Mein Mann sitzt im Knast – das Protokoll einer krimireifen Geschichte

  • Wie muss es sich anfühlen, herauszufinden, dass der eigene Mann ein gesuchter Krimineller ist?
  • Für Regine und ihre Kinder wurde diese Horrorvorstellung Realität.
  • Was nun bleibt, ist ein Berg Schulden – und Besuche im Gefängnis.
Gitta Schröder
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„Als die Polizei meinen Mann abführte, begann für mich und die Kinder der Horror.“ Regine Wernstedt (42) aus Bergen erfuhr erst bei seiner spektakulären Verhaftung, dass ihr Mann ein lange gesuchter Internetbetrüger war. Zusammen mit ihren Kindern versucht sie heute, ihr Leben neu aufzubauen. Ihre unglaubliche Geschichte.

Krimireife Szene: Vater in Handschellen abgeführt

„Ich erinnere mich noch genau an diesen Morgen vor zwei Jahren. Ich saß mit den Kindern beim Frühstück, während mein Mann Ingo noch im Bad war. Plötzlich hämmerte es gegen unsere Wohnungstür. Aufmachen – hier ist die Polizei! Und als ich die Tür öffnete, drängten schon drei bewaffnete Uniformierte an mir vorbei in die Wohnung. Was für ein Albtraum! Auch für die Kinder. Schließlich mussten sie mitansehen, wie ihr Vater in Handschellen abgeführt wurde und mit Blaulicht davonfuhr. Unter den Augen aller Nachbarn, die die krimireife Szene natürlich neugierig verfolgten.

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Ein Zufall lies den Kriminellen auffliegen

Richtig begreifen konnte ich das alles, was gerade geschehen war, aber erst, als die Polizistin, die bei mir geblieben war, in Ruhe von den betrügerischen Machenschaften meines Mannes erzählte. Die Beamten waren ihm wohl schon längere Zeit auf den Fersen. Doch Ingo hatte immer wieder seine Identitäten geändert, wenn er leichtgläubigen Internetkunden per Vorkasse Geld für teure Computer abgeluchst hatte, die diese allerdings nie bekamen.

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Letztlich war die Polizei Ingo durch einen Zufall auf die Schliche gekommen, als er etwas angetrunken in einer Poker-Runde prahlte, wie leicht man Menschen mit der Internetmethode ausnehmen könne. Dumm nur für ihn, dass einer der Spieler ein verdeckt ermittelnder Zivilpolizist war.

Das mühsam Ersparte wurde verzockt

Anfangs stand ich selbst sogar noch unter Verdacht, mit von der verbrecherischen Partie zu sein. Doch zum Glück – und nur das rechne ich meinem Ex-Mann hoch an – hatte Ingo mehrmals versichert, dass seine Betrugsgeschäfte allein von ihm ausgetüftelt worden waren und ich nie etwas vom ergaunerten Geld sah, das kurze Zeit später schon wieder verloren war. Denn Ingo war offensichtlich nicht nur kriminell, sondern auch spielsüchtig.

Das hieß, er hatte nicht nur zahllose Menschen um ihr Geld gebracht, sondern sich auch an unserem gemeinsamen Konto bedient und es hemmungslos überzogen. All meine mühsam erarbeiteten Ersparnisse, die ich für die Ausbildung der Kinder zurückgelegt hatte – fort! Warum nur hatte ich Ingo treuherzig die Verwaltung unserer Finanzen überlassen? Einem notorischen Betrüger und Verbrecher.

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Die Kinder wurden gehänselt

Leidtragende der ganzen Situation waren leider auch unsere zwei Kinder. Justus war damals zwölf und Smilla acht Jahre alt. Beide kamen in den nächsten Wochen häufig weinend von der Schule, weil die anderen Kinder sie wegen ihres ‚Knastvaters‘ gehänselt hatten. Denn in unserer Kleinstadt wusste irgendwann natürlich jeder, dass Ingo zu drei Jahren Haft verurteilt wurde.

Trotzdem versuchte ich, den Hass auf meinen Ex nicht den Kindern zu zeigen und ihnen zu ermöglichen, ihren Vater im Gefängnis zu besuchen. Doch Justus, der sich anscheinend auf meine Seite stellen wollte, lehnte jeden Kontakt ab. Nur Smilla hielt daran fest, Ingo noch einige Zeit lang zu besuchen.

Umzug und Zwölf-Stunden-Schichten, um Schulden abzuzahlen

Dann nahm auch sie ihm übel, was er uns angetan hatte. Denn die Kinder und ich waren gezwungen, in eine winzige Zweizimmerwohnung umzuziehen, weil ich Schulden in Höhe von 15.000 Euro abbezahlen musste. Und Zwölf-Stunden-Tage waren lange normal für mich, als ich neben meinem Job als Altenpflegerin noch als Kassiererin arbeitete.

Was mir aber neben der ganzen Ackerei noch mehr zu schaffen machte, war, dass die Leute immer noch über mich als der ‚Frau des Betrügers‘ klatschten. Trotz unserer Scheidung. Und obwohl ich nie etwas damit zu tun hatte. Seit jenem Albtraummorgen vor zwei Jahren konnte ich auch keinerlei Beziehung zu einem Mann mehr eingehen. Ich bin extrem misstrauisch. Denn mein Vertrauen ist an jenem Morgen vor zwei Jahren für immer zerbrochen.“

Das Gespräch führte Gitta Schröder.

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