Liebe ist kein Tourismus: Wie binationale Paare noch immer unter Corona leiden

  • Überall auf der Welt gibt es derzeit getrennte Paare, die sich womöglich für lange Zeit nicht wiedersehen können
  • In Corona-Zeiten kennt die Liebe eben doch Grenzen.
  • Der Hashtag #LoveIsNotTourism steht für solche Schicksale – und für politische Forderungen.
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Berlin. 2020 sollte ihr Jahr werden. Romantische Hochzeit samt großer Gartenparty und endlich zusammen in einem Land leben – Andreas Kurth und seine thailändische Freundin Anny hatten alles bis ins Detail geplant. Seit fünf Jahren sind sie ein Paar, über Grenzen und Kontinente hinweg. Damals hatte die heute 30-Jährige den Deutschen in einem kleinen Restaurant im Örtchen Rawai auf Phuket mit ihrer feinen Küche verzaubert – und der Produktionsleiter verliebte sich nicht nur in das würzige Curry Massaman, sondern auch in die Köchin. Am 10. Juni wollten sie sich in Linnich in Nordrhein-Westfalen das Jawort geben.

Seit Januar konnte sich das Paar nicht sehen

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Das Brautkleid hatten sie schon im vergangenen Jahr bei Annys letztem Deutschlandbesuch gekauft, "jetzt hängt es oben unbenutzt im Schrank", sagt der 49-Jährige. Die Enttäuschung ist ihm anzumerken. Seine Freundin hat er im Januar zuletzt gesehen, denn dann kam Corona. "Im März wollten wir zusammen in Phuket das Heiratsvisum beantragen, aber die deutsche Botschaft hat uns damals mitgeteilt, dass vorläufig überhaupt keine Visa ausgestellt würden." Liebe kennt keine Grenzen? In Pandemie-Zeiten doch.

Aufruf im Netz: Liebe ist kein Tourismus

Stichwort Grenzschließungen. Für unverheiratete Paare rund um den Globus ein Alptraum: Wer keinen Trauschein vorweisen kann, führt vielerorts seit Monaten eine Beziehung über WhatsApp oder Skype. Unter dem Hashtag #LoveIsNotTourism (“Liebe ist kein Tourismus”) machen Betroffene in sozialen Netzwerken ihrem Unmut über die erzwungene Trennung Luft – und es sind viele, sehr viele. Liebe sei eben kein Tourismus, für Liebende müssten somit andere Regeln gelten als für Touristen, sagt auch der FDP-Europaabgeordnete Moritz Körner.

Inzwischen hat sich die Politik eingeschaltet

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“Ich habe an einem Wochenende Ende Juni gleich mehrere E-Mails zum Thema bekommen. Da habe ich entschieden, mich zu engagieren, weil die persönlichen Geschichten echt ans Herz gingen und ich finde, dass Corona die Liebe dieser Paare nicht dauerhaft verhindern darf”, sagt er. Unter anderem hat er sich bereits an Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) gewandt. “Im Innenausschuss des Parlaments habe ich ihn aufgefordert, Ausnahmen für Liebespaare zu machen. Er hat zugesagt das “Ärgernis” zu lösen – bis jetzt ist allerdings in Deutschland noch nichts passiert.”

Am Wochenende hat sich auch Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) in die Debatte eingeschaltet und nationale Lösungen gefordert. "Deutschland sollte in Europa Vorreiter und nicht Nachzügler sein, wenn es darum geht, geliebte Menschen wieder zusammenzubringen, die durch Corona seit Monaten auseinandergerissen sind", sagte er dem "Spiegel". Seehofer will hingegen, dass zunächst einmal die EU-Kommission konkrete Empfehlungen macht, wie ein EU-weit abgestimmtes Vorgehen bei dem Thema aussehen könnte. Länder wie Dänemark, Österreich, die Schweiz und die Niederlande gehen bereits eigene Wege und haben Lösungen für binationale Paare gefunden.

Diese Liebesgeschichte ging um die Welt

Das freut auch die Senioren Karsten Tüchsen Hansen und Inga Rasmussen: Denn nachdem die Dänen ihre Grenzen im März dichtgemacht hatten, trieb das auch einen räumlichen Keil zwischen den 89-jährigen Hansen aus Süderlügum in Schleswig-Holstein und seine vier Jahre jüngere Freundin aus dem dänischen Gallehus. Doch das Paar fand eine ganz eigene Lösung: Die beiden fuhren täglich per E-Bike und Auto an den Grenzübergang Aventoft, um miteinander Kaffee zu trinken und zu klönen – jeder auf seiner Seite der abgesperrten Grenze. Die Geschichte, die es sogar in die “New York Times” schaffte, hat mittlerweile ein Happy End gefunden: Karsten und Inga trinken jetzt wieder aus einer Kanne ihren Kaffee, nachdem Dänemark die Beschränkungen für Liebende aufgehoben hat.

Wieder vereint: Inga Rasmussen aus Dänemark (85) und Karsten Tüchsen Hansen (89) aus Nordfriesland umarmen sich an der deutsch-dänischen Grenze. Nach Schließung der Grenze am 14.03.2020 hatten sich die beiden täglich nur noch am Schlagbaum getroffen. Dann hatte Dänemark die Corona-Regelungen zur Freude des Paares aber wieder gelockert. © Quelle: Carsten Rehder/dpa
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In der vergangenen Woche zogen auch die Niederlande nach – und Mick Janssen (36) aus Arnheim ist “super-glücklich”, wie er im staatlichen Radio sagte. Nach fast fünf Monaten ist er endlich wieder mit seiner geliebten Renata (33) aus São Paulo in Brasilien vereint. “Die Fernbeziehung war schwer, aber dank Internet nicht unmöglich. Wir haben uns 50.000 WhatsApp-Nachrichten geschickt”, so Mick. Aber auch die hätten das echte Beisammensein nicht ersetzen können.

Allmählich verzweifeln die Menschen – vor allem homosexuelle Paare

Für etliche andere geht die qualvolle Sehnsucht weiter. “Wer aufmerksam die Schilderungen aus der ganzen Welt verfolgt, spürt eine zunehmende Verzweiflung der Menschen. Auch, weil ihnen noch nicht einmal eine Perspektive geboten wird, wann dieser Zustand beendet wird”, sagt der Gesundheitsminister von Schleswig-Holstein, Heiner Garg (FDP). Aber er ist hoffnungsvoll: “Nach den klaren Äußerungen von Außenminister Maas vom Wochenende bin ich derzeit verhalten optimistisch, dass es auch in Deutschland zu einer Regelung kommt.”

Verzwickt ist die Situation unterdessen speziell für LGBTIQ-Paare. Denn in vielen Ländern dürfen sie – im Unterschied zu heterosexuellen Paaren – gar nicht heiraten. So haben sich Spyridon Karatzas (39) und Mark Andrew (34) seit Dezember nicht mehr gesehen – und wissen nicht, wann das nächste Mal sein wird. Der Grieche Spyridon lebt in Deutschland, Mark stammt von den Philippinen und arbeitet in Dubai. Seit sechs Jahren sind sie ein Paar.

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Menschen aus einigen Drittstaaten dürfen wieder einreisen

Gegenseitige Besuche oder gemeinsame Urlaube gelangen meist alle zwei bis drei Monate. Im März wollten sie sich wiedersehen – dann kam Corona. Auch der mittlerweile wiederaufgenommene Flugverkehr hilft ihnen nicht: Spyridon müsste in Dubai zwei Wochen in Quarantäne, Mark darf als Nicht-EU-Bürger bislang überhaupt nicht einreisen. Es bleiben nur Gespräche über Skype und Zoom – und die Hoffnung auf einen Impfstoff. “Es ist echt hart”, sagt Spyridon.

Für Andreas Kurth gibt es derweil Hoffnung, dass es bis zum Jahresende doch noch mit der Hochzeit klappt. Denn seit dem 2. Juli dürfen Menschen aus ausgewählten Drittstaaten wieder nach Deutschland einreisen – darunter auch aus Thailand. Als nächster Termin für das Standesamt ist der 6. November angedacht, falls es dieses Mal mit dem Visum klappt. Auf dem Smartphone betrachtet er Fotos von Anny. “Wir freuen uns einfach unbändig darauf, bald wieder zusammen zu sein.”

RND/dpa

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