger und gesünder ist es hingegen, sich um eine konstruktive Kommunikation zu bemühen und mutig für die eignen Bedürfnisse einzustehen.

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„Dein Verhalten macht mich wütend, traurig, triggert etwas in mir, weswegen ich mich klein fühle.“ „Wenn du einfach nur deine schlechte Laune an mir rauslassen möchtest, stehe ich dafür nicht zur Verfügung.“ „In dem Punkt kann ich dir nicht Recht geben, ich sehe das anders.“ Zugegebenermaßen ist es nicht einfach, sich in einer Streitsituation so zu verhalten. Dreimal kräftig durchatmen kann dabei helfen sowie der Gedanke, dass ein achtsamer Umgang mit Wut viel Leid und den Besuch bei mir und meinen Kollegen ersparen kann.

Der Autor und seine Kurse sind zu erreichen über www.liebeschip.de. Sein Buch „Der Liebescode“ ist 2019 im Handel erschienen.

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