Das Menstruationstabu: “Unsere Einstellung ist das Problem”

  • Sie ist eines der natürlichsten Phänomene und wird doch als etwas Unangenehmes angesehen: die Menstruation.
  • Deshalb ist der internationale Tag der Menstruationshygiene der richtige Zeitpunkt, um mit alten Vorurteilen aufzuräumen.
  • Im RND-Interview spricht Aktivistin und Buchautorin Franka Frei über das eigentliche Problem hinter dem schamvollen Umgang mit der Periode.
Michèle Förster
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Die Hälfte der Weltbevölkerung menstruiert – jeden Monat aufs Neue. Frauen haben durchschnittlich sieben Jahre ihres Lebens ihre Monatsblutung. Trotzdem gelten menstruierende Frauen in vielen Teilen der Welt als unrein. Mädchen in Indien, Bangladesh und Pakistan lernen von klein auf, sich für ihre natürliche Körperfunktion zu schämen und ihre Periode zu verbergen. Durch den fehlenden Zugang zu Menstruationsprodukten leiden Mädchen in Entwicklungsländern nicht nur häufiger unter Infektionen, sondern gehen auch regelmäßig nicht zur Schule.

Am internationalen Tag der Menstruationshygiene am 28. Mai soll weltweit Aufklärung über Menstruation betrieben werden. Aus diesem Grund veranstaltet Viva con Aqua am heutigen Donnerstag ein Livestream-Festival, bei dem das Thema Menstruation enttabuisiert und Mädchen und Frauen weltweit der Zugang zu Hygieneartikeln und Sanitäranlagen ermöglicht werden soll. Im RND-Interview spricht Menstruations-Aktivistin Franka Frei über die falsche Darstellung der Periode in Filmen und der Werbung, welche Rolle die Politik dabei spielt und wie eine Welt aussehen würde, in der anstatt Frauen nur die Männer menstruieren.

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Das heutige Livestream-Festival von Viva con Agua, an dem Sie teilnehmen, will dabei helfen, Frauen weltweit den Zugang zu Hygieneartikeln und Wasser zu ermöglichen. Auf welche Aspekte wollen Sie dabei aufmerksam machen?

Es ist toll, dass der Menstrual Hygiene Day ins Leben gerufen wurde, um darauf aufmerksam zu machen, dass es oft an den nötigen Mitteln wie Zugang zu Wasser oder Hygieneprodukten fehlt. Der Tag hat aber auch noch eine zweite – und in meinen Augen sehr viel wichtigere – Komponente: Die Enttabuisierung. Wir sollten unsere Sichtweise auf Menstruation überdenken, denn der Zyklus ist nicht nur normal, sondern kann auch genutzt werden, um Informationen über die eigene Gesundheit zu gewinnen. Statt Scham sollte es um das Potential gehen, das hinter dem Zyklus steckt. Dabei ist mir der ganzheitliche Blick auf das Thema wichtig. Es geht nicht nur um Mädchen in Afrika, die während ihrer Menstruation nicht in die Schule gehen. Nicht Menstruation ist das Problem, sondern der Umgang mit ihr. Mein Beitrag soll den Blick darauf richten, was alles möglich wäre, wenn das Wissen über die Menstruation richtig genutzt werden würde.

Sie sind selbst bereits einige Monate durch Südasien gereist. Dort haben Sie mit den Frauen über die Probleme gesprochen, die die Menstruation mit sich bringt. Woran mangelt es Mädchen und Frauen in diesen Teilen der Welt am meisten?

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Bei einem Besuch einer privilegierten Privatschule in Pakistan habe ich selbst erlebt, dass die Mädchen keine Binden benutzen. Das liegt gar nicht einmal an den Kosten, sondern an der Zugänglichkeit. Industrielle Wegwerfbinden sind ja eine westliche Erfindung. In Indien und Pakistan wird stattdessen oft eher Stoff benutzt. Das ist an sich nicht problematisch, aber die benutzten Stoffe müssen auch ausgewaschen und getrocknet werden. Viele Mädchen dort haben mir erzählt, dass sie sich so sehr schämen, jemand könnte die benutzten Periodenlappen finden, dass sie diese heimlich im Schrank oder unter dem Bett trocknen. Wenn die Stoffe nicht keimfrei sind, kann das gefährliche Infektionen hervorrufen.

Die Mädchen gehen während ihrer Periode auch teilweise nicht in die Schule, weil sie dort keine Möglichkeit haben, die Stoffbinden zu wechseln. Selbst wenn die Mädchen Einmalbinden benutzen würden – auf der Schultoilette gibt es keine Abfalleimer. Wenn man sich überlegt, dass so etwas Banales dazu führt, dass Mädchen nicht zur Schule gehen, sollten wir darüber nachdenken in welcher Welt wir leben.

Franka Frei, 1995 in Köln geboren und im österreichischen Salzburg aufgewachsen, wurde quasi aus Versehen zur Expertin für Menstruation. Ein Facebook-Post, der zeigt auf welchen Widerwillen das Thema "Tabu und Menstruation" für ihre Bachelorarbeit stieß, ging viral. © Quelle: Tibor Bozi/Random House

Nicht nur in Asien, auch bei uns sprechen Frauen meistens nicht offen über ihre Periode. Woher kommt diese Scham?

Dafür muss man in unserer Kulturgeschichte sehr weit zurückgehen. Schon im dritten Buch Mose finden sich etliche Seiten über die Unreinheit der Frau. Und obwohl wir jetzt in einer weniger säkularen Welt leben, schämen wir uns heute nach wie vor. Die Sicht auf Weiblichkeit als etwas Fehlerhaftes und Minderwertiges gegenüber dem Mann hat sich über die Jahrtausende getragen. Die Scham ist also tief in unserer Sozialisierung verwurzelt. Außerdem wird sie durch die Medien befeuert. In der Werbung für Menstruationsprodukte wird beispielsweise die Periode nicht mal beim Namen genannt. Statt Blut wird eine blaue Flüssigkeit eingesetzt – was ist denn falsch an Rot? Uns wird sehr früh beigebracht, dass wir die Menstruation verheimlichen müssen. Das ist genau der Knackpunkt: Gerne wird die Menstruation als das Problem dargestellt – aber viel mehr ist es unsere erlernte Sicht darauf.

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Ihr Engagement als Aktivistin hat mit Ihrer Bachelorarbeit über die Menstruation in den Medien angefangen. Denn dafür fand sich lange kein Betreuer. Haben Sie mit so einem Widerstand seitens der Universität gerechnet?

Nein, gar nicht. Es ist doch etwas Natürliches, warum sollte man das Thema nicht behandeln? Erst beim Schreiben der Bachelorarbeit ist mir klar geworden, wie viele Facetten das Problem eigentlich hat. Dabei geht es zum Beispiel um Aspekte der Wirtschaft, Umwelt, Sozialpolitik und natürlich der Biologie und Medizin. Mich hat es sehr schockiert, dass man mir die Bedeutung und Wissenschaftlichkeit des Themas abgesprochen hat. Das zeigt ja nur, wie tief verwurzelt das Menstruations-Tabu in allen gesellschaftlichen Bereichen ist.

Warum ist die Menstruation noch immer ein Tabuthema? Liegt es etwa am Blut?

Dass Menstruationsblut teilweise mit dem gleichen Ekel wie Urin oder Kot betrachtet wird, zeugt von einer sehr frauenverachtenden Sichtweise und großem Unwissen über den weiblichen Körper. In unserer Gesellschaft gilt der Mann immer noch als Norm, auch in der Medizin. Deshalb geht auch die Betrachtung der Menstruation als etwas Abnormales mit unserer Unsicherheit darüber einher. Außerdem halte ich die Darstellung der Menstruation in Serien und Filmen für problematisch. Menstruation kommt darin nämlich meistens nur dann vor, wenn sie ausbleibt. Menstruierende werden als Eiscreme schaufelnde, hysterischen Frauen dargestellt und die Periode mit Ekel verbunden. Das wirft natürlich ein schlechtes Bild auf die Menstruation.

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Ähnlich verhält es sich mit sexuellen Übergriffen auf Frauen. Mit dem Format “Männerwelten” haben Sophie Passmann und Palina Rojinski dieses Problem vor kurzem im Fernsehen öffentlich gemacht. Hängen die beiden Phänomene zusammen?

Absolut! Auch bei sexuellen Übergriffen geht es um Scham. Frauen trauen sich oft nicht, über das, was ihnen passiert ist, zu reden oder die Täter anzuzeigen. Weil sie immer wieder das Gefühl vermittelt bekommen, sie hätten Schuld daran oder etwas falsch gemacht. Scham ist ein unglaublich mächtiges Unterdrückungsinstrument. Sie wird auf vielen Ebenen benutzt, zum Beispiel in Form von Slut Shaming, Body Shaming oder dem Victim Blaming bei sexuellen Übergriffen. Und so funktioniert auch Period Shaming, was dazu führt, dass Frauen weiterhin in dieser untergeordneten Position bleiben. Dabei will ich nicht sagen, Männer wären schuld daran. Aber wir sollten dieses System überdenken, das aus einer Zeit stammt, in der Frauen nichts zu sagen hatten. Wir sind eine moderne Gesellschaft und sollten auch über Menstruation sprechen können. Das ist nämlich etwas, was die Hälfte der Bevölkerung für 40 Jahre ihres Lebens hat.

In ihrem Buch "Periode ist politisch" zeigt Franka Frei, dass das Menstruationstabu weitreichende Konsequenzen für Umwelt, Wirtschaft und die Geschlechtergleichstellung hat – und dass es höchste Zeit ist, etwas dagegen zu tun. © Quelle: Random House

In Ihrem Buch betonen Sie, dass die Periode vor allem ein politisches Problem ist. Wie ist das zu verstehen?

Bei der Menstruation geht es nicht nur um biologische Aspekte, sondern auch um ökologische, soziale, medizinische und wirtschaftliche. Die Tamponsteuer ist da nur die Spitze des Eisbergs. Der bis vor kurzem geltende erhöhte Steuersatz war absolut lächerlich – als sei Menstruieren ein luxuriöses Hobby. Wir brauchen Menstruationsprodukte, um am Alltag und in der Arbeitswelt teilzunehmen. Deshalb sollten sie auch kostenlos verfügbar sein. Zudem sind Hersteller von Menstruationsartikeln in Deutschland nicht dazu verpflichtet, die Inhaltsstoffe anzugeben. Diese Produkte tragen wir in unserem Leben hochgerechnet sieben Jahre lang an den empfindlichsten Schleimhäuten unseres Körpers. Natürlich ist nicht jedes Menstruationsprodukt toxisch – aber eine herkömmliche Binde besteht zu 90 Prozent aus Kunststoff und es finden sich häufig auch Duftstoffe und schädliche Chemikalien darin.

Dazu kommt, dass Schmerzen wegen der Periode oft nicht ernst genommen werden. Krankheiten wie Endometriose sind derartig schlecht erforscht, dass eine Diagnose im Durchschnitt erst nach 10 Jahren feststeht. Ein Gesundheitsminister, der nicht aus eigener Erfahrung weiß, was Menstruationsbeschwerden sind, wird wohl kaum 3,5 Millionen Euro dafür in die Forschung stecken. Wenn wir dem Thema in unserem Alltag keine Aufmerksamkeit schenken, ist es nur logisch, dass es auch nicht auf politischer Ebene ankommt. Dabei sollte es dringend Änderungen geben. Wir sollten nicht auch noch mit unserer Gesundheit dafür bezahlen, dass wir menstruieren.

Einmal angenommen die Periode würde Männer anstatt Frauen betreffen. Wäre sie dann wohl auch so negativ behaftet?

Dazu gibt es ein fabelhaftes Essay von Gloria Steinem, “If Men Could Menstruate”. Darin entwirft Gloria Steinem schon in den Achtzigern eine Welt, in der Menstruation kein weibliches, sondern ein männliches Phänomen ist. In ihrer Vorstellung wäre Menstruation dann ein Zeichen körperlicher Stärke und Tapferkeit. Man würde sich damit brüsten, wer die stärkere Blutung hat und es gäbe an jeder Ecke Menstruationsprodukte. Die Periode wäre plötzlich etwas Positives. Ich denke auch, dass es eine andere Welt wäre.

Alles zur Menstruation: Das Livestream-Festival von Viva con Agua

Ins Leben gerufen wurde der Menstrual Hygiene Day 2013 von der Organisation WASH United (Water, Sanitation, Hygiene). In diesem Jahr organisiert auch Viva con Aqua einen 15-stündigen Charity-Livestream auf Twitch, um Projekte in Simbabwe, Malawi und Nepal finanziell zu unterstützen. Mit dem kostenlosen Livestream möchte die Hamburger Organisation das Thema Menstruation enttabuisieren und Mädchen und Frauen weltweit den Zugang zu Hygieneartikeln und Sanitäranlagen ermöglichen. Wer die Arbeit von Viva con Agua unterstützen möchte, ist eingeladen zu spenden.

Das Festival bietet einen kreativen Mix aus interessanten Gesprächen und Interviews, Konzerten, Kunst und Lesungen. Eine Profifussballerin spricht über Menstruation im Sport, es gibt Berichte aus den Projektländern. Eine Psychologin erklärt, was die Menstruation mit Frauen machen kann. Quiz und Poetry Slam runden das Programm ab.

Mit dabei sind unter anderem Lena Meyer-Landrut, Frida Gold, die Influencerinnen Natasha Kimberley und Louisa Dellert, Jeanine Michaelsen, Laura Wontorra und die Aktivistin Franka Frei.

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