Nach einer schlimmen Beziehung: Warum passiert mir das alles?

  • Die Frage nach dem Warum beschäftigt wohl jeden, wenn etwas Schlimmes passiert ist.
  • Auch wenn eine Beziehung vorbei ist und man erst dann merkt, wovor man zuvor alles die Augen verschlossen hat.
  • Paartherapeut Christian Hemschemeier versucht, die Frage nach dem Warum zu beantworten.
Christian Hemschemeier
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Menschen, die missbräuchliche Beziehungen hinter sich haben, sind oft völlig fassungslos, wie so etwas passieren konnte. Meist handelt es sich um einen Partner mit deutlichen narzisstischen Anteilen, es kann sich aber auch um andere Dynamiken handeln. Letztlich sind aber vor allem sehr egozentrische, empathielose Partner die Zutat, die es braucht, um eine Beziehung oder eine Trennung zum Horror werden zu lassen. Welches Label man an diese Partner heftet, ist dann auch fast egal.

Man denkt, man hat den Partner geliebt und wurde auch geliebt. Und dann werden oft am Ende oder nach der Beziehung all die Lügen offenbart. Du kannst dann vielleicht nicht fassen, wie dein Ex so sein und gleichzeitig sagen konnte, dass er dich liebt? Wie konntest du an so einer „Theateraufführung“ teilnehmen? Die Frage des Warum zerfrisst die Psyche von vielen förmlich. Es ist tatsächlich wichtig, sich nicht zu lange damit aufzuhalten, weil diese Frage durch dein Nachdenken einer dysfunktionalen Beziehung weiter Nahrung und Energie gibt.

Dieses verzweifelte „Verstehen-Wollen“ ist auch einer der Prozesse, die einen in der Liebessucht und im Liebeskummer festhalten. Das Gehirn möchte verstehen, das Gehirn sehnt sich nach einer Einheitlichkeit. Das Gehirn ist so programmiert, weil für uns unverständliche Dinge natürlich potenziell immer bedrohlich sein könnten. Dennoch ist es ein bisschen so, wie wenn ein Reh verstehen will, warum ein Wolf Fleisch frisst. Es kann es nicht, weil es eine ganz andere Erfahrungslandschaft hat. Die einfachste Antwort auf das Warum wäre: Es ist halt so! Eine Biene sticht. Warum? Weil sie eine Biene ist. Es ist für tendenziell co-abhängige Menschen schlicht unbegreiflich, wie andere Menschen so egozentrisch sein können. Dennoch hier der Versuch, ein paar weitere Antworten zu finden.

Christian Hemschemeier ist Paartherapeut in Hamburg und Experte in Sachen Dating, Partnerschaft und Liebe. © Quelle: Privat/Patan

Die psychologische Ebene: Die Herkunft

Viele Menschen, die in toxisch-egozentrischen Beziehungen feststecken, haben dieses „Grundmuster“ schon in der Kindheit gelernt mit quasi exakt den gleichen Strukturen. Das heißt nicht eins zu eins, dass du automatisch einen narzisstischen Vater hattest, nur weil du jetzt einige narzisstische Männer gedatet hast. Es kann heißen, dass du einen emotional nicht verfügbaren oder kalten Elternteil hattest und dein inneres Kind immer noch leidet unter dieser offenen Wunde. Es kann heißen, dass dein inneres Kind, das noch immer in dir lebt, gerne diese Wunde schließen möchte. Jetzt könnte man denken, ja prima, dann soll es sich doch einen emotional verfügbaren Partner suchen. Aber so einfach ist es leider nicht. Wir haben die Bedingungen unserer Kindheit in einem Teil unserer Psyche wie eine Art Suchmuster gespeichert (das ist der Teil, den ich den Liebeschip nenne). Diese Dinge erleben wir dann als vertraut, normal. Insofern suchen wir uns einen genauso emotional nicht verfügbaren Partner, wie einer unserer Elternteile es war, und hoffen, beten, glauben, dass dieser nun emotional zugänglich wird durch unsere Liebe. Immer wieder gehen wir durch dieses Muster, bis wir unseren Autopiloten erkannt haben und ihn abschalten. Diese fast schon prototypische Geschichte lässt sich übrigens auch in vielen Filmplots finden. Die emotionale Entfernung eines oder beider Elternteile muss nicht durch Narzissmus verursacht sein, oft ist auch eine Suchterkrankung die Ursache, meist Alkohol.

Intermittierende Verstärkung

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Dies ist die einfachste Erklärung. Zumindest dafür, warum man über einen sehr langen Zeitraum in einer zerstörerischen Beziehung geblieben ist. Das Lernen durch Verstärkung (also Belohnung) ist quasi eines der „Grundgesetze“ der Psyche. Die Verhaltensweisen, die zu einer Belohnung führen, wählen wir öfter. Dieser Mechanismus ist in fast allen Lebensformen implementiert. Paradoxerweise lernen wir stärker, wenn diese Belohnung nicht jedesmal erfolgt, sondern völlig unvorhersehbar erscheint. Diesen Mechanismus haben wir bei allen Arten von Glücksspielen (und auch der Spielsucht). Jeder professionelle Hundetrainer weiß, dass Hunde viel intensiver lernen, wenn sie nicht jedes Mal ein Leckerli bekommen, sondern nur ab und zu (zumindest nachdem sie erst mal „angefüttert“ wurden). Was hat das nun mit Beziehungen zu tun? Gerade in toxischen Beziehungen haben wir eine Phase des „Anfütterns“, die Lovebombing-Phase, gefolgt von einer langen Phase von Heiß-Kalt-Verhalten – also unvorhersehbaren Brüchen und Wiedervereinigungen der Beziehung. Die Psyche hält uns drin, weil wir immer wieder zurückwollen zur Anfangsphase – diese aber nie erreichen. Wie anfällig wir dafür sind, hat wieder mit der Biografie sowie unserem genetischen Erbe zu tun.

Die Ego-Schmerzkörper-Ebene

Das Ego ist ein wichtiger Teil in uns, der mehr der körperlichen Ebene zugeordnet ist. Eigentlich ist es einfach dafür da, uns zu schützen vor körperlichem oder emotionalem Schaden, wie eine Art Wächter. Tatsächlich ist das Ego aber immer stärker geworden, sodass heutzutage die meisten Menschen viel mehr mit ihrem Ego identifiziert sind als mit ihrem höheren Bewusstsein. Das Ego ist auch unser Antreiber, der uns zu immer mehr Leistung anspornt, aber uns auch oft nicht ruhen lässt.

Das Ego will mehr Einfluss und Macht. Und ist eigentlich nie satt. Wenn es nicht bekommt, was es will, ist es oft gekränkt und sinnt auf „Vergeltung“. Dennoch ist das Ego nichts „Böses“. Es gehört zu uns. Es wird nur schwierig, wenn das Ego immer auf dem Fahrersitz ist. Der „Schmerzkörper“ ist ein Begriff von Eckhard Tolle, einem bekannten spirituellen Lehrer. Es meint die Ansammlung all der Traumaenergie in unserem System, die aus dem individuellen Leben entstanden ist. Dazu kommen aber auch noch Anteile der oft weitergegebenen Traumaenergie unserer Familienlinie, sowie allgemein der Gesellschaft, in der wir gerade leben. Hier spielt in Deutschland zum Beispiel der Zweite Weltkrieg noch immer eine große Rolle.

Dieser Schmerzkörper ist eng verwoben mit dem Ego und agiert wie eine eigene Instanz. Wenn dein Schmerzkörper aktiviert ist, merkst du das oft nicht. Es fühlt sich ein bisschen an wie eine Taubheit oder eine pulsierende Angespanntheit. Wenn du voll im Schmerzkörper bist, suchst du unbewusst weiteren Schmerz, verletzt andere zum Beispiel durch deine Worte, bis du irgendwann wieder „zu Sinnen“ kommst. Da das Ego immer „mehr“ möchte, liebt es natürlich auch Status in all seinen Formen. Viele Menschen hängen fest in toxischen Beziehungen, weil ihr Ego sie dort drin hält oder überhaupt erst in diese Beziehungen schickt. Das Ego möchte den (scheinbaren) Statusgewinn durch einen vielleicht besonders attraktiven oder beruflich erfolgreichen Partner nicht aufgeben, obwohl dieser Partner absolut nicht kompatibel ist oder grundlegende Werte nicht teilt.

Was hat das nun mit dem Schmerzkörper zu tun? Es gibt oft eine regelrechte Schmerzsucht, auch erkennbar in manchen sexuellen Praktiken. Die Aktivierung des Schmerzkörpers tut zwar weh, aber es ist wie beim Mückenstich, den man immer wieder aufkratzt. Und das, obwohl man weiß, dass das der Wunde nicht guttut und sie so nicht heilen kann. Die Aktivierung des Schmerzkörpers überlagert auch viele vielleicht noch unangenehmere Gefühle wie innere Leere und Depressivität. So sind viele Menschen unbewusst regelrecht dramasüchtig und suchen immer wieder die Achterbahnfahrt. Das ist das Gleiche wie bei vielen Süchten. Der kurzfristige Gewinn durch einen Rausch wird höher bewertet als der langfristige Schaden, der daraus entsteht.

Der Autor und seine Kurse sind zu erreichen über www.liebeschip.de. Sein Buch „Der Liebesode“ ist 2019 im Handel erschienen.

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