Mit viel oder wenig Streit - harmonische Beziehungen sind möglich

  • Streit gehört zu jeder Beziehung dazu – nur die Intensität, mit der Paare ihre Auseinandersetzungen austragen, ist unterschiedlich.
  • Im Wesentlichen gibt es überaktivierte und unteraktivierte Paare.
  • Dabei haben Paare, die selten streiten, die schlechteren Beziehungschancen, weiß Paartherapeut Christian Hemschemeier.
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Streiten ist wichtig und richtig. Ja, Sie haben richtig gelesen. Und ja, das sage ich als Paartherapeut. Doch wie Paracelsus richtig erkannte: “Die Dosis macht das Gift.” Zuviel davon ist ungesund, zu wenig jedoch auch.

Auseinandersetzungen in Beziehungen sorgen dafür, dass Themen ans Tageslicht kommen, mit denen wir oder der Partner uns nicht wohlfühlen. Sind uns diese präsent, können wir daran arbeiten, sie ändern oder bewusst akzeptieren. Viel schlimmer ist es, wenn etwas im Untergrund schwelt, sich dort immer weiter aufbaut und dann erst irgendwann nach langer Zeit zum Vorschein kommt. Oft ist diese “Explosion” dann viel heftiger, als die eigentliche Intensität des Themas. Oder aber es ist zu spät, um noch etwas daran ändern zu können.

Streitpunkt: Jedes Paar tickt anders

Zudem ist Streit nicht gleich Streit. Es gibt Paare, die streiten täglich über Kleinigkeiten. Bei anderen gibt es einmal pro Woche eine lautstarke Auseinandersetzung, wieder andere werten bereits kleine Diskussionen als Streit. Dies hängt sowohl von der Persönlichkeit der Partner und als auch von der Beziehungsdynamik ab. Letzteres ist hier ein gutes Stichwort.

Christian Hemschemeier ist Paartherapeut in Hamburg und Experte in Sachen Dating, Partnerschaft und Liebe. © Quelle: Privat/Patan

Zu mir in die Praxis kommen meist entweder unteraktivierte oder überaktivierte Paare. Unteraktivierte Paare lassen sich gut mit einer innigen Freundschaft oder einer Beziehung unter Geschwistern vergleichen. Sie können wahnsinnig gut miteinander reden, streiten sehr wenig bis gar nicht, sind ein eingespieltes Team, unterstützen sich in allen Lebenslagen und sind immer füreinander da. Nur nicht im Bett. Die körperliche Anziehung und somit der Sex fehlen bei den meisten unteraktivierten Paaren komplett.

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Überaktivierte Paare hingegen streiten quasi ständig und stetig. Bereits Kleinigkeiten sorgen für Auseinandersetzungen, die Beziehung läuft einfach nicht rund. Es hakt und klemmt an allen Ecken und Enden. Nur nicht im Bett. Dort läuft es extrem gut, da sie versuchen nach einem Streit die fehlende Nähe wiederherzustellen. Mit Erfolg, zumindest bis zur nächsten Auseinandersetzung.

Ein harmonisches Beziehungsleben ist trotzdem möglich

Welche Paare haben nun besser Aussichten auf eine weitere gemeinsame Zukunft? Vermutlich tippen die meisten auf erstgenannte. Leider nein. Denn bei unteraktivierten Paaren kann das Feuer oft schon erloschen sein. Ein solches wieder zum Lodern zu bringen, ist zwar möglich, erfordert aber eine hohe Motivation beider Partner. Und eben diese ist meist nicht mehr vorhanden.

Bei überaktivierten Paaren lodert dieses Feuer meist zu stark. Überall liegen Brandherde, die sich immer wieder schnell entzünden. Doch ist sich das Paar dessen bewusst und erarbeitet Strategien, um diese Brandherde zu beseitigen oder einzudämmen, ist ein harmonisches Beziehungsleben durchaus möglich.

Die Mühe muss sich lohnen

Doch wie bei allen Paarthemen bestehen die besten Aussichten auf Verbesserung dann, wenn beide gewillt sind, etwas zum Positiven zu verändern. Und diese Motivation sollte intrinsisch sein. So sehr wir uns auch anstrengen und versuchen, unseren Partner davon zu überzeugen – ist er es selbst nicht, stehen die Erfolgschancen schlecht. Zudem sollten wir bei all unserem Bestreben bedenken, dass wir immer nur 50 Prozent Beziehungsanteil haben. Sprich: Selbst wenn ich 120 Prozent gebe, betrifft das dennoch nur die Hälfte der Beziehung.

Investiert mein Partner nichts oder nur wenig, kann ich alleine trotz größter Anstrengung nichts ausrichten. Doch das sollte auch nicht unser Ziel sein. Ziehen wir gemeinsam mit unserem Partner an einem Strang, lohnen sich alle Mühen. Bemerken wir jedoch, dass wir alleine ziehen, ist Loslassen die bessere Variante. Und die gesündere – für uns, unser Leben und vor allem unseren Selbstwert.

Der Autor und seine Kurse sind zu erreichen über www.liebeschip.de. Sein Buch “Der Liebescode” ist 2019 im Handel erschienen.

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