Liebe in modernen Zeiten

  • Die Liebe ist ein seltsames Spiel, das war schon immer so.
  • Aber in unserer Gegenwart hat sie sich noch mal richtig verändert.
  • Wie? Ein grandioser Roman und eine fantastische Graphic Novel spielen mit dem Thema.
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Wir modernen Menschen sind vom Stamme Nimm. Wir nehmen uns, was wir wollen. Unser Konsumdrang kennt keine Grenzen, ebenso wenig unsere Konsummöglichkeiten. Und so stellen wir uns auch die Liebe so zusammen, wie sie uns gefällt. Partner werden aussortiert, wenn uns jemand Besseres über den Weg läuft. Und dabei gilt: In der weit vernetzten, bildmächtigen, partnervermittelten Welt gibt es immer irgendwie irgendwo jemand Besseren. Scheidungsraten und die Anzahl der Singles sprechen ihre eigene Sprache.

Liv Strömquist hat sich für ihre Graphic Novel “Ich fühl’s nicht” durch soziologische und philosophische Bücher gearbeitet und ihre Erkenntnisse über Liebe in modernen Zeiten gezeichnet und aufgeschrieben. Das Buch ist ein kluges und zugleich lustiges Plädoyer für die Kraft der Liebe. So unterscheidet sie zwischen typisch intuitiver Partnerwahl und typisch rationaler Partnerwahl. Intuitiv geht so:

“Warum hast du dich dafür entschieden, drei Kinder zu kriegen, einen 700.000-Euro-Kredit aufzunehmen sowie 90 Prozent deiner Freizeit und 100 Prozent deines Urlaubs mit GENAU DIESER PERSON zu verbringen?”

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“Sie hat so eine hinreißende Zahnlücke.”

Sie hat ihm den Kopf verdreht, so hieß es früher mal.

Bei der rationalen Partnerwahl sitzt ein Mann vor seinem Rechner und denkt: “Eva, Åsa und Johanna sind eigentlich alle drei gut. Eva hat allerdings ein schlechteres Golf-Handicap. Andererseits ist ihr Arsch ein bisschen knackiger. Ich nehme Eva.”

Partnerschaft wird immer reflektierter

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So klingt Partnerwahl in Zeiten des konsumorientierten Kapitalismus. Der Partner wird zur Ware. Die israelische Soziologin Eva Illouz meint dazu, der Wert jeder Beziehung werde heute im Kopf der jeweiligen potenziellen Partner überschlagen. Jeder benehme sich gegenüber seinem Nächsten wie ein Konsument, schmeißt weg und kauft neu.

Wie ein junges Paar diese rationalisierte, reflektierte Art der Partnerschaft (durch)lebt, hat Leif Randt in seinem großartigen Roman “Allegro Pastell” beschrieben. Darin führen die Schriftstellerin Tanja und der Webdesigner Jerome eine Fernbeziehung. Beide sind erfolgreich, sie hat den viel gelobten Roman “PanoptikumNeu” geschrieben, er verdient ordentlich Geld mit seinen Websites, es ist die Welt der Schönen und Erfolgreichen.

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Beobachter der Gegenwart: Leif Randt. © Quelle: Zuzanna Kaluzna

Ihre Beziehung unterliegt einer dauerhaften Diskussion, einer Standortermittlung, ohne dass dies zu komplizierten Partnerschaftsgesprächen führt. Es ist ihrer beider Selbstverständnis. “Schon während ihres zweiten Treffens ... hatten sie sich darauf geeinigt, dass Jerome ihr eine Webseite bauen sollte – tanja.arnheim.space –, und zugleich darauf, dass sie von nun an ein Paar sein wollten.” Homepage, Partnerschaft, zwei bewusst getroffene Entscheidungen und abgehakt.

“Jerome kokettierte mit der Rolle des überglücklichen heterosexuellen Partners”

Jerome und Tanja sind zutiefst selbstreflektiert – und spielen zugleich mit ihren Rollen. “In der gut besuchten U-Bahn saßen sie nebeneinander und küssten sich mit geschlossenen Augen. Jerome kokettierte mit der Rolle des überglücklichen heterosexuellen Partners”, heißt es an einer Stelle, Jerome unterschied zwischen “einer inneren Persönlichkeit, die nur er selbst kennen konnte, und einer äußeren Persönlichkeit, die sich aus den Zuschreibungen der Umwelt zusammensetzte. Seine äußere Persönlichkeit konnte er auf Fotos und im Spiegel erahnen, da er dort die Blicke, Unterstellungen und Assoziationen anderer automatisch mitdachte” an einer anderen Stelle.

Die Gefahr einer solchen permanenten Selbstbespiegelung beschreibt Liv Strömquist mit den Worten des beliebten Gegenwartsphilosophen Byung-Chul Han. Demzufolge “wird in dieser unserer spätkapitalistischen Epoche die Libido (die sexuelle Energie) in erster Linie in DIE EIGENE Subjektivität investiert (Beispiel: Man macht lieber ein sexy Selfie als ein sexy Bild von jemand anderem)”.

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In “Allegro Pastell” bekommt die Beziehung zwischen Tanja und Jerome Brüche. Es herrschte gar kein Streit, so richtig weiß niemand, warum Tanja Schluss macht. Wahrscheinlich weiß sie es selbst nicht. “Es gibt in Berlin momentan eine Tendenz, die mir nicht gefällt. Die jungen Leute suchen wieder feste Partnerschaften”, schreibt Tanja noch vor der Trennung an Jerome. “Die kurze Phase, als die Smartphones eine Schleuse hin zu einem ständig wiederkehrenden Anfangsprickeln öffneten, scheint vorüber.”

Die Liebe wird zur Ware

Nach der Trennung sind beide schnell wieder in neuen Affären und Beziehungen – der Warenkorb ist ja voll. Die Verbindung der beiden bleibt zwar bestehen, aber wie? “Ich könnte ihn jetzt nicht sehen. Aber ich vermisse das Gefühl, gerne an ihn zu denken”, sagt Tanja über Jerome, den sie gerade verlässt.

Das droht aus dem Zusammenhang gerissen leicht verschwurbelt zu klingen. Doch Leif Randt hat einen enorm wichtigen und faszinierenden, stilistisch sehr stringenten Roman geschrieben, der in seiner Gegenwartsdurchdringung an Christian Krachts “Faserland” erinnert. Er beginnt im Frühjahr 2018 und endet im Sommer 2019. Die Marken, die Musik und das ganze gesellschaftliche und kulturelle Interieur wirden in bester popliterarischer Tradition ausgeleuchtet. Kommuniziert wird über Telegram, iMessage oder Snapchat. Firmen werden beim Namen genannt. Leser und Romanfiguren leben in derselben Welt, zumindest oberflächlich. Und jetzt wird erst mal Yung Lean aufgelegt.

Ständig geht es bei den Protagonisten um ein Erkennen und Erleben der eigenen Wünsche. Jerome und Tanja und all die anderen Romanfiguren sind sehr hip. Sie gehen in Clubs, nehmen Drogen, tragen Luxusklamotten oder aber auch nur Fakeluxusklamotten – am Ende kommt es ja doch nur auf die Wirkung an: “Die ersten warmen Tage eines Jahres trugen in großen Städten ein soziales Stresspotenzial in sich, in Berlin ging es darum, möglichst publikumswirksam eine gute Zeit zu haben.”

Am Ende sind Leif Randts wie auch Liv Strömquists Buch mehr oder weniger heimliche Plädoyers für die große, ganze, nicht rationalisierte und unreflektierte Liebe. Und damit im Grunde romantische Werke. In “Ich fühl’s nicht” steht die Dichterin Hilda Doolittle auf dem Deck eines Schiffs. Sie trifft dort den Architekten Peter van Eck. Er erscheint ihr plötzlich viel attraktiver als bislang, eine Narbe im Gesicht ist verschwunden. Und sie sehen Delfine.

Die Liebe macht alles farbig: Eine Sequenz aus Liv Strömquists “Ich fühl’s nicht”. © Quelle: Liv Strömquist

Dem Telegrafen des Schiffs sind keine Delfine aufgefallen. Doolittle meint daher im Nachhinein, sie müsse in einer anderen Dimension gewesen sein. Von jetzt auf gleich in einer anderen Welt, verrückt vor Liebe. Und in dieser anderen, schönen, voraussetzunglosen, unreflektierten Welt, dort springen Delfine “in rhythmischer Folge wie Mondsicheln oder Halbmonde aus dem Wasser”. Diese Zeichen der vollkommenen Verknalltheit sind die einzigen Bilder, die Liv Strömquist in ihrem Buch farbig gezeichnet hat.

Leif Randt: “Allegro Pastell” ­(Kiepenheuer & Witsch, 288 Seiten, 22 Euro).

Liv Strömquist: „Ich fühl’s nicht“ (Avant, 176 Seiten, 20 Euro).

RND


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