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  • Opfer häuslicher Gewalt in der Corona-Krise: Antje Joel berichtet von ihrem Leben als Betroffene und was Opfer tun können

Mehr Gewalt in Quarantäne: Wie haben Sie die Prügel Ihres Mannes überlebt, Antje Joel?

  • Antje Joel wurde von ihrem Mann über Jahre hinweg schwer misshandelt.
  • Im Gespräch mit Thorsten Fuchs schildert sie, wie sie diese Zeit erlebte.
  • Außerdem erzählt sie, wie den Opfern während der Corona-Krise geholfen werden muss.
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Frau Joel, wegen der Pandemie haben Regierungen fast weltweit ihre Bürger aufgefordert, ihre Häuser und Wohnungen nicht zu verlassen. Was heißt das für die Betroffenen häuslicher Gewalt?

Frauen sitzen da, staatlich verordnet, mit ihrem Peiniger auf ein paar Quadratmetern eingesperrt, ohne die letzten verbliebenen Kontakte, ohne Möglichkeit, unbemerkt Hilfe zu rufen – und ohne Fluchtmöglichkeiten: Es gibt nicht genug Frauenhausplätze.

In ihrem Buch "Prügel" schildert Antje Joel ihre Erlebnisse aus zwei gewaltsamen Ehen. © Quelle: Marta Faye
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Lässt sich dieser Anstieg häuslicher Gewalt schon messen?

Es kommt in dieser verordneten Isolation jedenfalls zu sehr viel mehr häuslichen Übergriffen. In China gab es einen Anstieg von 30 Prozent, Spanien meldet ähnliche Zahlen. In Frankreich gibt es schon ein Code-Wort, mit dem Frauen in Apotheken um Hilfe bitten können.

Viele Politiker scheinen ernsthaft alarmiert über die Gewalt und suchen jetzt nach Auswegen. Nehmen Sie ihnen die Sorge ab?

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Bedingt. Was all die aufgeregten Politiker, mal wieder, zu vergessen scheinen: Diese Ausnahmesituation ist für zwölf Millionen Frauen in Deutschland Alltag. Es fehlten schon vor dem Corona-Ausbruch 15.000 Frauenhausplätze. Die zur Verfügung zu stellen, dazu hat sich das Land mit der Ratifizierung der Istanbuler Konvention bereits vor Jahren verpflichtet. Die Fallzahlen sind seit 40 Jahren nahezu unverändert – mit einem zehnprozentigen Anstieg in den vergangenen drei Jahren. So lange kennen die Politiker sie. So lange schon tun sie so, als könnten sie, wenn überhaupt, nur die Symptome bekämpfen. Und meist tun sie nicht mal das. Auch darum haben wir jetzt eine “plötzliche Notsituation”.

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Wenn die Begleiterscheinungen der Pandemie die Ursachen des Gewaltanstiegs sind, gäbe es ja zumindest die Hoffnung, dass mit dem Virus auch die Übergriffe wieder verschwinden.

Auch das stimmt so nicht. Angst, Stress, Arbeitslosigkeit, Alkoholkonsum und so weiter sind auch jetzt nicht die Gründe für häusliche Gewalt. Sie wirken auch in Ausnahmesituationen wie dieser nur als Verstärker. Die Gründe wurden von der WHO schon vor Jahren klar benannt: “Gewalt gegen Frauen ist der Ausdruck der historisch ungleichen Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen.” Nur scheint das niemand zur Kenntnis genommen zu haben.

Sie sind selbst in zwei Ehen über mehrere Jahre hinweg massiver Gewalt ausgesetzt gewesen, vor allem Ihr erster Mann hat Sie immer wieder schwer misshandelt – Sie schildern all dies in Ihrem Buch “Prügel”. Wenn Sie die Ursachen analysieren, spielt ausgerechnet eine Filmkomödie eine wichtige Rolle, “Tatsächlich Liebe”. Mochten Sie den Film?

Ich muss gestehen: Ich fand den mal gut. Wie Liebe da transportiert wird, fand ich mal rührend. Heute gucke ich mir solche Sachen an und denke “Oh, Schockschwerenot”.

Was ist daran so “Schockschwerenot”?

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Das Bild hinter dem Bild, das da transportiert wird. Einmal haben Sie Keira Knightley, die von einem Typen nahezu gestalkt wird. Das soll romantisch sein – dabei ist das eigentlich super-gruselig. Und dann haben wir Colin Firth, der sich in seine Haushaltshilfe verliebt. Da ist immer dieses Machtgefälle. Gott sei dank versteht sie gar nicht, was er sagt – das funktioniert ja in der Liebe immer am besten (lacht).

Sie waren als Jugendliche eine Rebellin, trugen Lederjacke und schienen mit dem Klischee von Weiblichkeit nicht viel zu tun zu haben. Dennoch waren Sie empfänglich für diese Bilder?

Ja. Wenn Sie etwas oft genug hören oder lesen, dann entwickelt sich das irgendwann zu Ihrer Meinung. “Frau am Steuer, das wird teuer”, “Lange Haare, kurzer Verstand” – das waren Sätze, mit denen ich aufgewachsen bin.

Inwiefern haben diese Sätze dem, was Ihnen passiert ist, den Boden bereitet?

Ich sage immer: Mir ist nichts passiert – es gab jemanden, der was gemacht hat. Aber diese Sätze bereiten den Boden vor, in dem sie schon mal eine Abwertung von Frauen verinnerlichen. Und wenn ich jemanden kritisieren wollte, dann vornehmlich Frauen – auch das Konkurrenzdenken wird uns ja von klein auf anerzogen. Wenn unser Partner eine andere Beziehung hat, dann sind wir wütend auf die andere Frau. Die hat keine Titten, die ist zu dick, zu doof, was will er mit der! Hillary Clinton zum Beispiel hat die Frauen, mit denen ihr Mann sie betrogen hat, als “Trash” bezeichnet – und sich gleichzeitig als Feministin bezeichnet.

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Sie schreiben, Ihre Eltern hätten Sie vor allem darin unterrichtet, zu versagen.

Das taten sie natürlich nicht bewusst. Das zeigt sich in vielen kleinen Dingen. Sie erwarteten nur das Schlechteste. Das ist die Grundhaltung: Wenn du was schaffst, dann konnten wir das wohl wenigstens von dir erwarten. Aber im Grunde erwarten wir, dass du es nicht schaffst. Liebe musst du dir verdienen – und wenn du denkst, du hast das geschafft, nehme ich sie dir wieder weg.

Und das ist das Muster, das Sie dann auch bei Ihrem Mann wiedergefunden haben.

Ja, und dieses Muster ist auch das, was Frauen gefangen hält in diesen Beziehungen. Wenn Leute fragen: Warum gehen sie denn nicht einfach? – kann man nur sagen: Einfach gehen ist nicht. Dazu muss man die Mechanismen verstehen, die dahinterstehen. Das ist psychologische Kriegsführung.

Sie haben in dem Buch den ersten Sex mit P. beschrieben, der nach heutigen juristischen Kategorien einer Vergewaltigung entspricht. Sie waren damals 16.

Ich habe das Wort extra nicht geschrieben, denn natürlich habe ich auch Bedenken hinsichtlich meiner Gefährdungssituation. Was Männer am wenigsten mögen, ist, als gewalttätig bezeichnet zu werden.

Wie haben Sie das damals wahrgenommen?

Damals habe ich das als “selbst schuld” empfunden. Warum bin ich nicht gegangen? Warum habe ich mich zu dem ins Bett gelegt? Ist doch klar, was passiert. Ich war nicht wütend auf ihn, sondern auf mich.

Ihr Ex-Mann, wie Sie ihn zeichnen, hatte große Träume und war ein armes Würstchen…

…genau das ist die Darstellung, die er mir am übelsten nehmen wird.

Er wollte Fußballprofi werden, aber hat es nie geschafft, wie vieles andere auch nicht.

Genau, und dieses Selbstbild eines tollen Typen konnte man natürlich am besten verwirklichen mit einem jungen Mädchen – ich war zehn Jahre jünger. Wenn mein Sohn, der 25 ist, mit einer 15-Jährigen ankommen würde, würde ich fragen: Geht’s noch? Mal im Ernst: Worüber würde sich ein 25-Jähriger mit einer 15-Jährigen unterhalten?

Sie schreiben vieles, was unfassbar erscheint. Ihre Eltern wussten zum Beispiel, dass er Sie schlug.

Das Unfassbare daran ist auch, dass ich überhaupt erst in den letzten zwei, drei Jahren angefangen habe, das zu sehen. Wirklich – ich war 16 – und komme nach Hause, grün und blau geschlagen, und alles, was meine Eltern sagen ist: Ja, wenn du das mit dir machen lässt… Sie erklärten das zu meiner Verantwortung.

Ist die Formulierung falsch, Sie seien da als sehr junge Frau in eine sehr schwierige Konstellation gleichsam hineingeraten?

Nein, ich möchte nur nicht, dass man die Täter und ihre Verbündeten ausblendet, wenn man sagt, jemand gerät in etwas hinein.

Sie waren auch ein Opfer, das Opfer eines Gewalttäters.

Ja, aber mit diesem Begriff ignoriert man die große Stärke der Frauen: dass sie unglaubliche Kompetenzen haben, zu überleben. Frauen werden oft als so klein und nichtig beschrieben, wenn sie in der Beziehung bleiben. Aber vielleicht ist in der Beziehung zu bleiben ihre Überlebensstrategie. Das wird nachvollziehbar, wenn man weiß, dass 75 Prozent der schwersten Angriffe auf Frauen, inklusive Mord, die Männer an Frauen begehen, erfolgen, nachdem die Frau den Mann verlassen hat. Dableiben kann durchaus eine Überlebensstrategie sein.

Haben Sie überlegt, zur Polizei zu gehen?

Einmal habe ich sie gerufen. Mein Mann hatte sich hervorragend im Griff, ich bin den Beamten entgegengegangen. Im Treppenhaus sagte der Polizist zu mir: Was wollen Sie denn, Sie können doch die Wohnung verlassen. Dann können Sie ja auch gehen. Es war so, wie es wohl in 99 Prozent der Fälle ist: Da kommt eine hysterische, verstrubbelte, angeschlagene Frau raus – und hinter ihr ein Mann, der sich komplett im Griff hat.

Was hat dazu geführt, dass Sie gesagt haben: Jetzt gehe ich?

Ich weiß, dass ich an jenem Abend gesehen habe, wozu der in der Lage ist. Dass dieser Mann mich in der Unterhose ein Treppenhaus runtergejagt hat – da hat etwas Klick gemacht. Es wird oft gesagt: Der hat die Kontrolle verloren. Aber es geht um Macht und Kontrolle in diesen Beziehungen. Und dieser Mann war dabei, die Kontrolle zu verlieren.

Welche Ansätze sehen Sie, um gegen diese Formen der Gewalt anzugehen?

Es kann nicht nur um Frauen gehen, es muss auch um die Männer gehen. Männlichkeit wird immer noch viel mit Gewalt assoziiert. Seinen Mann stehen, der Alten zeigen, wer die Hosen anhat – das ist immer noch verbreitet. Da fängt es an.

Gibt es etwas, das man in der aktuellen Krise für den Schutz der Frauen tun kann?

Jetzt kann die Politik – wieder einmal – nur Schadensbegrenzung betreiben. Und das muss sie auch. Es wurde bereits vorgeschlagen, leer stehende Hotels anzumieten, und natürlich muss man die Beratungsstellen offen halten und dafür sorgen, dass genug Personal für Polizeieinsätze zur Verfügung steht. Und dass die Beamten wissen, dass diese Einsätze eine Priorität haben. Dazu würde ein Schulungsprogramm für Polizisten helfen, damit sie den Tätern nicht auf den Leim gehen.

Wichtige Telefonnummern bei Problemen zu Hause:

  • Hilfetelefon “Gewalt gegen Frauen”: 0800 011 6016 (kostenlos)
  • Hilfetelefon “Schwangere in Not”: 0800 404 0020 (kostenlos)
  • Hilfetelefon “Sexueller Missbrauch”: 0800 22 55 530 (kostenlos)
  • “Nummer gegen Kummer” für Kinder: 116 111
  • Elterntelefon: 0800 111 0550 (kostenlos)
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